Vor genau 90 Jahren, am 17. Januar 1929, begann in Deutschland mit der Premiere des Films „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ die Tonfilmära in Deutschland. Im Interview verrät Hans Beller, Dozent an der Ludwigsburger Filmakademie, wie es dazu kam, und warum der Ton so wichtig für Filme ist.

Herr Beller, kann man die Premiere von „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ wirklich als Startschuss für die Tonfilmära in Deutschland bezeichnen?

Hans Beller: Natürlich gibt es immer mehrere Strömungen und Seitenarme, die schließlich zu einem Wandel führen, aber dieser Film spielt eine wichtige Rolle, obwohl darin nur eine kurze Tonspur enthalten ist. Er reiht sich in die Entwicklung ein.

Wie kam es zu der Entwicklung?

Die ersten Stummfilme kamen ganz ohne Musik. Dabei wurde aber schnell klar, dass dies nicht sehr lebendig wirkt. Musik wurde zum Stummfilm ab 1896 live im Raum gespielt, in dem auch das Publikum saß, Kinos (Nickelodeons) gab es erst so ab 1909. Große Kinos der Stummfilmzeit hatten ganze Orchester im Saal beim Publikum.

Also wirklich stumm waren die Stummfilme meist gar nicht. Warum ist man dann noch einen Schritt weitergegangen und hat die Tonspur in den Film integriert?

Einfache Antwort: Weil es dem natürlichen Empfinden entspricht. Ganz interessant ist in dem Zusammenhang auch, dass die ersten Filmaufnahmen auch deswegen gemacht wurden, um Musiker abzubilden beim Spielen. Der Erfinder Thomas Alva Edison, der 1887 den Wachswalzen-Phonographen vorgestellt hatte, um Töne zu konservieren, hat mit dem Kinetographen auch eine der ersten Filmkameras entwickelt, um zu zeigen, wie Musiker ihr Instrument spielen.

Was waren die Folgen der Umstellung von Stumm- auf Tonfilm?

Die Folgen waren sehr weitreichend. Bis zur digitalen Wende war dies der größte Einschnitt für die Filmindustrie. Nicht nur die Produktion veränderte sich, sondern auch die Projektion. Kinos mussten neu ausgerüstet werden. Zudem fand ein Musikersterben in den Kinos statt, weil man diese nun nicht brauchte, ebenso wie die Sprecher.

Wie hat sich der Wandel auf die Filmindustrie ausgewirkt?

Die Filmstudios brauchten viel Geld, um auf die Tonfilm-Produktion umzustellen. Sie mussten es sich bei Banken leihen. Deshalb sind die Filmfirmen noch heute Aktiengesellschaften. So kann mehr Kapital herangeholt werden. Die Ufa in Deutschland war durch Fritz Langs Film Metropolis so knapp bei Kasse, dass sie nicht gleich auf den Tonfilm-Zug aufspringen konnte.

Welchen Einfluss hat die Tonfilm-Wende inhaltlich gehabt?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass mit dem Ton sehr gut Gefühle beim Publikum geweckt werden können. Manche Regisseure nutzen den Ton intensiver als andere. Bei den frühen Tonfilmen hat man besonders sorgfältig mit dem Ton gearbeitet. So hört man ein Auto oft, bevor es auf dem Bildschirm erscheint. In dem Film „M“ von Fritz Lang aus dem Jahr 1931 kann ein Blinder anhand einer Melodie einen Mörder identifizieren.

Solche Feinheiten scheinen heute eher selten geworden zu sein.

Das ist auch ganz unterschiedlich. Gab es damals nur eine und später drei Tonspuren, hat heute schon ein Dokumentarfilm 36. Ein Tatort-Regisseur wie Dominik Graf zum Beispiel legt aber auch heute noch sehr viel Wert darauf, wie sich selbst das scheinbar nebensächlichste Geräusch anhört. Der Ton im Film ist auch heute eminent wichtig, wir nehmen ihn meist aber nur beiläufig war.

Welche Entwicklungen hat der Ton bei Filmen in den vergangenen 90 Jahren noch erlebt?

