Noch steht die Aufarbeitung der zahlreichen Fälle von Kindesmissbrauch in Kinderheimen der Brüdergemeinde am Anfang. Doch der Prozess droht nun von einer unerwarteten Seite gelähmt zu werden. Denn unter den Betroffenen ist ein Streit eskaliert. Einige werfen vor allem zwei der drei Vertreter in der Steuerungsgruppe - Detlev Zander und Martina Poferl - mangelnde Information über ihre Arbeit für die Koordination des wissenschaftlichen Aufarbeitungsprozesses vor.

Zander und Poferl genießen nicht mehr ihr Vertrauen, teilte Wolfgang Schulz nach dem jüngsten Heimopfertreffen am Dienstag stellvertretend für zehn Betroffene mit. Die beiden sollen sich deshalb Ende Oktober der Vertrauensfrage stellen. Sollten sie scheitern, könnten die Folgen für die Aufarbeitung gravierend sein, wenn die Heimopfer nicht mehr legitimiert sind, wie sie es bei einer Wahl im März wurden - Schulz wurde dabei als stellvertretender Sprecher bestimmt. Eine Spaltung würde vor allem jenen in die Karten spielen, die die Aufarbeitung absolut nicht wollen.

Streit gab es auch um dieses Treffen selbst. Der Termin war vor einigen Wochen verkündet worden, dann aber habe Detlev Zander diesen "willkürlich, ohne Begründung und völlig undemokratisch" abgesagt, so Schulz' Vorwurf. Ähnlich sei es bei einem vorangegangenen Treffen Anfang August gelaufen. Bei diesem Termin hatten die Teilnehmer Zander und Poferl gebeten, bei dem jüngsten Treffen ausführlich zu berichten, auch über Teilergebnisse und Entwicklungstendenzen.

"Ich kann das alles nicht richtig nachvollziehen", sagt Zander. Den Termin habe er schon länger verschoben, zudem seien Schulz und auch andere immer informiert worden - wenn es etwas zu informieren gegeben habe. Der Mann, der Mitte 2014 die erlebten Vergewaltigungen und psychischen Demütigungen von 1963 bis 1977 öffentlich gemacht hatte, kritisiert seinerseits die Brüdergemeinde. Deren Vertreter würden auch die Opfer in der Steuerungsgruppe immer wieder übergehen. So soll etwa nun das Team feststehen, das wissenschaftlich aufarbeiten soll, und Verträge unterzeichnet haben, worüber die Heimopfer erst später informiert wurden. "Die Brüdergemeinde sieht uns zunehmend immer nur als Alibifunktion." Er kritisiert auch weiterhin deren Haltung, als Entschädigung nur Sachleistungen zu gewähren - anders, als das etwa die Nordkirche getan habe. Einige am dortigen Aufarbeitungsprozess Beteiligte sollen auch für den Prozess in Korntal engagiert werden.

Zander sagte, er sei offen für Kritik, vermisse aber Verbesserungsvorschläge der Kritiker. Dem nächsten, dann gemeinsamen Termin sieht er gelassen entgegen. Denn viele Heimopfer - über 260 hätten sich bei ihm gemeldet - wollten, dass er weiter für sie arbeite. "Es geht ja nicht um mich, sondern um alle." Er zeigte sich auch genervt von den Angriffen gegen ihn, er erhalte zudem regelmäßig massive Drohungen. Zuvor hatte schon die Opferhilfe Korntal, ein Bündnis von Bürgern, oft gegen ihn schossen, viele davon engagierten sich nun für die neue Gruppe. "Ich hab von so etwas die Nase voll, ich will jetzt mehr die Sachthemen angehen. Von Streit profitiert nur die Brüdergemeinde."

Den will im Prinzip auch Schulz vermeiden. Eine Aufspaltung der Heimopfer sei ein "sehr heftiger Schritt". Zander und Poferl hätten aber "alle Chancen" beim nächsten Treffen. Und würde den beiden das Vertrauen ausgesprochen, würde er als "hundertprozentiger Demokrat" das auch akzeptieren.