Einen „Sanierungsfall“ hat der Chef des deutschen Beamtenbundes, Ulrich Silberbach, den öffentlichen Dienst in Deutschland genannt. Einer Abfrage des Beamtenbundes zufolge fehlten derzeit 300 000 Beschäftigte. Die BZ hat im Kreis nachgefragt.

Dass gerade kleinere Kommunen Probleme haben, Personal für die Verwaltung zu finden (siehe Interview unten) kann Volker Godel, Bürgermeister von Ingersheim bestätigen. Gut 6000 Einwohner hat Ingersheim. Die Stellen im Rathaus habe man derzeit besetzt aber das sei vor 15 bis 20 Jahren noch viel einfacher gewesen. „Damals haben wir auf eine Ausschreibung fünf bis acht passende Bewerbungen bekommen, heute sind es vielleicht zwei bis drei“, sagt Godel. Das kann auch Uwe Seibold bestätigen. Er ist Bürgermeister von Kirchheim. Die Gemeinde hat knapp 6000 Einwohner und schätzt sich glücklich, fast alle Stellen besetzt zu haben. „Die Stelle des Gemeinde-Vollzugsbeamten ist erst ab April wieder besetzt“, sagt Seibold. Es habe mehrere Ausschreibungen gebraucht, um dafür jemanden zu finden. Godel wisse von Kollegen, die etwa für Stellen in der Kämmerei gar keine taugliche Bewerbung mehr erhalten.

Autobauer als Konkurrenz

Die Bürgermeister sehen die Privatwirtschaft als starke Konkurrenz. Wer bei Daimler eine Verwaltungstätigkeit ausübe, verdiene eben einfach besser, sagt Seibold. Laut Godel müsste es mehr Studienplätze für Verwaltung geben. Da habe man etwas geschlafen und das sei vergleichbar mit der Situation bei den Lehrern. Für den Ingersheimer Schultes ist ein Mittel, ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen und vor allem selbst auszubilden. So könne man Fachkräfte binden, auch wenn sie nach der Ausbildung noch ein Studium dranhängen.

Landratsamt: 100 Stellen frei

Um eine ganz andere Größenordnung geht es bei der Kreisverwaltung. Dort waren laut Sprecherin Caren Sprinkart 2019 insgesamt 2097 Menschen beschäftigt, davon 521 Beamte. Die Zahl steige langsam, wegen des Bevölkerungswachstums. Durch neue gesetzliche Vorgaben nehme auch die Zahl der Aufgaben in der Kreisverwaltung zu. „Aktuell sind bei der Kreisverwaltung rund 100 Stellen nicht besetzt. Das entspricht einer Quote von cirka 4,7 Prozent“, erklärt Sprinkart. Die meisten offenen Stellen gebe es bei den Ingenieuren, dem gehobenen Verwaltungsdienst und im Bereich des Jobcenters. Diese seien vor allem deswegen nicht besetzt, weil „sich die Nachbesetzung mit qualifiziertem Personal schwierig gestaltet“.

Als einen Sanierungsfall will Sprinkart den öffentlichen Dienst aber nicht bezeichnen: „Es ist eine Herausforderung, mit dem zur Verfügung stehenden Personal die stetig wachsenden Aufgaben zu erfüllen. Diese Herausforderung besteht jedoch auch in der Wirtschaft.“ Das Landratsamt setzt im Kampf um gutes Personal verstärkt auf die Förderung und Entwicklung der bereits beschäftigten Mitarbeiter. So biete man viele Qualifizierungsangebote oder ein Programm für Nachwuchsführungskräfte. Mit einer Kinderbetreuung, einem ÖPNV-Zuschuss und einer besonderen Gesundheitsfürsorge will man als attraktiver Arbeitgeber Personal anlocken.

Längere Vertragslaufzeiten

Bei der Arbeitsagentur Ludwigsburg (170 Mitarbeiter) kennt man sich gut auf dem Arbeitsmarkt aus, vielleicht gibt es dort deshalb nur eine offene Stelle. Wie Sprecherin Birgit Festag mitteilt, sucht man derzeit einen Berufsberater für Bietigheim. Aber auch sie gibt zu „Diese Vakanzensituation ist für eine Dienststelle in Ludwigsburger Größe eher unterdurchschnittlich.“ Dennoch sei es wegen der guten Lage am Arbeitsmarkt und Großkonzernen in der Umgebung nicht einfach, neue Mitarbeiter zu bekommen. Bei der Ludwigsburger Agentur hat das dazu geführt, dass man künftig Angestellte dauerhaft an sich binden will. Eine Pensionierungswelle erwartet Festag nicht, jährlich würden lediglich vier bis fünf Mitarbeiter in den Ruhestand wechseln.

Schwer zu kämpfen hat dagegen die Polizei im Land. Man rechnet mit einer Pensionierungswelle bis 2025. Beim Polizeipräsidium Ludwigsburg mit seinen 1600 Beamten wird laut Sprecherin Katharina Beck der Tiefpunkt der Durststrecke in diesem Jahr durchschritten: „Danach werden die Personalzahlen spürbar ansteigen.“ Grund sei die Einstellungsoffensive der Baden-Württembergischen Landesregierung. Deren 1500-Stellen-Programm sorge nun dafür, dass schnellstmöglich nachbesetzt werde.

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz