Die SPD sucht ein neues Vorstandsteam. Dabei soll eine Mitgliederbefragung helfen. Von den sechs angetretenen Paaren haben es nun nach der ersten Runde zwei in die Stichwahl geschafft, die am 19. November beginnt. Von den gut 425 000 stimmberechtigten Mitgliedern  haben sich gut 53 Prozent beteiligt. In die Stichwahl sind die Duos Klara Geywitz und Olaf Scholz (22,7 Prozent) sowie Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans (21,0) eingezogen. Die BZ hat SPD-Vertreter im Kreis zu ihrer Meinung befragt.

Der Kreisvorsitzende Macit Karaahmetoglu sieht die Abstimmung positiv: „Ein transparenteres Verfahren gibt es nicht.“ Für ihn ist auch die Beteiligung von 53 Prozent ein guter Wert, da müsse man zum Vergleich nur mal auf andere Parteien oder Umfragen schauen. Der Rechtsanwalt erklärt aber, dass er schon überrascht war: „Ich hatte das Duo Geywitz und Scholz auch vorne, aber ich hatte dahinter mit Christina Kampmann und Michael Roth gerechnet.“ Das drittplatzierte Team habe eine gewisse Frische hereingebracht. „Ich weiß auch nicht, welche Rolle der starke Landesverband Nordrhein-Westfalen gespielt hat“, sagt Karaahmetoglu. Der Hintergedanke: Viele Stimmen aus dem mitgliederstarken Verband sind wohl an den Lokalmatadoren Walter-Borjans geflossen.

Karaahmetoglu ist auf jeden Fall gespannt auf die Stichwahl und will sich gut überlegen, für wen er stimmen wird. Grundsätzlich hoffe er, dass es dabei bleibe, dass die Partei nicht zerrissen werde.

Dorothea Bechtle-Rüster, Kreisrätin, Bönnigheimer Gemeinderätin und Beisitzerin in der SPD Bönnigheim-Erligheim-Kirchheim, ist nun etwas ratlos, weil sie keines der beiden Paare gewählt hat: „Da die Grünen ein erfolgreiches Duo an der Spitze haben, war wahrscheinlich die Meinung vorherrschend, den Erfolg, den die SPD dringend benötigt, durch ein attraktives Paar an der Spitze zu ermöglichen. Grundsätzlich bin ich nicht gegen eine Doppelspitze, jedoch war es bestimmt für viele Mitglieder schwierig, sich zu positionieren, weil sie eventuell  zwar den einen Partner gut fänden, jedoch das passende Gegenstück nicht kennen oder sogar ablehnen.“ Für Bechtle-Rüster hat die SPD ein Führungsproblem: „Nun haben wir zwei Paare, die gegensätzliche Positionen vertreten. Olaf Scholz und Clara Geywitz als Vertreter und Befürworter der Groko, und das eher linke Paar Borjans und Esken. Wird Scholz nicht gewählt, wird gemutmaßt, er sei beschädigt in seinem Amt, was ich aber nicht so sehe.“ Wenn das Paar Borjans und Esken die Wahl gewinnen werde, „wird sich die Frage eher stellen, ob man die Koalition gleich aufkündigt“. „Meine Befürchtung ist, dass sich, egal wer gewinnt und welche Folgen das hat, das Blatt dadurch nicht zugunsten der SPD wenden wird“, so Bechtle-Rüster.

„Gewählt habe ich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans“, sagt Colin Sauerzapf, der Kreisvorsitzende der Jusos. Die Wahlbeteiligung findet er mit rund 53 Prozent zwar durchaus niedrig, überrascht habe ihn das aber nicht. „Es wäre schon ein starkes Zeichen gewesen, wenn die Wahlbeteiligung höher gewesen wäre.“ Den Grund sieht er in eher älteren „Karteileichen“, wie er sagt, „die sich vielleicht nicht eingelesen haben und deshalb nicht wählen gegangen sind.“ Den geringen Abstand zwischen den Teams sieht der Kreis-Juso-Chef nicht negativ. „Es gab keinen eindeutigen Favoriten, die Teams haben unterschiedliche Schwerpunkte“, sagt er. Daher hätten sich die Stimmen aufgespalten auf das linke Spektrum und die eher Konservativen. Sauerzapf findet es gut, dass „nicht seit Jahren etablierte Politiker“ aufgestellt worden sind. Daher seien sie nicht wegen ihrer Persönlichkeit gewählt worden, sondern weil sie für die Partei sprechen.

Es sei ihr klar gewesen, so die SPD-Fraktionsvorsitzende im Sachsenheimer Gemeinderat, Helga Niehus, dass die Wahlbeteiligung der Mitgliederbefragung nicht hoch werde: „Es waren sechs Teams, von denen jedes punkten konnte, ich glaube, da waren viele Mitglieder überfordert, eine Wahl zu treffen.“ Sie habe natürlich gewählt, aber es sei ihr sehr schwer gefallen und sie will auch nicht sagen, wen sie wählte. Bei der Stichwahl, so meint sie, würden mehr Mitglieder zur Wahl gehen. Dann, so Niehus, werde sich die künftige Richtung der SPD zeigen, denn „die beiden Paare nehmen gegensätzliche Positionen ein, jetzt müssen sich auch die Mitglieder positionieren“, sagt sie. Sie hoffe „inständig“, dass der neue Parteivorsitz die SPD in eine bessere Zukunft mit besseren Abstimmungswerten führe sowie Ruhe in das Personalkarrussel und in die SPD bringe, „alles andere wäre dann peinlich“.

Thomas Reusch-Frey, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Bietigheim-Bissingen, begrüßt die offene Form der Vorsitzendenbestimmung, auch wenn er anmerkt: „Ich hatte mir eine höhere Beteiligung erhofft und bin schon ein wenig enttäuscht.“ Die aktiven Mitglieder aus Bietigheim hätten eigentlich alle signalisiert zu wählen. Bei der Stichwahl sieht er den Bundesfinanzminister Olaf Scholz und seine Partnerin nicht in der Favoritenrolle. Es gebe viele, die gegen eine Weiterführung der Groko seien und das werde sich bei der Stichwahl bemerkbar machen, glaubt Reusch-Frey. Er hatte beide Spitzenreiter-Duos vorher als Favoriten auf dem Zettel, sieht die Arbeit der SPD in der Groko aber als wichtig an.