Die Untersuchung des Heimskandals in Hoheneck bekommt eine neue Qualität: Das Münchner Aufklärungsinstitut IPP wird über zwei Jahre hinweg eine Studie erstellen. „Bislang ist in der Forschung der Aspekt von psychischer Gewalt und seelischer Vernachlässigung zu kurz gekommen“, sagt IPP-Leiter Florian Straus, der auch die Missbrauchsfälle am Kloster Ettal und an der Odenwaldschule untersucht hat. Und noch etwas ist am Fall des Josefsheims auf dem Klostergelände Hoheneck besonders: Es handelte sich nicht um privilegierte Kinder auf einer Eliteschule, sondern um Babys oder Kleinkinder aus armen oder überforderten Familien.

„Sie sind in einer Phase ins Heim gekommen, in denen sie besondere Fürsorge benötigt hätten“, so Florian Straus am Freitag bei einer Pressekonferenz in Hoheneck, „doch das Josefsheim verstand sich eher als eine Verwahranstalt.“

Abschlussbericht 2021

Die Münchner Aufklärer wollen rund 80 mehrstündige Interviews mit ehemaligen Heimkindern, Mitarbeitern, Schwestern des Karmelitinnen-Ordens als Träger des Heims, Praktikantinnen und dem Jugendamt führen. Auch Akten sollen durchsucht und abgeglichen werden. Im Sommer 2021 soll der Abschlussbericht vorliegen.

Verstärkt soll auch die Frage ins Auge gefasst werden, welche Verantwortung der Träger des 1992 geschlossenen Kinderheims hatte. „Es gab mindestens zwei bis drei Beispiele, bei denen eine Aufdeckung möglich gewesen wäre“, sagt Straus. Die Frage ist, ob einzelne Personen für Prügel, Misshandlung und Demütigung verantwortlich waren, oder ob die Hierarchien oder die Institutionen dies begünstigt haben.

Schwester Edith Riedle, Leiter des Hohenecker Karmelitinnen-Klosters und Generalvikarin der weltweiten Ordensleitung in Holland, sagt: „Wir wollen eine umfassende und vollständige Aufarbeitung.“ Der Schwesternorden, der weltweit rund 350 Mitglieder hat, davon acht in Hoheneck, untersucht nun alle Kinderheime und -gärten, die er noch betreibt. Sie befinden sich vor allem in Brasilien, den USA und Afrika. Zudem werde es für die Opfer Entschädigungszahlungen gehen.

Die Vorwürfe des ehemaligen Heimkinds Silvia Gerhardt und anderer, die von regelmäßigem sexuellen Missbrauch nach der Beichtstunde durch einen Pfarrer sprechen, werden mit untersucht – und ob die Ordensschwestern davon wussten. Sogar der Bischof in Rottenburg hat das Thema auf dem Tisch, kann die Vorwürfe bislang aber nicht nachvollziehen.