30 Uhr in Ludwigsburg. Noch etwas verschlafen sitzen zwölf Menschen in einem schlichten Raum. An einer Wand demonstriert ein Plakat die Stabile Seitenlage. Daneben ist ein Erste-Hilfe-Kasten zu sehen. Die Teilnehmer, die sich in der Monreposstraße 53 zusammengefunden haben, werden in den nächsten Stunden alles über Erste Hilfe erfahren. Und weil an diesem Samstag der Welt-Erste-Hilfe-Tag ist, ist auch BZ-Redakteurin Rena Weiss dabei und wird den Grundkurs des Kreisverbands Ludwigsburg des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) begleiten.

„Erste Hilfe ist simpel“, sagt Dieter Fuchs zu Beginn. Der 70-Jährige ist gelernter Rettungsassistent und bringt knapp 50 Jahre Erfahrung mit, die er mit den Teilnehmern teilen will.  „Aber im Nachhinein bin ich nicht mehr bei ihnen. Vielleicht im Gedächtnis“, hofft er. Sein Wunsch  ist nicht unberechtigt. Jährlich verunglücken laut DRK in Deutschland mehr als eine Million Menschen zu Hause. „Die Küche ist ein verdammt gefährlicher Arbeitsplatz“, weiß Fuchs.

Doch nicht nur dort passieren Unfälle, auch der Weg zum Arbeit und am Arbeitsplatz selbst kann es gefährlich werden. 2018 verunglückten dort einer Erhebung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zufolge ebenfalls mehr als eine Million Menschen Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt, dass fast 10 000 der häuslichen Unfälle tödlich enden, bei den betrieblichen Unfällen sind es 741 der Unfälle. Aus diesem Grund sind die Teilnehmer bei Fuchs – um sich für ihre Betriebe als Ersthelfer ausbilden zu lassen.

Für manche von ihnen ist es der erste Kurs, nach dem obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein. Die Kurse sind allerdings ähnlich aufgebaut. Eine große Veränderung gibt es allerdings. 2014 hat die DGUV beschlossen, die Ausbildung auf einen Tag zu verkürzen. Bisher waren es 16 Unterrichtseinheiten verteilt auf zwei Tage, je sechs Stunden. Nun sind es neun Unterrichtseinheiten, je 45 Minuten. Mit Pausen wurden den Teilnehmer also von 8.30 bis gegen 16.30 Uhr die Grundlagen der Ersten Hilfe beigebracht. Es gilt das Prinzip: „Anschauen, Ansprechen, Anfassen“.

Fremdkörper nicht entfernen

Als Erstes steht die Wundversorgung auf dem Programm. Das kann vom kleinen Schnitt bis zu großen Verletzungen mit Fremdkörper alles sein. Hier gibt Dieter Fuchs klare Anweisungen: Nicht desinfizieren und Fremdkörper nicht herausziehen. „Wenn der Patient ihn selbst herausgezogen hat, dann bitte nicht wieder reinstecken“, scherzt er.

Die Regel hat einen einfachen Grund: Der Fremdkörper hat die Wunde zwar verursacht, verschließt sie aber gleichzeitig. Ist der Fremdkörper draußen, fängt es meist erst richtig an zu bluten. Auch zum Desinfizieren hat Fuchs eine einfache Erklärung: „Es tut weh.“ Eine Ausnahme gibt es: Bisswunden müssen immer und sofort ausreichend mit Wasser ausgespült werden. „Menschenbisse sind gefährlicher als Tierbisse“, sagt der erfahrene Rettungsassistent. Er warnt auch vor Hausmitteln: Kein Mehl, Gänseschmalz oder Joghurt soll auf beispielsweise Brandwunden. Fuchs spricht dies an, weil immer noch viele sie kennen.

Nun geht es an die Praxis. In Vierer-Gruppen müssen vier verschiedene Verbände angebracht werden. Fingerkuppen-, Hand-, Ellenbogen- und Kopfverband müssen die Teilnehmer bewerkstelligen. Fuchs teilt Erste-Hilfe-Kästen aus: „Wie im Alltag können die Kästen nicht komplett sein.“ Schon geht es los, an einem Tisch wird erst mal der Kasten geleert, am anderen die Anleitung studiert, die künftigen Ersthelfer sind zunächst nicht auf sich allein gestellt. Der Fingerkuppenverband geht schnell. Letztlich ist es nur ein speziell geformtes Pflaster. Beim Hand- und Ellenbogenverband wird es schon schwieriger. Wo ist das Dreieckstuch, wundern sich die einen. Wie mach ich den Verband jetzt fest, fragt sich ein anderer. Wir haben keine Klebestreifen, wundert sich ein Teilnehmer. Dieter Fuchs gibt Tipps, welcher Verband als Ersatz genommen werden kann und erklärt erneut, dass seine Anleitungen nur Hilfestellungen sind. Manchmal muss improvisiert werden. Gesagt, getan: Eine Teilnehmerin reißt das Ende des Verbands in zwei Hälften und verknotet es kurzerhand. So sitzt er auch fest.

