Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann will, dass Kommunen stärker auf den Radverkehr setzen – auch zulasten der Autofahrer. Das betonte er jüngst in Kornwestheim beim ersten landesweiten Radkongress. Doch wie soll das im Landkreis Ludwigsburg gehen, wo zu Stoßzeiten ohnehin der Verkehrskollaps droht? Die BZ hat nachgefragt.

In der Stadt Ludwigsburg sei es schwierig, eine Auto- für eine Radspur zu opfern, sagt Matthias Knobloch, Leiter des Fachbereichs Nachhaltige Mobilität. Auf der B27 als Durchfahrtsstraße zur und von der Autobahn sei es ohnehin eher ein überregionales Thema. Die Überlegung gehe eher in die Richtung, parkende Autos wegzunehmen, gerade in vielbefahrenen Straßen, wie Schwieberdinger oder Frankfurter Straße. „Grundsätzlich haben wir in Ludwigsburg aber einen relativ vernünftigen Radverkehr“, sagt Knobloch. Teilweise sei es etwas eng in der Innenstadt.

In Zukunft soll in Ludwigsburg weniger auf große Konzepte gesetzt werden, sondern gezielt „der Lückenfluss im Fahrradnetz gefunden werden.“. Dazu wolle man auch mit ADFC und Bürgern zusammenarbeiten. In der Marbacher Straße wurde bereits eine Autospur für einen Radweg geopfert: 2,1 Kilometer für 1,2 Millionen Euro. So richtig angenommen wird die Strecke nicht. Aktuell liegt ein Antrag zur Prüfung auf dem Tisch, berichtet Knobloch. Idee ist, den Radweg zu einer Umweltspur zu erklären, auf der auch Busse fahren dürfen.

Die meisten Kommunen im Kreis haben keine oder kaum vierspurige Straßen, wo man einfach eine Spur abzwacken könnte. Andere Lösungen sind mehr Einbahnstraßen, Radstreifen, Anliegerstraßen.

„Wir haben keine Straßen, von denen eine Fahrbahn für reine Fahrradstreifen umgenutzt werden könnte“, sagt Bietigheim-Bissingens Sprecherin Anette Hochmuth. „Wo möglich, werden Radfahrstreifen angelegt“, nennt sie die Beispiele Gröninger Weg oder Carl-Benz-Straße. Auch in der Schwarzwaldstraße wäre dies möglich. Albrecht Kurz, Vorsitzender des ADFC Bietigheim-Bissingen, führt aus: „Aktuell fehlt der Stadt dort noch das Gelände.“ Er hofft dass sich binnen der nächsten zehn Jahre etwas tut. Lediglich einen Schutzstreifen für Radfahrer hält er dort für zu wenig. „Da muss ein durchgezogener Strich als Abgrenzung hin, über den die Autofahrer nicht drüber dürfen.“ Der Verkehrsentwicklungsplan der Stadt sieht noch einige Möglichkeiten zur Verbesserung: „Netzlücken schließen, Wege verkürzen, verbreitern und sicherer gestalten“, fasst Hochmuth zusammen. Ähnliches gilt für Radschulwege.

„Ich würde dem Minister gerne vorschlagen eine Spur auf der L1107 zu opfern. Allerdings müsste er mir sagen, wie der Verkehr dann funktionieren soll“, meint Bönnigheims Bürgermeister Albrecht Dautel. Um ansonsten Fahrspuren zu opfern „sind unsere Straßen zu schmal.“ An unübersichtlichen Kreuzungen soll die Sicherheit für Radler erhöht werden. Und: „Wir haben zum Beispiel entlang der Erligheimer, Kirchheimer und Meimsheimer Straße begleitende Radwege, die sehr gut funktionieren.“ Gleiches gelte für die Rad- und Fußwege nach Hohenstein und Hofen. „Allerdings fehlt nach Hofen noch eine Beleuchtung.“ Dass in der Innenstadt eine Tempo-20-Zone kommen muss, „verschlechtert aus meiner Sicht die Situation für die Radfahrer und Fußgänger.“

Auch Sachsenheim tut sich aufgrund enger Straßen und viel Verkehr schwer mit Radstreifen. Bei neuen Planungen spielen „die Verkehrsräume für Radfahrer immer eine wichtige Rolle“, betont Stadtsprecherin Nicole Raichle. Das Einführen von Einbahnstraßen in Wohngebieten könne grundsätzlich „zielführend sein“. Sichere Querungsmöglichkeiten für Radfahrer seien ebenfalls „immer ein zentraler Entwurfsgedanke“. Derzeit finden mit Schulen und Radfahrverbänden Abstimmungen statt. 2020 sollen diese in eine besseres Beschilderung münden.  Hier hofft die Stadt auf Mithilfe von Landratsamt und Regierungspräsidium. „An den beiden Schulstandorten in der Kernstadt Großsachsenheim ist die Führung für Radfahrer im Großen und Ganzen gut und sicher geregelt“, meint Raichle.

ADFC: Den Raum vernünftig aufteilen


„Prinzipiell ist das nicht der falsche Ansatz“, sagt Albrecht Kurz, Vorsitzender des ADFC Bietigheim-Bissingen und 2. Vorsitzender des Kreis-ADFC, zum Vorschlag des Verkehrsministers. „Es streiten sich alle um dieselben Flächen. Man muss schauen, dass man das vernünftig aufteilt.“ Interessant werde es für kleinere Kommunen in Wohngebieten. „Man kann viel über Nebenstraßen lösen.“ Mit der Umwandlung von Parkflächen könne man beispielsweise „einiges für den Radverkehr tun. Aber auch da gibt es Konflikte“. Denn auch Parkplätze sind rar. Mit Einbahnstraßen Platz für Radfahrer zu schaffen, sieht Kurz kritisch. „Wenn Autofahrer wissen, dass – außer Radfahrern – niemand entgegenkommt, ist das nicht unbedingt förderlich für die Verkehrssicherheit.“ Allgemein meint er: „Ich setze ein bisschen auf den Faktor Zeit. Autofahrer sind es nicht gewohnt, den Raum mit Radfahrern zu teilen.“ Der ADFC will nächstes Jahr unter anderem eine Kampagne startet, dass Autofahrer Abstand zu Radfahrern halten. msc