Der Lions Club hat mein Leben nachhaltig verändert.“ Michael Schmitt ist eigentlich keiner, der schnell ins Schwärmen gerät. Der 65-jährige Jurist ist Honorarprofessor an der Universität in Mannheim und hat bis 2018 die Steuerabteilung im baden-württembergischen Finanzministerium geleitet. Der Mann der Steuern ist vor Kurzem zum Governor des Distriktes 111-SM gewählt worden. Als Vorsitzender berät er ein Jahr lang die 95 Lions Clubs in Württemberg: „Durch den Club habe ich andere Welten kennengelernt“, erzählt der Bietigheimer.

Gerhard Mayer-Vorfelder, Gerhard Stratthaus, Willi Stächele, Nils Schmid, Edith Sitzmann – beruflich waren vor allem die Finanzen seine Welt. Michael Schmitt hat für diese Finanzminister in leitender Funktion gearbeitet. Aber der Reihe nach: Der Rechtsanwalt aus Mannheim macht rasch Karriere. Von der Finanzverwaltung in Lörrach wechselt er ins Ministerium. Kurz darauf wird er Finanzreferent in Bonn. Wenig später beruft Mayer-Vorfelder ihn zum Pressesprecher und zum Leiter der Zentralstelle. Schmitt gefällt die Verbindung von Politik und Fachabteilung: „Ich hatte Einblicke in das ganze Haus.“ 2000 wird er schließlich Leiter der Steuerabteilung. Eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung 2018 innehat.

Ob beim Ankauf von Steuersünder-CDs oder beim Flowtex-Skandal: Er war immer nahe dran am politischen Geschehen, hat Minister beraten und wurde von ihnen in Untersuchungsausschüssen fachlich gefordert. Der Bereich der internationalen Steuer hat es ihm besonders angetan. Schmitt lobt das gute Arbeitsklima im Ministerium. Natürlich habe es auch manch belastende und heikle Phase gegeben, aber er erinnert sich gerne an die Zeit. „Als eine Art Außenminister“ habe er ein sehr erfüllendes Arbeitsleben gehabt. Nicht zuletzt auch dank der Unterstützung seiner Frau. Doris Schmitt, selbst Juristin, habe sich allein um die aufgeweckte Tochter gekümmert, wenn er in Bonn oder Stuttgart unterwegs war. Ein Alltag, den er lange Zeit falsch eingeschätzt habe, gibt Schmitt zu, der bald zum ersten Mal Opa wird. Der Jurist erzählt lebhaft, lacht gerne und besticht durch klare Analysen. Aber er kann auch zuhören und beherrscht die leisen Zwischentöne.

Mit seinem Engagement für die Lions hat sich vieles für ihn verändert. Es habe seinen Blick für die Nöte anderer geweitet. „Wenn man sieht, was zum Beispiel das therapeutische Reiten bewirken kann, weiß man, warum man sich engagiert“, sagt Schmitt. Durch die regelmäßigen Clubaktivitäten sind echte Freundschaften entstanden, erzählt Schmitt, der auch gerne zu Konzerten von AC/DC, Phil Collins und Pink geht.

Unterstützung für den Pflegedienst der Diakonie, das Hospiz oder das therapeutische Reiten: Der Bietigheimer Lions Club bringt mit seinen 38 Mitgliedern jährlich rund 30 000 bis 40 000 Euro auf für soziales Engagement durch Losverkäufe oder den Verkauf von Adventskalendern. Schmitt ist das soziale Engagement vor Ort wichtig, aber nicht nur das. Der Club habe eine Tradition darin, auch internationale Projekte zu unterstützen, wie zum Beispiel Wasserprojekte in Afrika.

„Einheit in Vielfalt“

Die Vereinigung lebt von den Aktivitäten und davon, dass jedes Mitglied Funktionen für ein Jahr übernimmt. Vor sechs Jahren war Schmitt bereits Präsident. Nun übt er die Funktion des Govenors aus. Ein Jahr lang knüpft er Kontakte, besucht die verschiedenen Clubs in Württemberg und berät sie. „Einheit in Vielfalt“ hat er sich dafür zum Motto gewählt. Dabei will er Integration breiter verstanden wissen als nur in Bezug auf Migration. Es geht auch darum, die „Leute bei der Stange zu halten“, zu schauen, ob kleinere Clubs in Zukunft überlebensfähig sind. Pro Jahr müssen zwei neue Mitglieder hinzukommen, aber „das wird zurzeit nicht geleistet“. Michael Schmitt will die Lions vor Stagnation und vor Überalterung bewahren. Für ihn steht fest: „Wir müssen uns den Frauen öffnen.“

Weltweit beträgt die Frauenquote bei den Lions 30 Prozent, in Württemberg sind es nur 13 Prozent. Für den Bietigheimer Club konnte bereits eine Frau gewonnen werden, Schmitt hofft auf weitere. Warum manche Männer ein Problem mit weiblichen Clubmitgliedern hat, kann er nicht nachvollziehen. Viele Club seien mittlerweile gemischt, es gebe aber auch einige nach Geschlechtern getrennte Zusammenschlüsse. Jeder Lions Club hat seine eigene Satzung, Mitglieder müssen vorgeschlagen werden. Selbst als Governor ist er den einzelnen örtlichen Vereinigungen gegenüber nicht weisungsbefugt. Aber er hat eine eindeutige Botschaft an alle Mitglieder: „Wir müssen runter vom hohen Ross.“ Sonst drohe eine Entwicklung wie in Schweden, wo sich die Anzahl der Mitglieder schon halbiert habe.

„Wir sind überparteilich und europafreundlich, wir sind offen für junge Leute, für Frauen wie für Männer, für Akademiker und Nicht-Akademiker. Für alle, die der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten“, beschreibt Schmitt seine Vision eines modernen Lions Clubs. Dafür möchte er auch am 28. September bei der Distrikversammlung im Kronenzentrum werben, zu der die 95 Clubs ihre Delegierten schicken und bei der Günther Oettinger einen Vortrag zum Thema „Einheit in Vielfalt“ hält.

Der Lions Club Bietigheim-Bissingen


Der Lions Club in Bietigheim-Bissingen wurde 1976 gegründet und hat zurzeit 38 Mitglieder. Jährlich sammelt er insgesamt rund 30 000 bis 40 000 Euro an Spenden für lokale und internationale soziale Projekte. Der Club, der sich dem Motto „We serve“ (Wir dienen) verschrieben hat, wurde 1917 in den USA von dem Versicherungskaufmann Melvin Jones gegründet. Der erste deutsche Club entstand 1951 in Düsseldorf. Weltweit gehören den Lions 1,47 Millionen Mitglieder an.