Weinbau Lese beginnt immer ein wenig früher

Die Weinberge oberhalb von Bönnigheim. Auch dort setzt die Lese tendenziell früher ein.
Die Weinberge oberhalb von Bönnigheim. Auch dort setzt die Lese tendenziell früher ein. © Foto: Martin Kalb
Michael Soltys 25.07.2018

Als nach dem Super-Sommer des Jahres 2003 die Weinlese bereits Ende August begann, da dachten damals noch viele Wengerter an eine absolute Ausnahmeerscheinung. Davon kann jedoch keine Rede mehr sein. Schon am 23. August will die Felsengartenkellerei in diesem Jahr mit der Lese von frühen roten Rebsorten für neuen Wein beginnen. Diesen Termin hat Betriebsleiter Sebastian Häußer gesetzt. Die Weingärtner Stromberg-Zabergäu haben für alle Mitarbeiter ab Ende August eine Urlaubssperre verhängt, berichtet Albrecht Hauber, der önologische Vorstand. Sie werden bei der Lese gebraucht.

Immer weiter ist der Lesetermin in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nach vorne gerückt. Vor allem im April ist es in den letzten 30 Jahren immer wärmer geworden, stellt die Weinbauschule in Weinsberg in Untersuchungen fest. Aber auch im Mai und Juni steigen die Temperaturen an. Die Folge: Die Reben treiben immer früher aus. Auch in diesem Jahr war der warme April der „ausschlaggebende Punkt“ für den frühen Beginn der Vegetation, so Häußer, und damit letztlich für die frühe Reife der Trauben. „Dieses Jahr hatten wir ein Turbo-Wachstum“, sagt Albrecht Hauber.

Mehr Wärme bedeutet aber auch: Der Zuckergehalt und damit der Alkohol steigt potentiell an. Und das verändert vor allem die weißen Sorten. Sie verlieren ihre Frische und die Fruchtsäure, für die deutscher Weißwein bekannt ist. Sorgte früher der September mit warmen Tagen und kühlen Nächten dafür, dass die Trauben aromatisch wurden, sind sie heute zu dieser Zeit häufig schon reif mit hohem Zuckergehalt, „aber das Aroma fehlt“, sagt Häußer.

Die Wengerter müssen reagieren. Eine Lehre aus dem Jahr 2003, als die Ernte qualitativ trotz der großen Wärme enttäuschend war: „Wir lesen die Weißweine früher“, sagt Albrecht Hauber, spätestens wenn sie 95 bis 100 Grad Öchsle haben. Die Mitglieder werden gebeten, früh morgens mit der Lese zu beginnen, damit die Trauben möglichst kühl in den Keller kommen. In der Mittagshitze steige die Gefahr der Oxidation des Traubensafts, die Aromatik gehe verloren.

Die Felsengartenkellerei setzt zudem langfristig darauf, die Weißweine aus dem Tal heraus zu holen und auf dem Bergrücken anzupflanzen, womöglich gar in Lagen, die von der Sonne abgewandt sind, erläutert Sebastian Häußer. An die Verfahren der Alkoholreduktion im fertigen Wein, wie sie Winzer im Süden Europas anwenden, möchte er nicht denken.

Die roten Weine dagegen profitieren. Noch vor 20 Jahren sei es undenkbar gewesen, Sorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet franc, Merlot oder Syrah in Württemberg anzubauen. Jetzt gibt es sie schon seit einigen Jahren, wenn auch in bescheidenem Umfang. Aber „das wird zunehmen“, ist sich Albrecht Hauber sicher. Auch der Trollinger, bei der Lese immer unter den letzten Sorten, bringt bessere Ergebnisse. Waren die Winzer früher froh, wenn er 60 Grad Öchsle erreichte, sind heute 70 schon normal.

Und schließlich der Lemberger, die rote Qualitätssorte aus Württemberg, „dem tut die Wärme gut“, sagt Hauber. Nach einer langen Reifephase könne er kräftige und inhaltsreiche Weine mit reifen Tanninen liefern. In dieses Loblied stimmt Sebastian Häußer gerne ein: „Die Lesen der Jahre 2015, 2016 und 2017 haben alle tolle Lemberger-Weine gebracht.“

Kommt der Klimawandel den Württemberger Wengertern mit ihrem hohen Anteil mit roten Rebsorten also insgesamt entgegen, so sind die Gefahren nicht zu übersehen. Besonders heftig traf es die Weinberge 2017, als der Spätfrost im Mai die Reben mitten in der Blüte traf. Am 4. Juli 2018 schädigte der Hagel weite Teile der Bönnigheimer Weinberge. Die Klimaveränderung, ist Hauber überzeugt, „bringt mehr Wetterextreme“. Die hohen Temperaturen fördern auch das Auftreten der Kirschessigfliege, sagt Sebastian Häußer. Und schließlich droht Fäulnis, wenn der September schwül-warm mit viel Regen ausfällt und die Trauben so prall werden, dass sie zu platzen drohen. Ob also der erwartete sehr gute Jahrgang 2018 tatsächlich geerntet werden kann, ist längst noch nicht sicher.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel