Der Weltmarktpreis für Milch ist auf dem tiefsten Stand seit sechs Jahren - das spüren auch die Milchbauern im Landkreis. Die Molkereien, an die der Großteil der Kuhmilch aus dem Kreis geliefert wird, zahlen weniger. Laut Eberhard Zucker, dem Kreisvorsitzenden des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, unterbieten sich die Molkereien für die großen Einzelhändler Lidl und Aldi.

Die marktbeherrschende Stellung dieser Supermarktketten sei ein Hauptgrund für den niedrigen Stand des hiesigen Milchpreises - und nicht nur das oft genannte russische Einfuhrverbot für EU-Agrarprodukte. "Russland war aber schon ein entscheidender Markt, zum Beispiel für Joghurt", sagt Eberhard Zucker. An die Discounter appelliert er, Milch nicht wie ein "Ramschprodukt" zu behandeln.

Eine Literpackung Milch aus konventioneller Produktion kostet in Deutschland derzeit etwa 55 Cent, die Bauern erhalten davon meistens nicht einmal 30 Cent. Bio-Bauern erhalten Branchenangaben zufolge immerhin knapp 50 Cent pro Liter, müssen jedoch mehr investieren - die Auflagen sind höher.

Dennoch hat sich Jörg Blessing vom gleichnamigen Biobauernhof in Wiernsheim im Enzkreis dazu entschlossen, seine Bioprodukte selbst zu vermarkten - und wegen der langjährigen Kapriolen des Milchpreises seinen Bestand von 50 auf 30 Kühe zu reduzieren.

Blessing plädiert für eine sogenannte flexible Mengensteuerung, vereinfacht formuliert also dafür, die Milchmenge, die erzeugt wird, der Nachfrage anzupassen, um einen höheren und stabileren Preis zu erreichen. "Was ich nicht verstehe, ist dass der Bauernverband diese Steuerung anstelle der Milchquote abgelehnt hat, jetzt aber rumjammert, dass der Milchpreis so niedrig ist." Dass dieser ohne Regulierung sinke, "war doch so sicher wie das Amen in der Kirche".

Die Milchquote war seit den 1980er-Jahren ein wichtiges Instrument der EU-Agrarpolitik und gilt seit April nicht mehr. Mit der Milchqoute durften Bauern nur eine bestimmte Menge an Milch verkaufen. Wollten sie mehr produzieren, mussten sie für die Rechte zahlen. So sollte verhindert werden, dass zu viel Milch auf den Markt schwappt - und die Preise fallen.

"Wenn Politik sich in Märkte einmischt, wird es selten besser und wenn, dann nur kurzfristig", verteidigt Eberhard Zucker die Haltung des Bauernverbandes gegen die genannten Regulierungen: "Die meisten Betriebe haben ihre Milchkühe schon seit Jahren abgegeben - als die Milchquote noch galt".

Den Bauern bliebe derzeit nur zu sehen, wo sie sparen könnten, sagt Eberhard Zucker. Das sei aber nur begrenzt möglich: Unter anderem könne man schlecht in Krisenzeiten einfach die Kühe verkaufen, weil der Bestand sich nicht so schnell wieder aufbauen ließe, sollte der Milchpreis wieder anziehen. "Die meisten werden wohl sagen: Augen zu und durch", sagt er. "Der Preis geht irgendwann mal wieder hoch."

Doch derzeit seien die Milchbauern "von einem Mindestlohn nicht allzu weit entfernt." Er vermutet auch, dass derzeit viele Milchbauern mehr Milch produzierten, um mehr abzusetzen und somit einen Teil der Kosten wieder reinzuholen. Das wiederum verschärft das aktuelle Problem, das Eberhard Zucker auf eine einfache Formel bringt: "Es gibt zu viel Milch auf dem Markt."

Nicht jeder kann es machen wie die Gebrüder Dobler vom gleichnamigen Milchbauernhof in Ludwigsburg. Die beiden vermarkten ihre Milch selbst - und verkaufen sie für 1,25 Euro pro Liter.

Die Kunden, sagt Joachim Dobler, seien bereit, diesen Preis für das regionale Produkt - aus Nicht-Bio-Herstellung - zu zahlen. "Das derzeitige Milchpreistief betrifft uns nicht so stark", sagt er. "Ich kann Landwirte schon ermutigen, den Schritt in die Selbstvermarktung zu gehen. Das geht aber nicht von heute auf morgen."

Das funktioniere nur, wenn der Milchpreis hoch sei und die Bauern Kapital in der Hand hätten. "Müssten wir heute alle Geräte, die wir für den Schritt in die Direktvermarktung gebraucht haben, neu kaufen und auch die nötigen Gebäude auf einmal bauen lassen müssen, eine Million Euro würden nicht reichen", sagt Joachim Dobler.

Weniger Milchkühe im Landkreis

Deutlicher Rückgang Landwirtschaftliche Betriebe, die Milchkühe halten, sind auch im Landkreis Ludwigsburg deutlich zurückgegangen - zumindest im Zeitraum, für den das Statistische Landesamt Zahlen für den Kreis aufweist: von 1999 bis 2010. Demnach gab es im Landkreis 1999 noch 300 Betriebe mit insgesamt 6215 Milchkühen. Bis zum Jahr 2010 hat sich die Anzahl der Betriebe mehr als halbiert (140), die Anzahl der Kühe hat in diesem Zeitraum im Landkreis um 30 Prozent abgenommen (4344). Landesweit hat die Anzahl der Milchkühe von 443.141 (1999) auf 344.300 (2013) abgenommen. 1979 gab es noch annähernd 700.000 Milchkühe in Baden-Württemberg.

Großteil an MolkereienFast die gesamte Milch von Kühen im Landkreis wird laut Statistischem Landesamt an Molkereien weiterverkauft - zumindest war das im Jahr 2009 der Fall, aktuellere Zahlen hat das Amt für die Kreisebene nicht veröffentlicht. Damals gingen 29 907 Tonnen der 31 429 pro-duzierten Tonnen (ungefähr 95 Prozent) an Molkereien.

Ein Kommentar von Martin Tröster: Regionale Vermarktung fördern

Solange ein Kunde im Supermarkt für einen Liter Milch nur etwas mehr als einen halben Euro zahlen muss, solange können Milchbauern kaum davon leben - und falls doch, gilt das auf lange Sicht nur für sehr wenige.

Verschärft sich die Abhängigkeit der Milchproduktion von den großen Discountern und bleibt die Warenausfuhr auf die Weltmärkte ausgerichtet, wird sich der Strukturwandel beschleunigen - wer bei dem brutalen Preiskampf nicht mithalten kann, gerät unter die Räder. Wer wie der Bauernverband die Abschaffung entsprechender Regulierungen in der Lebensmittelherstellung fordert, muss das ertragen können.

Die regionale Vermarktung dagegen hat für die Bauern viele Vorteile - und für den Verbraucher: Der Verbraucher weiß, wo die Kuh steht, deren Milch er trinkt (idealerweise auch: wie die Kuh behandelt wird)- und dafür ist er auch bereit, dem Bauern mehr zu bezahlen. Das belegen zahlreiche Beispiele, auch in der Region.

An dieser Stelle ist nun die Politik gefordert: Sie muss den Bauern, die diesen teuren Schritt in Richtung regionale Vermarktung gehen wollen, finanziell unter die Arme greifen.