Überblick Osmanen: „Wir sind bereit zu sterben und zu töten“

Besucher stehen vor Beginn eines Prozesses gegen mutmaßliche Führer der türkisch-nationalistischen Straßengang „Osmanen Germania BC“ am Eingang in das Gerichtsgebäude in Stuttgart.
Besucher stehen vor Beginn eines Prozesses gegen mutmaßliche Führer der türkisch-nationalistischen Straßengang „Osmanen Germania BC“ am Eingang in das Gerichtsgebäude in Stuttgart. © Foto: Sebastian Gollnow
Ludwigsburg / Bernd Winckler 19.06.2018

Osmanen Germania BC – seit Ende 2016 kommt dieser Club, der sich offiziell als Box-Club versteht, nicht mehr aus den Schlagzeilen. Meist geht es um Körperverletzung, brutale Folter und Mordversuche. Der Ursprung der Osmanen ist bei den Hells-Angels zu suchen, wenngleich diese sich heute von den Osmanen distanzieren.

Im Mai 2014 waren Hells-Angels und Osmanen noch Verbündete, der Box-Club (BC) Frankfurt und der Box-Club BC Rodgau. Gründungspräsident war und ist der frühere Boxer Mehmet Bagci, der jetzt im Stammheimer Gerichtssaal auf der Anklagebank sitzt. Sein Vize, der Ex-Hells-Angel-Präsident Selcuk Sahin war Mitbegründer und ist ebenfalls im Stammheim angeklagt. Seit ihrer Gründung expandierte die Rockergruppe bundesweit sehr schnell. Kodex für Neumitglieder: „keine Hemmungen zeigen, nie mit der Polizei reden“.

Mit Boxen haben die Mitglieder nichts am Hut und den Harley-Davidsons haben sie längst abgeschworen. Stattdessen fahren sie jetzt Autos der Marke AMG oder Audi R8, wobei die Staatsanwaltschaften noch rätseln, woher der Verein das Geld dafür hat. Sie verstehen sich als türkische Nationalisten, stehen vor allem Präsident Redcep Tahin Erdogan nahe. Ihm versprachen sie, in Deutschland in seinem Sinne gegen den Auswuchs der Terroristen zu kämpfen. Es gibt viele Dokumentationen über Treffen zwischen Osmanen-Weltpräsident Bagci und türkischen Politikern der Regierungspartei AKP. Es soll sogar Geld von der türkischen Regierung für Waffenkäufe an die bundesdeutschen Osmanen geflossen sein. Es ist bei den Ermittlern inzwischen ein offenes Geheimnis, dass die Osmanen-Truppe Erdogans Garde in Deutschland darstellt.

Bagci, der Hauptangeklagte, hat es immer wieder in die Öffentlichkeit gerufen: „Wir sind bereit, für unsere Sache zu sterben und zu töten.“ Aber welche „Sache“ meint er? Die Strafverfolgungsbehörden Stuttgart, Heilbronn und Pforzheim haben dicke Aktenbündel über Straftaten der Rockergruppe, nachdem es zeitgleich im Oktober 2016 in mehreren Bundesländern zu Großrazzien kam und dabei Schusswaffen, Handgranaten, Munition, Drogen und Dopingsubstanzen sichergestellt wurden.

Beginn in Saarbrücken

Zuerst kam es in Saarbrücken zu einem Anschlag auf eine Shisha-Bar der verhassten Bahoz-Bewegung. Im November 2016 dann der erste in Ludwigsburg registrierte Brandanschlag: Vor einer Diskothek in der Innenstadt wurde der Geländewagen eines kurdischen Bahoz-Mitglieds angezündet. Im Sommer zuvor bedrohten sich Bahoz und Osmanen zunächst verbal im Internet und marschierten dann teilweise vermummt in Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen auf. Am 20. April 2016 wurde ein Mitglied aus dem kurdischen Bahoz-Umfeld mit Holzknüppeln krankenhausreif geschlagen wurde. Die folgende Nacht zum 21. April ging dann bei der Ludwigsburger Polizei als eine der brutalsten Auseinandersetzung zwischen den beiden Rockerbanden in die Stadtgeschichte ein. Der Rachefeldzug der Osmanen hinterließ nach stundenlanger Schlägerei am Ludwigsburger Klinikum schließlich zwei schwerverletzte Kurden und mehrere Leichtverletzte.

Am 11. April letzten Jahres setzte das Stuttgarter Landgericht ein erstes ernstes Zeichen gegen die Machenschaften der Osmanen Germania BC. Acht Führungsmitglieder wurden festgenommen, darunter Weltpräsident Mehmet Bagci und Levent Uzundal, sein Vize für Baden-Württemberg. Die Vorwürfe: Zuhälterei, Waffenbesitz, Mordversuch, Anstiftung zum Mord, Körperverletzung und Drogenhandel.

Opfer aus den eigenen Reihen

In dem Prozess geht es um Opfer aus den eigenen Reihen oder der kurdischen Bahoz-Bewegung. Opfer, die eigentlich glaubten, es handele sich tatsächlich um einen Boxclub. Bis sie das Gegenteil merkten, war es zu spät. Der Austritt aus der Rockergruppe kostete einige fast das Leben. Die Sicherheitsvorkehrungen beim Prozess sind enorm: Rund 300 Spezialkräfte verschiedener Polizeidirektionen und Wachpersonal der Justiz sorgen dafür, dass im Stammheimer Verhandlungssaal Ruhe herrscht. Die Mitglieder der 3. Strafkammer werden morgens im Bus angeliefert. Sie dürfen erst aussteigen, wenn sie die Mauern des Gebäudes hinter sich haben.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel