Im Landkreis Ludwigsburg sind 19,8 Prozent der 543 984 hier lebenden Menschen (Stand 2018) über 65 Jahre alt. Laut dem Statistischen Landesamt sind es in Bietigheim-Bissingen sogar 21 Prozent. Doch viele Menschen dieser Altersgruppen haben es in der aktuellen Lage schwer, weil durch die geltenden Corona-Vorgaben immer mehr online passiert.

„Die Menschen, die heute aus dem Berufsleben ausscheiden, haben Internet-Kenntnisse“, sagt Renate Wendt, Vorsitzende des Dachverbands für Seniorenarbeit Bietigheim-Bissingen. Diejenigen, die aber vor zehn bis 15 Jahren in Rente gegangen sind, hätten oft nur wenige Internet-Kenntnisse im Beruf erworben. Oft werde vorausgesetzt, dass alle die gleichen Fähigkeiten haben, doch damit werden ohne böse Absicht Menschen vergessen, findet die Vorsitzende. Zusätzlich gibt es je nach Pflegeheim unterschiedlich gut ausgebaute Internetzugänge.

Alles nur noch online

Doch ein Internetzugang war vor allem in den ersten Wochen der Corona-Krise wichtig, da immer mehr ins Internet verlagert wurde: Einkaufen per Onlinebestellung, selbst bei Geschäften, bei denen das bislang nicht möglich war, Bus-Tickets nur noch über den Automaten oder online und zuletzt auch der Kauf von Freibad-Tickets. In Bietigheim-Bissingen hieß es bis einen Tag vor der Eröffnung noch, dass Tickets für den Ellental Badepark nur online erworben werden können. „Aufgrund der Vorgaben der Landesregierung müssen wir die Besucherzahlen nachvollziehen und dokumentieren können. Das gelingt am uns am sichersten mittels eines online erworbenen Tickets“, erklärt Isabel Friedrich, Pressesprecherin der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen (SWBB), die den Badepark betreiben. „50 Prozent meiner Mitglieder haben eine E-Mail-Adresse“, sagt Wendt indes, „die anderen 50 Prozent nicht und die darf man nicht vergessen.“ Wer keine E-Mail-Adresse habe, nutze in der Regel auch das Internet nicht so oft, um sich im Umgang damit sicher zu fühlen. „In zehn Jahren haben wir dieses Problem nicht mehr“, ergänzt Wendt und sieht in der Krise auch Chancen für die Digitalisierung, weil beispielsweise Schulen und auch die Landesregierung in Druck geraten, in diesem Bereich Verbesserungen herbeizuführen.

Kritik an Freibad-Tickets

Die BZ erreichten jedoch einige Leserbriefe, die das Online-Ticketsystem des Bietigheim-Bissinger und des Löchgauer Freibads kritisierten. Ob alle die nötige Ausrüstung haben würden und mit den Medien vertraut seien, wurde in den Leserbriefen unter anderem gefragt. Die Rede ist gar von einer Diskriminierung der älteren Generation. Auch Renate Wendt wurde von einem Mitglied gebeten, sich für eine andere Lösung einzusetzen. Sie wandte sich mit der Idee, Tickets in der Tourist Info zu verkaufen, an die Stadt. Die Stadt sowie die SWBB nahmen die Kritik an und boten eine Lösung an. Personen, die kein Smartphone besitzen, können sich das Ticket zuhause ausdrucken und mitbringen. „Wer Probleme bei dem Vorgang im Internet hat, bekommt bei der Tourist Info in den Arkaden Unterstützung beim Kauf“, sagt Isabel Friedrich, „die Tourist Info führt die Bestellung im Namen der Person gerne durch.“ Es könne auch direkt für mehrere Tage ein Ticket gekauft werden. In der Tourist Info muss jeder eine Kreditkarte, seine PayPal-Verbindungsdaten oder seine Bankverbindung mitbringen. Barzahlung ist nicht möglich. Zudem werde es ab 1. Juli möglich sein mittwochs und freitags jeweils von 6 bis 8 Uhr ein zusätzliches Zeitfenster für Frühschwimmer zu buchen. „Wir sind uns der außergewöhnlichen Vorgehensweisen eines Freibadbesuchs bewusst und bedauern die daraus entstehenden Unannehmlichkeiten.“

Doch Bietigheim-Bissingen ist damit nicht alleine, auch in Löchgau bietet die Gemeinde nach der Kritik am reinen Onlineticket ihre Unterstützung an. Personen, die mit dem Onlinekauf Probleme haben, können sich ans Bürgerbüro wenden. „Es war den Verantwortlichen – auch in Löchgau – sehr bewusst, dass damit vor allem ältere Menschen Probleme haben könnten“, sagt Robert Fiesel, SPD-Gemeinderat in Löchgau. In einem Leserbrief erklärt der Löchgauer, wie es dennoch zu der Entscheidung kam. Nach der Corona-Verordnung des Landes müssen Betreiber der Freibäder die Namen, Adressen und eine Telefonnummer aller Badegäste erfassen. „Der Verwaltungsaufwand, dieser Vorgabe in Papierform nachzukommen, wäre nicht verantwortbar gewesen.“ Es hätten sich bereits bei wenigen Gästen zwangsläufig Warteschlangen an der Kasse gebildet, die im Augenblick so gut es geht vermieden werden sollten, ergänzt Fiesel.
Die Idee, Senioren mit einer Jahreskarte vormittags, ohne tägliche Registrierung ins Bad zu lassen, spricht das Ratsmitglied ebenfalls an: „Als langjähriger Jahreskarteninhaber und leidenschaftlicher Schwimmer hätte ich auch eine Jahreskartenlösung bevorzugt.“ Dabei wäre allerdings nur der Online-Bezahlvorgang weggefallen. Die Sammlung der Adressdaten hätte auch dann über ein Internet-Buchungssystem abgewickelt werden müssen, so Fiesel. „Die einzige Alternative zur Online-Buchung wäre deshalb gewesen, unser Löchgauer Bädle in diesem Jahr vollständig geschlossen zu halten. Ich bin froh, dass wir auch in diesem Jahr in Löchgau schwimmen können.“

Bustickets beim Fahrer kaufen

Nicht nur die Onlinetickets der Freibäder sorgen bei manchen Menschen für Einschränkungen. Viele ältere Menschen lösen gerne beim Busfahrer ihre Tickets, weiß Renate Wendt. Doch mit den Corona-Einschränkungen war dies nicht mehr möglich. Aber auch hier gibt es gute Nachrichten: Seit rund einer Woche ist es wieder möglich,Tickets beim Fahrer zu lösen.