„Nicht um den Hals“, rät der 70-Jährige einem anderen Teilnehmer, der gerade den Kopf seines Nebensitzers verbinden will. Der Verband soll ihn nicht strangulieren, sondern für den besseren Halt um das Kinn gewickelt werden. Noch ist es spaßig wie im Schulunterricht. Im Ernstfall kommen Blut, Panik, Angst und Unsicherheit dazu. „Wenn es hier drinnen klappt, dann auch draußen“, beruhigt Fuchs.

Fünf bis zehn Minuten Nasenbluten

Auch beim Nasenbluten wissen die künftigen Ersthelfer bald, was sie tun müssen. Für die Teilnehmer ist klar: Nacken kühlen und Kopf nach hinten. „Sollte in so einem Fall der Rettungsdienst gerufen werden?“, fragt Dieter Fuchs in die Runde. Kopfschütteln und hier und da ein fragender Blick.

Normales Nasenbluten sollte nach fünf bis zehn Minuten von alleine aufhören, erklärt Fuchs. Wenn es das nicht tut, sollte ein Notruf abgesetzt werden. Ein Grund für nicht stoppendes Nasenbluten kann ein blutverdünnendes Medikament sein. „Hat der Patient eines eingenommen“, fragt Fuchs beim simulierten Telefongespräch. Wissen die Ersthelfer nicht. Ihnen war nicht bewusst, dass sie danach fragen hätten fragen müssen. Aspirin ist beispielsweise ein solches Medikament sein. „Wurde sein Nacken gekühlt?“ Ja. „Wurde sein Kopf nach vorne geneigt?“ Auch hier ist der Grund logisch, wenn man ihn weiß: Ist der Kopf nach vorne geneigt, läuft das Blut aus dem Körper und man sieht, wie viel herauskommt und ob es aufhört.

Seit 1974 gibt Dieter Fuchs Erste-Hilfe-Kurse – er weiß genau, worauf es ankommt. Weiter geht es mit der Stabilen Seitenlage. Wie ging die denn noch einmal? Auch hier wird es den Ersthelfer einfach gemacht. Vier Schritte und der bewusstlose Patient liegt seitlich auf dem Boden. Zur Stabilen Seitenlage kommt es, wenn der Verletzte noch atmet.

Was aber, wenn nicht? 2018 erlitten in Deutschland 182 000 Personen einen Herzinfarkt. Fast doppelt so viele einen Schlaganfall. In solchen Fällen kann es sein, dass der Erkrankte wiederbelebt werden muss. „Keine Sorge, schlechter, als es dem Patienten in der Situation geht, kann es ihm nicht gehen“, sagt Fuchs, bevor er zeigt, wie eine Herzdruckmassage funktioniert.  Nichts ist schlimmer, als gar nichts zu machen, betont Fuchs immer wieder. Denn bei mehr als 50 000 Menschen in Deutschland bleibt jedes Jahr das Herz stehen (Fälle in Krankenhäusern ausgenommen). Nur in 34 Prozent dieser Notfälle trauen sich Ersthelfer zu reanimieren. Dieter Fuchs hat an diesem Tag alles dafür getan, dass die zwölf neuen Ersthelfer aus Ludwigsburg wissen, was sie im Ernstfall tun müssen.

Bis zu 10 000 Euro Strafe


Das Arbeitsschutzgesetz gibt vor, dass Unternehmer Erste Hilfe im Betrieb gewährleisten müssen. Das bedeutet, dass es in jedem Unternehmen Ersthelfer geben muss. Ersthelfer kann dabei nur sein, wer in Erster Hilfe ausgebildet ist. Wie viele in einem Unternehmen jeweils für Erste Hilfe, Brandbekämpfung und Evakuierung zuständig sind, ist abhängig von der Anzahl an Beschäftigten. Bei zwei bis 20 Angestellten muss es mindestens einen Ersthelfer geben. Bei mehr als 20 Mitarbeitern müssen in Verwaltungs- und Handelsbetrieben fünf Prozent Ersthelfer sein, in sonstigen Betrieben zehn Prozent, in Kindertageseinrichtungen muss es ein Ersthelfer je Kindergruppe geben und in Hochschulen zehn Prozent.

Halten sich die Betriebe nicht an die gesetzlichen Vorschriften, kann ihnen ein Verwarn- oder Bußgeld von bis 10 000 Euro ausgestellt werden. Kommt dann auch noch jemand zu Schaden, weil kein Ersthelfer anwesend war, müssen die Unternehmen mit strafrechtlichen Konsequenzen, beispielsweise einer Anklage wegen Körperverletzung, rechnen. rwe