Ein brennendes Triebwerk, eine überforderte Crew, verängstigte Passagiere: Die Schilderungen von Marzena Pereira Meireles sind der Albtraum eines jeden Fluggastes. Am 15. August war die Frau aus Murr mit ihrer Familie mit der Fluggesellschaft Condor aus dem Urlaub von Hurghada zurück nach Stuttgart geflogen. Über Zagreb habe es Probleme mit einem Triebwerk gegeben, an Bord sei Panik ausgebrochen. Das Erlebnis traumatisiert die Familie. Pereira Meireles wendet sich an unsere Zeitung, weil sie möchte, dass der Vorfall an die Öffentlichkeit kommt.

Landkreis Ludwigsburg

Wie dramatisch war der Flug DE 217 wirklich? Nach dem Bericht über die Erlebnisse von Marzena Pereira Meireles sind die Meinungen geteilt. Übertrieben meinen die einen, beängstigend die anderen. „Ich bin froh, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, weil wir dadurch Kontakt zu anderen Passagieren bekommen haben, die auch im Flugzeug waren und das so wahrgenommen haben wie wir“, sagte Marzena Pereira Meireles dieser Zeitung am Montag. Unter anderem stehe in den nächsten Tagen ein persönliches Treffen an. „Nach der Reaktion der Fluglinie und einigen gemeinen Kommentaren, habe ich mich selbst gefragt, ob ich übertreibe, aber gerade die Rückmeldungen von anderen Passagiere, auch auf den Artikel hin, zeigen mir, dass wir nicht alleine sind“, erklärt Pereira Meireles.

Video zeigt Flammen

Der BZ ist ein Video zugespielt worden, das von einem Passagier auf dem Flug stammen soll.  Das Video zeigt, wie auch der Sprecher der Piloten-Vereinigung Cockpit, Janis Georg Schmitt, nach Einsicht erklärte, ein Triebwerk (links) aus Kabinensicht, aus dem Flammen schlagen. „Das kann mehrere Ursachen haben“, sagte Schmitt. Kurz nach dem Start könne ein Vogel hineingeflogen sein, da der Vorfall bei der Condor-Maschine aber erst auf Flughöhe geschehen sein soll, schließe er dies aus. Weiterhin sei möglich, dass ein mechanischer Schaden für die Flammen sorgte und schließlich kommt aus Sicht des Piloten auch noch verunreinigter Treibstoff als Ursache in Frage.

„Wenn mir die Crew oder Passagiere Flammen aus einem Triebwerk melden würden, würde ich keine lange Strecke mehr bis zum Zielflughafen zurücklegen“, sagte Schmitt. Passiere so etwas kurz nach dem Start, gehe es in der Regel zurück zum Startflughafen, ansonsten entweder zum nächsten Flughafen oder zum nächsten passenden Flughafen, da gebe es je nach Art des Schadens andere Vorgehensweisen. Über die Alpen würde er aber in einem solchen Fall eher nicht mehr fliegen. Vor allem wenn verunreinigter Treibstoff die Ursache gewesen sei, denn dann hätte auch das andere Triebwerk Schaden nehmen können. Was Schmitt an dem Video auch auffällig findet, ist die Ruhe der Passagiere, die um den Filmenden herumsitzen. Man hört im Hintergrund ganz normale Konversationsgeräusche und ein Mann der ruhig sagt: „(Über dem ) Kosovo sind wir jetzt“. Das könnte darauf hindeuten, dass das Video eine Zeit vor den von Pereira Meireles geschilderten Ereignissen aufgenommen wurde.

Schmitt bestätigte aber auch, dass man grundsätzlich mit einem Triebwerk fliegen könne. Dabei könne es am Anfang kurz zu einer leichten Schräglage kommen, weil nun nur von einer Seite der Schub komme. Da könne der Pilot aber gegensteuern, sodass man in der Regel nicht schräg fliege.

Frankfurt/Cancún

Das Flugzeug fliegt längst wieder

Auch Michael Beck meldete sich. Der 49-Jährige saß am 15. August ebenfalls in dem Flugzeug, das am Ende sicher in Stuttgart landete. Etwas mulmig sei ihm während des Flugs durchaus auch gewesen – und er könne die Ausführungen von Marzena Pereira Meireles im Großen und Ganzen bestätigen. Allerdings stellt der 49-Jährige aus Weinstadt die Situation bei weitem nicht so dramatisch dar.

Nach zwei Stunden, etwa auf halber Strecke, habe die Turbine ein übles Geräusch von sich gegeben, „so als ob jemand einen Schraubenschlüssel reingeworfen hätte“, sagt Beck. Die Maschine sei in einen Sinkflug gegangen und habe den Flug dann auf einer geringeren Höhe und mit reduzierter Geschwindigkeit fortgesetzt. Zur Seite geneigt habe sie sich nicht, und auch das Triebwerk habe „definitiv nicht gebrannt“.

Ein weiterer Passagier, der sich bei dieser Zeitung gemeldet hat, beschreibt allerdings Funken, die aus dem Triebwerk kamen. Außerdem seien die Stewardessen „wirklich aufgescheucht“ gewesen. Sein Fazit: Kein toller Flug, aber alle seien sicher angekommen und nur das zähle.

Die Beobachtungen bestätigte die Fluggesellschaft Condor zum Teil erneut: Demnach reduzierten die Piloten die Leistung eines der Triebwerke. Die Fluggesellschaft berichtet jedoch nur von einer „leichten Vibration an dem Triebwerk“. Es habe zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Passagiere bestanden. Techniker hätten den Airbus nach der Landung untersucht, die Maschine sei wieder freigegeben worden und befinde sich im Einsatz.

Zwischenfälle keine Seltenheit

Laut Jan-Arwed Richter vom Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre (JACDEC) in Hamburg, das seit 1991 eine Datenbank zur Flugsicherheit führt, sei das Flugzeug nach dem Vorfall vier Tage lang nicht geflogen. Er nennt die Vorkommnisse einen „durchaus zu bewältigenden Zwischenfall, der häufiger auftritt“.

Viele Passagiere an Bord des Airbus A 320 fühlten sich offenbar nicht wohl. Michael Beck führt das auch auf das Verhalten der Crew zurück. Die habe die Verunsicherung der Passagiere an Bord enorm geschürt. Der 49-Jährige habe den Eindruck gehabt, die Flugbegleiter hätten teilweise noch mehr Angst gehabt als die Passagiere. „Die sind hin- und hergerannt“, erinnert sich Beck. „Das war für mich mit das Schlimmste. Vielleicht hätte es vielen Passagieren schon geholfen, wenn man durchgesagt hätte: ‚Wir können auch gut mit einer Turbine fliegen’“, mutmaßt Michael Beck.

Die heutigen modernen Triebwerke fallen nur noch selten aus. Geschieht dies doch, handeln die Piloten nach einer vom Hersteller festgelegten Checkliste. „Hierzu gehört auch das Fliegen ‚in Schräglage’, da der Schub des verbleibenden Triebwerks ein Drehmoment erzeugt, das durch aerodynamische Maßnahmen vom Piloten ausgeglichen werden muss“, teilt das Luftfahrt Bundesamt auf Nachfrage mit.

Für viele der Passagiere war der Flug am 15. August von Hurghada nach Stuttgart ein einschneidendes Erlebnis. Michael Beck kann das nachvollziehen, obwohl die Sache für ihn schnell abgehakt war. „Als wir wieder unten waren, war es dann auch ok“, erinnert sich der 49-Jährige.

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