Was digitale Technik anbetrifft, war der Ton dem Bild lange voraus. Prägend war auch der Film Apocalypse Now. Dem einfallsreichen Soundeditor Walter Murch gelang es, mit den Helikopter-Geräuschen einen Klangteppich zu legen, der den meisten Menschen heute noch in Erinnerung ist. Murch hat übrigens viele verschiedene Helikopter-Arten angehört, um die für seinen Film passende zu finden.

Wäre die Filmindustrie heute ebenso erfolgreich, wenn die Wende zum Tonfilm nicht stattgefunden hätte?

Das ist schwierig, weil sehr hypothetisch. Aber ich glaube schon, dass der Ton einen großen Teil zum Erfolg des Films beigetragen hat und ohne ihn wäre das Medium nicht so erfolgreich.

Gibt es heute noch Stummfilme?

Die Tonfilme haben die Stummfilme abgelöst. Natürlich ist der Oscar-Gewinner „The Artist“, der vor einigen Jahren erschien, da die Ausnahme. Es gibt auch immer wieder als künstlerischen Ansatz Stummfilme, allerdings mehr als eine Reminiszenz.

Sind Stummfilme heute noch Teil der Ausbildung an der Filmakademie in Ludwigsburg?

In meinen Kursen schon. Aber im Ernst: Der Fokus liegt heute und besonders in der Filmakademie in Ludwigsburg natürlich auf moderneren Produktionsformen. Da sind wir in der Barockstadt Ludwigsburg ja auch ganz vorne dabei.

Der Film, der eine neue Ära einleitete

Robert Lands Film „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ erschien im Januar 1929 zum ersten Mal auf der Leinwand.

Premiere war am 17. Januar. Der Titel des Films spekuliert auf den Erfolg eines Chansons, das im Jahr zuvor in mehreren Aufnahmen mit Richard Tauber Furore gemacht hatte. Die Hauptrollen sind mit Harry Liedtke und Marlene Dietrich besetzt. Auch wenn zu dieser Zeit in Deutschland Spielfilme noch stumm gedreht und in den Kinos – je nach Ausstattung – von Orchestern, kleinen Salonensembles oder Pianisten begleitet wurden, stand „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ schon an der Schwelle zu Tonfilmen heutiger Art: Eine Schallplattenaufnahme von Richard Tauber wurde verwendet, um damit eine kurze zweiminütige Gesangsszene zu synchronisieren, in welcher man im Bild den Schauspieler Harry Liedtke singen sah.

Die Tonaufnahme gilt als einer der ersten Versuche zum frühen deutschen Tonfilm. Bemerkenswert ist auch, dass im Begleitprogramm zu dem Hauptfilm auch zwei „richtige“ Kurz-Tonfilme mit Schlagermusik liefen: Im ersten spielt das Orchester Bernard Etté den Schlager „Ramona“ über vier Minuten. Der andere Vorfilm war der Kurztonfilm-Sketch „Das letzte Lied von Frank Clifford“. In dem 14 Minuten langen Film ist der Sänger Ludwig Hofmann zu sehen. bz

Zur Person: Hans Beller

Der gebürtige Stuttgarter Hans Beller, Jahrgang 1947, ist Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film (Dokumentarabteilung) und Diplompsychologe (Diplom über Filmwahrnehmung am Beispiel der Filmmontage).

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Hans Beller als Regisseur und Autor von dokumentarischen Filmen. Er hat mehr als 35 Jahre Erfahrung in Forschung und Lehre mit dem Schwerpunkt Filmmontage. Er ist unter anderem Herausgeber des „Handbuch der Filmmontage“. Seit dem Jahr 1991 hat er diverse Professuren, unter anderem die Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung am ZKM Karlsruhe bis 2001. Bis 2006 war Beller Professor für Fernsehpraxis an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

Seit 2006 hat er eine Professur an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg (Schwerpunkte seiner Professur sind Schnitt/Montage, Filmgeschichte, Filmanalyse). Daneben hat er weitere kontinuierliche Gastdozenturen und Lehraufträge an den großen deutschen Filmschulen. Er arbeitet auch seit 1999 als Coach und Trainingspartner beim Fernsehen und als Seminarleiter für die Fortbildung von Fernsehschaffenden und an der ARD/ZDF-Medienakademie. Hans Beller wohnt mit seiner Familie in Weil der Stadt. bz