Gericht Messerattacke war ein Freundschaftsdienst

Bernd Winckler 05.06.2018

Der Fall hatte Ende Januar zunächst Fragen aufgeworfen. Eine 24-Jährige hatte in Bissingen einen 54-Jährigen mit einem Messer verletzt (die BZ berichtete). Die mutmaßliche Täterin, bisher nicht vorbestraft, suchte den Mann und seine Ehefrau gemeinsam mit ihrer Freundin – allesamt türkischer Abstammung – auf. Die Angeklagte wollte offenbar dem Liebhaber ihrer Freundin einen Denkzettel verpassen, weil dieser sich nicht scheiden ließ, um die Freundin zu heiraten. Dreimal stach die Frau zu. Seit Montag wird der Fall vor der Heilbronner Schwurgerichtskammer verhandelt. Die Anklage lautet: versuchter Totschlag.

Offensichtlich wollte die Angeklagte eine Art Freundschaftsdienst erweisen, als sie zusammen mit ihrer Freundin am 23. Januar dieses Jahres in Bissingen an der Wohnungstüre jenes Mannes klingelte, der mit der Freundin seit längerem liiert war, sich aber weigerte, diese zu heiraten. Als der ahnungslose Mann die Wohnungstüre öffnete, sollen ihn die beiden Frauen plötzlich angegriffen haben. Die Angeklagte, so der Vorwurf, habe mehrfach auf ihn eingeschlagen, ihm Tritte verpasst und zu Boden und die Treppe hinuntergeworfen. Dann habe sie ein zu diesem Zweck mitgeführtes Küchenmesser gezogen und auf den Mann eingestochen.

Den Tod billigen

Die 24-Jährige soll so den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen haben, zumindest jedoch eine schwere Körperverletzung. Weil das Opfer der Angreiferin die Waffe schließlich entriss, kam er mit relativ leichten Verletzungen davon: Einen zwei Zentimeter tiefen Stich im Arm, einen Kratzer an der Brust. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn geht davon aus, dass die Angeklagte die Messerstiche „gezielt“ in den Oberkörper abgesetzt habe. Dabei soll sie noch gesagt haben, sie werde ihn und seine Ehefrau „fertigmachen“, denn mit dem Messereinsatz sei noch nicht alles erledigt. Ehe sie das Haus wieder verließ, habe sie auch die Ehefrau beleidigt und bedroht.

Vor der 1. Großen Schwurgerichtskammer des Heilbronner Landgerichts gab die 24-Jährige an diesem ersten Verhandlungstag den Messerüberfall zu, nachdem das Gericht ihr für ein umfassendes Geständnis eine Strafmilderung zugesagt hatte. Allerdings erzürnte sich der Vorsitzende Richter auch am Inhalt eines Briefs, den die Angeklagte aus der Haftzelle an die Ehefrau des Opfers adressiert hatte. Darin teilte sie mit, dass deren Ehemann sie kurz vor der Tat habe vergewaltigen wollen. Sie habe sich mit dem Messer dagegen zur Wehr gesetzt. Diese Version soll auch von ihrer Freundin unterstützt worden sein.

Erlogene Vergewaltigung

Im Verfahren kommt zu Tage, dass der verheiratete Geschädigte offenbar tatsächlich mit der Freundin der Angeklagten ein Verhältnis pflegte, von dem seine Ehefrau nichts wusste. Da er aber nicht bereit war, seine Frau zu verlassen und die Freundin zu heiraten, sollen die beiden Freundinnen den Plan geschmiedet haben. In ersten polizeilichen Vernehmungen sollen sie außer der Version der versuchten Vergewaltigung auch noch angegeben haben, dass der Mann das Messer gegen die Angreiferin eingesetzt und man es ihm dann aber abgenommen habe. Von dieser Aussage rückte die 24-Jährige jetzt in ihrem Geständnis, das ihr Verteidiger vortrug, ab.

Mit Hilfe einer psychiatrischen Sachverständigen wollen die Heilbronner Richter im Verfahren herausfinden, in welchem psychischen Zustand sich die Angeklagte befand. Unklar ist indes auch noch, welche strafrechtliche Rolle ihre Freundin hatte. Möglicherweise droht ihr eine Anklage wegen Anstiftung zu einer Straftat.

Die 24-jährige Angeklagte ist in der Türkei geboren, wurde mit 17 Jahren an einen von den Eltern ausgesuchten Mann vermittelt, den sie heiratete. Zwei Jahre später wurde diese Ehe geschieden, nachdem der Mann gewalttätig geworden war. Die 24-Jährige wurde daraufhin im Frauenhaus untergebracht. Das Landgericht hat vier Verhandlungstage mit der Vernehmung von Zeugen aus dem Umfeld der Angeklagten und dem Opfer angesetzt. Am 13. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

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