Laut Informationen der Deutschen Krebshilfe erkranken jedes Jahr 500 000 Menschen in Deutschland neu an Krebs. Laut AOK wurden 2017 9347 ihrer Mitglieder im Landkreis wegen Krebs behandelt. Das beschäftigt nicht nur die Familien, Ärzte und Kliniken, sondern auch die Sportvereine immer mehr. Wie das „Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg“ mitteilt, haben Sport- und Bewegungstherapie sowohl während der Behandlung als auch in der Rehabilitation von Krebserkrankungen einen hohen Stellenwert. Bewegung könne dazu beitragen, therapiebedingte Symptome wie Fatigue oder Schlafstörungen abzumildern oder zu vermeiden.

Beim Württembergischen Sportbund bildet man deshalb Übungsleiter für Krebs-Sportgruppen aus. Laut Pressesprecher Thomas Müller hat man seit den 80er-Jahren schon 363 Übungsleiter dafür geschult. Aktuell seien 192 Sport-nach-Krebs-Gruppen in Württemberg gemeldet. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es elf Übungsleiter und 17 solcher Gruppen. Eine davon wird seit vier Jahren von Nikola Hirschmann beim VfB Tamm geleitet. „Den Schein dafür zu machen, war gar nicht so leicht“, erinnert sie sich. Dazu musste sie nämlich zunächst einen Verein finden, der die Ausbildung mitfinanziert und eine Gruppe anbietet. „Wir mussten eine Kaution hinterlegen und zusichern, dass wir einen entsprechenden Kurs anbieten“, blickt Uwe Kerler, Vorstand Sport beim VfB Tamm, zurück.

Abrechnung schwierig

Für Vereine sei das nicht unbedingt lukrativ, weil eine komplizierte Abrechnung mit den jeweiligen Trägern der Maßnahme erfolgen müsse und weil die Teilnehmer nicht Mitglied im Verein werden müssen. Trotzdem freue man sich, so etwas in Tamm anbieten zu können, sagt Kerler. Dem Verein gehe es darum, eine möglichst breite Angebotspalette zu haben.

Dass Sport nach Krebs ankommt, zeigt sich bei einem Besuch in einer Trainingsstunde von Nikola Hirschmann. Schon in der Umkleide gibt es ein großes Hallo für alle die zur Tür hereinkommen. Auch wenn es die Gruppe erst seit einigen Jahren gibt und die Teilnehmer erste Krankheitsgeschichten hinter sich haben, ist die Stimmung ausgelassen. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters kommen zusammen und schon vor dem Trainingsstart wird munter geredet. „Wir sind wie eine Familie“, sagt eine Teilnehmerin und eine andere erklärt, warum zwischen den so unterschiedlichen Menschen ein so enges Band besteht: „Hier treffe ich auf Menschen, die verstehen, was man durchmacht und wie es sich anfühlt.“

Bei ihrem vorherigen Verein, berichtet Hirschmann, wollte man die Krebs-Sportgruppe nicht. „Da hieß es die Leute sollen im normalen Angebot mitmachen.“ Das gehe bei jungen Menschen, die Krebs hätten durchaus aber ab einem bestimmten Alter sei das nicht mehr möglich, so Hirschmann. „Die Leute wollen ja auch keine Behinderung für die Gruppe sein, weil es bei ihnen etwas länger dauert. Wer hier dabei ist, könnte in keine normale Sportgruppe gehen“, sagt die Übungsleiterin.

Dann geht das Training los. Vor allem Koordinationsübungen stehen zunächst auf dem Programm. Staubtücher und Tennisbälle werden in die Luft geworfen oder in bestimmten Bewegungen um den Körper herumgeführt. „Am liebsten ist mir die Entspannungsphase“, feixt ein Teilnehmer. Eine andere scherzt mit Blick auf die Staubtücher: „Wir müssen die Halle jede Woche wischen.“ Die Stimmung ist gut und in so einer Atmosphäre macht es dann auch nichts, wenn der Ball wegspringt oder die Koordination nicht ganz klappt. Stiller wird es dann als die Matten herausgeholt werden. Hirschmann lässt Popmusik laufen und die Übungen gehen am Boden weiter. „Wenn man ein paar mal nich da war, merkt man das an den folgenden Tagen deutlich“, sagt eine Teilnehmerin. Auch wenn es anstregend ist, sind sich alle einig, dass nicht nur der soziale Aspekt sie zum Weitermachen animiert: Die Übungen sorgen für mehr Beweglichkeit. Dann kommt die Entspannungsphase, bei der Hirschmann mit ruhiger Stimme die dösenden Teilnehmer anleitet. Nach dem gemeinsamen Aufräumen trennt sich die muntere Gruppe – bis zur nächsten Woche.

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz