Der Ausgang der US-Wahl beschäftigt natürlich auch die Diskussionen im Landkreis. Das Stimmungsbarometer reicht dabei von echter Überraschung bis hin zu blankem Entsetzen.

Klare Worte in Bezug auf die wirtschaftlichen Auswirkungen kommen vom früheren FDP-Bundestagsabgeordneten und Beauftragten für die transatlantischen Beziehungen Harald Leibrecht aus Ingersheim. „TTIP ist tot“, bedauerte Leibrecht  gegenüber der BZ. „Das Abkommen auszuhandeln wäre schon mit einer Präsidentin Clinton schwierig geworden, aber mit einem Präsidenten Trump wird es, so fürchte ich, unmöglich.“ Leibrecht geht wie viele Beobachter davon aus, dass die künftige US-Politik nationalstaatlicher ausfalle. „Ich kann trotzdem nur hoffen, dass die US-Amerikaner weiter Interesse an Europa und an gegenseitigem Austausch haben.“

Besonders erschüttert hat Leibrecht, dass ganz offensichtlich „ein Wahlkampf Erfolg hatte, der auf Angst und Abschottung baute“. Nun gerieten auch die USA in die Hand eines Populisten. Nicht nur die Demokraten in den USA hätten unterschätzt, wie viele Amerikaner sich als Verlierer sehen und der demokratischen Kandidatin nicht zutrauten, dass sie ihre Lebensumstände hätte verbessern können.

Die Reaktionen aus der heimischen Wirtschaft fallen abwartend aus: „Der Ausgang der Präsidentschaftswahl ist auch für uns überraschend. Wie nach dem Brexit-Votum gilt es jetzt zunächst aber abzuwarten. Mögliche Folgen für die Ausgestaltung der Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland und Europa lassen sich zumindest noch nicht seriös absehen. Auch für unser Geschäft in den USA erwarten wir zum jetzigen Zeitpunkt keine benennbaren negativen Auswirkungen“, heißt es in einer Stellungnahme des internationalen Anlagen- und Maschinenbauers Trumpf in Ditzingen.

Der Bietigheim-Bissinger Maschinenbauer Dürr mit 900 Beschäftigten in den USA argumentiert ähnlich. Die USA seien nicht nur ein wichtiger Markt für Dürr, man fühle sich nach Jahrzehnten gewachsener Beziehungen dort auch heimisch. In einer Unternehmens-Stellungnahme heißt es weiter: „Die Auswirkungen der US-Wahl auf die Weltwirtschaft sind noch unklar, aber zunächst wird die Unsicherheit zunehmen. Längerfristig wird es darauf ankommen, ob Donald Trump seine protektionistischen Ankündigungen aus dem Wahlkampf als US-Präsident tatsächlich umsetzt. Sollte das geschehen, hätte das negative Effekte für den Welthandel und die Weltwirtschaft.“

Für den Stuttgarter IHK-Präsidenten Georg Fichtner gilt das Prinzip Hoffnung: „Die USA sind für die Unternehmen in Baden-Württemberg Wirtschaftspartner Nummer eins und damit ein sehr wichtiger Markt. Wir hoffen sehr darauf, dass auch unter Präsident Trump die guten wirtschaftlichen Beziehungen sich fortsetzen.“

Der Präsident der IHK-Bezirkskammer in Ludwigsburg und Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, Dr. Heinz-Werner Schulte, gibt sich nachdenklich. „Die seitherigen Aussagen von Donald Trump zu den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen warfen einen Schatten auf deren Zukunft. Jetzt gilt es aber, sich Zeit für einen zweiten Blick zu nehmen“, erklärte Schulte auf BZ-Anfrage. Dabei gelte es zu sehen, dass die traditionell guten Beziehungen der beiden großen Wirtschaftsräume auch in Zukunft weiter gepflegt würden – zu beiderseitigem Nutzen. „Im Grundton abwartend“ ist der Blick von Sparkassenchef Schulte auf das Wahlergebnis. „Wobei zunächst einmal das Wahlergebnis zu Unsicherheiten an den internationalen Kapitalmärkten führt.“ Ganz wichtig werde es sein, dass die US-Wahl die Weltwirtschaft nicht durch Protektionismus oder Isolationismus behindere. „Hier darf man gespannt sein, ob und wie sich die Regierungspolitik vom Wahlkampf unterscheidet“. so Schulte.

