Am 1 September startet das neue Ausbildungsjahr und damit sind wie immer die Fragen verbunden: Finden alle Suchenden einen Ausbildungsplatz? Finden alle Betriebe genügend Azubis.

Allein bei der IHK Region Stuttgart gibt es in der Lehrstellenbörse noch rund 560 freie Ausbildungsplatzangebote. Nach Angaben der Agentur für Arbeit in Ludwigsburg gibt es mit Stand August 2608 gemeldete Bewerber (5,4 Prozent weniger als im Vorjahr) für eine Ausbildungsstelle, 511 davon sind unversorgt zum 30. September (10,1 Prozent mehr als im Vorjahr). 3122 Ausbildungsplätze sind im Angebot ( - 3,1 Prozent) und davon sind 861 (-15,2 Prozent) unbesetzt. Auf jeden Bewerber kommen demnach 1,2 Ausbildungsstellen.

Der Blick auf die Online-Stellenbörse der Handwerkskammer verrät, dass auch wenige Tage vor Start des neuen Ausbildungsjahres einige Betriebe im Kreis noch nach Azubis suchen.

Flüchtlinge eingestellt

Steffen Mahl, Geschäftsführer der Bäckerei Stöckle in Bietigheim-Bissingen, hatte bis kurz vor Ausbildungsbeginn auch noch einige offene Lehrstellen im Verkauf und bei den Bäckern. „Die haben wir jetzt fast alle noch kurzfristig besetzen können“, freut sich Mahl. Die beiden freien Bäckerlehrstellen seien durch Flüchtlinge besetzt worden. „Die Vermittlung funktioniert hier in Bietigheim hauptsächlich über die Ehrenamtlichen“, erklärt der Geschäftsführer des Familienbetriebs.

Grundsätzlich erkennt Mahl, dass es in den vergangenen Jahren eine nachlassende Zahl an Bewerbern gibt. „Wir haben nicht 20 Bewerbungen und lehnen Leute wegen zu schlechter Noten ab“, so Mahl. Ganz im Gegenteil, bei der Bäckerei ist die Betreuung der Azubis sehr wichtig. Gegebenenfalls unterstütze man schwächere Lehrlinge lieber. „Voraussetzung ist, dass die Leute mal ein Praktikum bei uns gemacht haben, damit sie sehen worauf sie sich einlassen“. Stelle man sich dabei gut an, hat man auch gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Kampf dem schlechten Image

Mahl gibt zu, dass es derzeit um das Image des Bäckerhandwerks nicht zum Besten bestellt ist, aber an der Verbesserung  arbeite man täglich. Dass das frühe Aufstehen für viele Jugendliche ein Hinderungsgrund sei, gibt Mahl zu, allerdings sei das schon immer so gewesen. Zudem schätzten die meisten nach einige Jahren, dass sie schon um 11 Uhr Feierabend machen können. „Außerdem gibt es immer mehr Abiturienten und deren erster Weg führt in der Regel nicht zu den Handwerksberufen“, sagt Mahl zu den Gründen für den aktuellen Azubi-Mangel im Handwerk.

Das findet Mahl schade, auch weil er glaubt, dass viele die etwa einen Bürojob anstrebten viel glücklicher mit dem Alltag in einem Handwerksberuf wären. Auch wenn es nicht leicht sei, Azubis zu finden, will Mahl weiter auf den Nachwuchs setzen und auch weiter ausbilden. Er hat damit gute Erfahrungen gemacht und konnte seine Erweiterungen komplett mit Eigengewächsen stemmen. Eine Perspektive habe man in der Branche ohnehin immer, da müsse niemand in die Arbeitslosigkeit gehen.

Ausbildungsplätze offeriert online auch das Autohaus Nägele in Bietigheim. „Wir sind eigentlich gut versorgt mit Azubis, lassen aber aus taktischen Gründen die Stellenanzeigen immer online, falls sich ein guter Bewerber auch spät noch für uns entscheidet“, erklärt Geschäftsführer Bernd Nägele. Dann sei auch noch kurz nach Beginn des Ausbildungsjahres etwas machbar. Vor allem Kfz-Mechatroniker wollen immer noch viele werden, meint er. Auch Fachlageristen und Automobilkaufleute bildet der Betrieb aus.

„Die Kaufleute wollen sich lieber nicht so sehr spezialisieren, deshalb gibt es dort in letzter Zeit etwas weniger Bewerbungen für die Lehrstellen als Automobilkaufmann“, so Nägele. Insgesamt bemängelt er, dass die Qualität der Bewerbungen schlechter geworden sei. Aus vielen lasse sich überhaupt nicht herauslesen, welchen Schulabschluss der Bewerber überhaupt habe.

Handwerk: 6,7 Prozent mehr Lehrverträge als 2018


Mit einem Plus von 1,5 Prozent bei den neuen Lehrverträgen kann das Handwerk der Region Stuttgart einen erfolgreichen Start in das neue Lehrjahr verzeichnen, teilt die Handwerkskammer  mit. Im Landkreis Ludwigsburg seien sogar 6,7 Prozent mehr neue Verträge abgeschlossen worden als 2018. Damals waren es noch 731 und jetzt 780. Regionweit gibt es nur in Stuttgart (793) mehr neue Azubis im Handwerk

.„Wir freuen uns enorm, dass wir auf das bereits sehr hohe Niveau der Vorjahre nicht nur aufbauen, sondern sogar eine Schippe drauflegen konnten“, kommentiert Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, die positive Bilanz. „Ich bin stolz darauf, dass 4123 junge Menschen aus der Region am Montag ihren Karriereweg im Handwerk starten werden.“ Das große Engagement der Handwerkskammer und ihrer Mitgliedsbetriebe in Sachen Nachwuchswerbung komme bei der Zielgruppe an. Außerdem entscheiden sich immer mehr Abiturienten für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden. 17,2 Prozent der neuen Azubi-Generation bringt ein Abitur oder eine Fachhochschulreife mit. Vor zehn Jahren lag diese Quote noch deutlich unter zehn Prozent.

„Ein beruflicher Bildungsweg gewinnt bei den jungen Menschen zunehmend an Ansehen“, sagt Hoefling. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche hätten junge Menschen exzellente Aussichten. „Dass die duale Ausbildung von immer mehr Schulabgängern als Alternative zu einem Studium gesehen wird, freut uns“, resümiert Hoefling. bz