Markante Bauten Raumnot fördert kreative Projekte

Mathias Weißer.
Mathias Weißer. © Foto: Mathias Weißer
Kreis Ludwigsburg / Rena Weiss 01.12.2018

Wohnraumbedarf, Gewerbeflächenbedarf, Lärmschutz, Verkehrsbelastung – das sind die wohl wichtigsten Stichworte wenn es um das Bogenviertel in Bietigheim-Bissingen geht. Erst kürzlich wurde der Gewinner-Entwurf gewählt (die BZ berichtete). Die Vorgaben der Stadt an die Bewerber war groß. Ein enges Konstrukt an Regeln, die die Kreativität der Architekten einschränkt, könnte man meinen. Nein, sagt jedoch Mathias Weißer, „die Kreativität wird dadurch nicht eingeschränkt.“

Er ist Vorsitzender der Architektenkammergruppe Ludwigsburg und arbeitet als Hochbauamtsleiter für die Stadt Ludwigsburg. Die Arbeit eines Architekten habe mittlerweile eine höhere Komplexität erhalten durch das Baurecht, Energiesparverordnungen und anderen Regularien. „Dadurch entstanden aber auch neue Möglichkeiten“, sagt Weißer. Durch derartige Vorgaben der Auftragsgeber entstehen neue Konzepte und neue Gestaltungswege. Noch dazu haben sich die Materialien, die Herstellung und die Technik weiterentwickelt – eine weitere Möglichkeit in der Architektur neue und außergewöhnliche Wege zu gehen.

Ängste der Architekten

Doch, so der Vorsitzende, spüre er eine gewisse Angst bei den Bauträgern gegenüber Neuem. „Es besteht keine Not, etwas zu riskieren“, sagt er im Bezug auf den so dringend nötigen Wohnbau. „Das führt dazu, dass Projekte standardisiert werden.“ Denn bereits bekannte Bauweisen lassen sich gut verkaufen, erklärt er. Bei privaten Bauträgern sei dies einfacher. Dort gebe es Klienten, die etwas Neues ausprobieren wollen. Allerdings warnt er auch: „Nicht alles Experimentelle ist gut.“ Auch deswegen sei es im Städtebau wichtig, dass die Stadt mitdenkt, wenn sie Bauprojekte ausschreibt, eine gute Vorgabe vorbereitet und nicht nur das Geld in den Vordergrund stellt. „Damit haben Architekten erst Spielraum“, erklärt Weißer und ergänzt, „dass sie ihren Kreativitätssinn eher ausleben können, wenn klar wird, dass der Bauträger diesen auch abfragt.“

Im Wohnungsbau gehe die Tendenz leider dazu, dass die Parameter in Ausschreibungen enger werden, sagt der Hochbauamtsleiter. Damit meint er jedoch die Vorgaben, wie viele Wohnungen mit wie vielen Zimmern in einem neuen Gebäude entstehen sollen. „Wenn am Schluss nur die Anzahl der Wohnungen gezählt wird, ist der Spielraum gering“, betont er.

Deswegen ist er der Meinung, dass die Architektur mehr auf Flexibilität setzen sollte und meint damit anpassbare Grundrisse. So auch zu sehen in Bietigheim-Bissingen in der Schwarzwaldstraße. Ein Gebäude soll als Schulprovisorium genutzt und dann in Büro- und Wohnflächen umgewandelt werden. Experimentelle Wege gehen hier beispielsweise auch die Schweiz und Niederlande. „In den Niederlanden ist aber das Bedürfnis nach Privatheit weniger da“, erklärt Weißer, warum dort auf engem Raum gelebt werde.

Herausforderungen

Damit spricht er auch eine Herausforderung für die heutigen Architekten an: Platzmangel. „Durch Raumnot entstehen auch interessante Projekte.“ Dabei müsse auch der Bestand mit bedacht werden. Wie in Ludwigsburg. Hier lege die Stadt viel wert darauf, dass Sanierungen oder Neubauten den Charakter der bestehenden Gebäude übernehmen. „Ich finde es immer wichtig, dass man Gebäude nicht so baut, dass sie als Einzelgebäude rausstechen und die Umgebung ignorieren.“ Als gelungenes Beispiel nennt er das Kinder- und Familienzentrum in Ludwigsburg-Poppenweiler. Er weiß, dass seine Meinung nicht von allen Anwohnern geteilt werde, doch habe sich dieses Gebäude des Stuttgarter Architekturbüros „von M“ sehr gut in die ländliche Umgebung eingefügt.

Im Trend liegt zudem nachhaltiges Bauen. „Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen“, sagt der Kammervorsitzende. Da müsse genau überlegt werden, was wo eingesetzt wird, um CO2-neutral zu sein – auch schon während des Baus. „Holz bietet da Vorteile“, sagt er zur Holzybridbauweise wie in der Bietigheimer Bahnhofstraße. Holz bietet aber auch Vorteile, wenn es darum geht, Materialien wiederzuverwenden. „Cradle to cradle“ heißt dies in der Baubranche. Ein Beispiel ist Recyclingbeton. Für die Zukunft wünscht sich Mathias Weißer von allen Bauträgern „den Mut, solche Projekte auch entwickeln zu wollen.“

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