Spec zeigt sich überrascht

Völlig überrascht vom Wahlergebnis zeigte sich Ludwigsburgs Oberbürgermeister Werner Spec, dessen Stadt eine Partnerschaft mit St. Charles im Bundesstaat Missouri hat. Dort werde zwar traditionell republikanisch gewählt, mit Trump als Präsident habe er aber nicht gerechnet. Bei einem Besuch von Delegierten aus St. Charles in diesem Jahr in Ludwigsburg seien die Wahlen nicht thematisiert worden. Es sei vor allem schwer kalkulierbar, welche Politik Trump machen werde, sagte Spec zum Wahlausgang. Nachdenklich stimme ihn auch, dass die USA als eine der größten Volkswirtschaften in regelmäßigen Abständen vor dem Staatsbankrott stünden, so der OB, der am Mittwoch den Haushalt seiner Stadt einbrachte. Trump hatte im Wahlkampf und auch am Mittwoch in seiner Rede nach der Wahl viele Versprechungen gemacht, die Geld kosten. „Es bleibt uns nur zu wünschen, dass es zu einem vernünftigen Kurs kommt“, meinte Spec. Generell unverständlich war für ihn, dass in einem Land wie den USA mit einer so langen demokratischen Tradition zwei Kandidaten zur Wahl standen, bei denen es für die Wähler nur darum ging, sich für das aus ihrer Sicht kleinere Übel zu entscheiden.

Der Oberbürgermester von  Bietigheim-Bissingen, Jürgen Kessing, gab sich wenig überrascht vom Sieg Donald Trumps: „Ich habe es befürchtet“, meinte der Sozialdemokrat und bezog sich damit nicht nur auf die Folgen für die hiesige Wirtschaft, sollte Trump sein Land tatsächlich abschotten, sondern auch auf den Stil, der im Wahlkampf von Trump gepflegt wurde. Kessing sprach von „übelsten Beschimpfungen und Unwahrheiten“. Er habe auch mit Blick auf den Bundestagswahlkampf im kommenden Jahr die Sorge, dass dieses Verhalten nach Deutschland schwappen könnte: „Wenn das zu uns käme, und sehr oft schwappen diese Dinge auch mit einiger Zeit zu uns herüber, dann gehen wir düsteren Zeiten entgegen.“

Auch aus dem Sport gibt es Reaktionen. Eishockeyspieler Shawn Weller, US-Amerikaner bei den Bietigheim Steelers, sagte: „Die Wahl hat mich überrascht. Ich bin politisch nicht so drin und kann darüber nicht so viel sagen. Aber ein Wechsel  kann für die USA auch gut sein, es ist eine Chance, die man dem Land geben sollte.“

CDU-Europapolitiker Rainer Wieland rät ab von Vorverurteilungen Trumps in seiner Rolle als US-Präsident. „Trump schlägt als Präsident andere Töne an als im Wahlkampf“, sagte er im BZ-Gespräch. Wieland ist überzeugt, dass die Realität Trump einholen wird. Die Menschen werden sehen, ob er so bleibt „wie er im Wahlkampf getönt“ hat, oder aber Trump sich in Ton und Inhalt ändert, „was sie auch enttäuschen wird“, so Wielands Meinung. Die Amerikaner sollten sich deshalb genau ansehen „was so ein Populist im Amt macht“.

So wählten die Partnerstädte


In St. Charles, der Ludwigsburger Partnerstadt im Bundesstaat Missouri, ist Donald Trump als klarer Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervorgegangen. Im St. Charles County verbuchte Trump fast 60 Prozent der Stimmen. Hillary Clinton kam auf 33,8 Prozent. Gary Johnson, der Chef der Libertären Partei, erreichte knapp vier Prozent.

Im Johnson County im Staat Kansas, in dem Bietigheim-Bissingens Partnerstadt Overland Park liegt, fiel Trumps Wahlsieg nicht ganz so deutlich aus. Er kam laut den zuletzt veröffentlichten Zahlen – wegen Serverproblemen gab es Verzögerungen – auf 46,9, Hillary Clinton auf 44,1 und Johnson auf 5,1 Prozent. um/jsw