Ingersheim Respektvolles Zusammenleben

Asyl ohne Berührungsängste: Ulla Franz hat Amjada Alshamat aus Syrien in ihrem Haus aufgenommen. „Deutsch kann ich schon gut“ freut sich der junge Mann, der sich eine Einliegerwohnung mit einem weiteren Syrer im Haus der Familie teilt.
Asyl ohne Berührungsängste: Ulla Franz hat Amjada Alshamat aus Syrien in ihrem Haus aufgenommen. „Deutsch kann ich schon gut“ freut sich der junge Mann, der sich eine Einliegerwohnung mit einem weiteren Syrer im Haus der Familie teilt. © Foto: Martin Kalb
Von Carolin Domke 21.06.2018

Wenn man Ulla Franz besucht, trifft man auf sehr viel Herzlichkeit und Engagement. In ihrer Küche hilft sie einem jungen Mädchen bei den Hausaufgaben, unterstützt Asylsuchende, wenn sie aufs Amt müssen und gibt ihnen sogar ein Zuhause.

Mit ihrem Mann und einem Hund lebt sie in einem Haus mit einer Einliegerwohnung im ersten Stock in Ingersheim. Früher lebte dort ihre Schwägerin, doch nach ihrem Tod stand die Wohnung erst mal leer. Vor einem Jahr zog dann Amjad Alshamat in die geräumige Wohnung und später noch Mohamad Youssef ein. „Eigentlich wollte ich gerne einen Verwandten oder jemanden, den ich kenne“, verrät Franz im Gespräch mit der BZ. Bis es tatsächlich zum Einzug der beiden Syrer kam, dauerte es allerdings eine Zeit lang. Franz und Alshamat lernten sich vor etwa zwei Jahren über das Familienbüro der Stadt Bietigheim-Bissingen kennen. Dem jungen Syrer half sie damals unter anderem, die Formulare für seine Asylanträge auszufüllen. Weil sie sich sehr gut verstanden, wagte sie schließlich den Versuch, ihn in der Einliegerwohnung aufzunehmen.

Glückstreffer für beide Seiten

Im Jahr 2015 kam der heute 24-jähige Amjad Alshamat von Syrien nach Bayern. Er stammt aus einem Vorort von Damaskus, wo es eine Blockade gab. Wegen dieser konnte er damals auch nicht sein Abitur abschließen, denn das Prüfungszentrum lag außerhalb. Beim Versuch eine Familie in einen anderen Stadtteil zu bringen, wurde bei der Rückfahrt das Fahrzeug, in dem er saß, mit einer Rakete beschossen. Gerade rechtzeitig konnte er und sein Mitfahrer das Fahrzeug verlassen. Ein Splitter traf ihn jedoch im Auge, sein Mitfahrer verlor einen Arm. Um bessere ärztliche Hilfe zu erhalten und das Auge operieren zu lassen, machte Alshamat sich auf den Weg Richtung Türkei. Letztendlich gelangte er nach Deutschland, wo er vorerst drei Monate in einem Container in Bayern lebte. Danach ging es weiter zu seiner Schwester, die mit ihrem Mann und vier Kindern in Bietigheim-Bissingen lebt, erzählt er in gutem Deutsch. Die Chance, bei Ulla Franz einzuziehen, war für ihn ein Glückstreffer.

Heute lebt er mit dem 27-jährigen Syrer Mohamad Youssef in der Einliegerwohnung. Ihn lernte er damals in Bayern kennen. „Der Mitbewohner war mir zwar fremd, aber Amjad überzeugte mich so gut, dass er auch einziehen durfte“, sagt Franz.

Ihr sei es wichtig die Kultur kennenzulernen, dabei spielt für sie die Herkunft keine Rolle. „Es ist egal, woher jemand kommt. Wenn man auf den Anderen eingeht, können beide Seiten davon profitieren. Wenn man sich jedoch nicht die Mühe gibt, sich kennenzulernen, auf Distanz geht und lieber abweisend ist, dann könnte das schon schief gehen“, ist sie überzeugt. Alshamat ergänzt dazu: „Man muss sich auch respektieren und darf die Anderen nicht stören. In den Kursen lernen wir das.“

Anfangs habe es durchaus auf beiden Seiten auch mal Schwierigkeiten gegeben. Wenn Ulla Franz zum Beispiel etwas kritisierte und es als Beleidigung aufgefasst wurde. Auch hier haben die Kurse für Integration geholfen und heute stehen sich die beiden respektvoll gegenüber und erzählen, dass sie sogar öfter gemeinsam etwas unternehmen und zusammen Billardspielen.

Gute Integration

In der kleinen Wohngemeinschaft hat es auch schon mal gekracht. „Wenn man nichts zu hat, kann es schwierig werden“, meint der 24-Jährige. Mittlerweile haben aber beide einen Job gefunden, besuchen Deutschkurse und helfen gelegentlich im Haushalt von Ulla Franz mit, wenn es ums Kirschenpflücken oder um den Frühjahrsputz mit dem Kärcher geht. Auf der anderen Seite hat Franz den beiden jungen Männern bei den Bewerbungen geholfen und wirft hin und wieder einen Blick ins Berichtsheft. So macht Alshamat, der gerade für den Deutschkurs B2 lernt, eine Ausbildung zum Systemgastronomen und Youssef, als gelernter Mechatroniker, kann auf eine Stelle in einer Autowerkstatt hoffen.

Auf die Frage, wie es denn mit dem Ordnungssinn der beiden stehe, setzt Franz mit einem frechen Grinsen nur hinzu „ordentlicher als manch anderer.“

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