Schwerpunkt Weltretter Lebensmittel vor der Tonne retten

Kreis Ludwigsburg / Von Carolin Domke 11.08.2018

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) vom Joghurt ist seit zwei Tagen überschritten – ab in Tonne. Die Banane zeigt auch schon mehr braune Stellen als den gelben Anteil – ab in die Tonne. Und so geht es oft weiter, bei Supermarktketten und im eigenen Haushalt. Einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2017 zufolge wirft jede Person in Deutschland pro Jahr etwa 55 Kilogramm Lebensmittel in den Müll. Hochgerechnet auf alle privaten Haushalte macht das 4,4 Millionen Tonnen. Und laut der Umweltorganisation WWF liegt der gesamte bundesweite Müllverbrauch (inklusive Unternehmen) bei 18 Millionen Tonnen im Jahr. Doch sind die weggeworfenen Lebensmittel immer schlecht? Organisationen wie die Tafel oder Foodsharer haben Lösungen gefunden, wie die Verschwendung eingedämmt und noch verzehrfähige Lebensmittel sinnvoll genutzt werden können.

1993 machte die erste Tafel, gegründet in Berlin, einen Schritt gegen die Lebensmittelverschwendung, heißt es auf der Seite des Dachverbands. Zwanzig Jahre später, im April 2013, eröffnete auch in Bietigheim-Bissingen der Tafelladen im Diakoniezentrum – mit einer zur heutigen Zeit sehr hohen Nachfrage: „Es kommen täglich 150 bis 180 Kunden am Tag“, erzählt die Leiterin Ingrid Brandl. „Das ist sehr viel für einen Tafelladen.“ In der näheren Umgebung gebe es nicht viele andere Möglichkeiten. „Es kommen viele auch aus Sachsenheim und Besigheim“, meint sie weiter. Nur mit einer Kundenkarte von der Caritas oder der Diakonie und wer unter einer bestimmten Einkommensgrenze liegt, bekommt in dem Tafelladen Unterstützung. Die Anzahl an Rentnern steige zudem deutlich.

Die Tafel freut sich immer über neue Helfer. Im Durchschnitt sind zwölf bis 15 Personen von etwa 100 Freiwilligen am Tag im Einsatz. Sie sortieren Obst und Gemüse in der Küche oder helfen im Laden. Finanziert wird die Tafel ausschließlich über Spenden. Denn alles, was über den Verkauf der Lebensmittel reinkommt seien nur Cent-Beträge. „Nur was noch gut ist, wird verkauft, sonst kommt es in die Tonne“, bestätigt auch Brandl.

Es ist nicht so, dass man mit dem Einkaufszettel in die Tafel kommen kann. Gerade die haltbaren Lebensmittel wie Mehl, Teigwaren oder auch Süßigkeiten seien Mangelware wegen dem langen MHD. „Joghurt kann man auch ein paar Tage nach dem MHD essen. Das ist nicht tödlich“, so die Leiterin.

Geöffnet hat der Tafelladen immer dreimal die Woche, Montag, Mittwoch und Freitag ab 10.30 Uhr. Davor klappern Freiwillige bereits die Supermärkte um Bietigheim ab, um die hohe Nachfrage zu stillen.

Ein weiterer Ursprung der Lebensmittelrettung stammt ebenfalls aus Berlin: Foodsharing. Es verfolgt das Prinzip, Lebensmittel, die zwar Mängel besitzen, aber noch gut sind, entweder über einen Verteiler auszutauschen, oder als Foodsharer online anzubieten. Verteiler, das sind Orte, an denen ein Kühlschrank und ein Schrank aufgestellt werden, wo jeder übrige Lebensmittel reinlegen und mitnehmen kann.

Christian Walgenbach war von dem Konzept des Gründers Raphael Fellmer überzeugt, und brachte die Idee nach Ludwigsburg. Der im Oktober 2017 gegründete Verein verfolgt neben der Rettung von Lebensmitteln noch ein weiteres Ziel: „Wir möchten die Bildungsarbeit an der VHS und an Schulen weiter vorantreiben.“ Mit ihrem Stand sind sie deswegen auch auf Veranstaltungen, wie dem „NaturVision“-Filmfestival in Ludwigsburg.

Die Zielgruppe der Foodsharer ist breit gefächert, sie reicht vom Studenten bis zum Anwalt. „Wenn Lebensmittel schon über ein Jahr im Schrank stehen und nicht verbraucht wurden, dann kann man das auch abgeben“, erklärt Walgenbach die Hintergründe der Bewegung.

Bisher wurde noch kein geeigneter Standort für einen Verteiler gefunden, doch der junge Verein hofft auf eine Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Hilfswerk oder einer öffentlichen Einrichtung.

www.bietigheim-bissinger-tafel.elk-wue.de
www.foodsharing-ludwigsburg.de

Trend „Containern“ bei Supermarktketten

Vor über zehn Jahren ploppte der Trend auf, noch gute Lebensmittel, allerdings mit Mängeln, aus den Müllcontainern von Supermarktketten zu sammeln. Mittlerweile versuchen nach Rücksprache mit Aldi, Edeka und Kaufland, die Filialen die weggeworfenen Lebensmittel so gering wie möglich zu halten. Steht die Ware kurz vor dem MHD, wird sie oft zu einem reduzierten Preis verkauft, an Tafeln oder andere karitative Einrichtungen überreicht. Containern sei bei den drei Gesellschaften kein Thema im Landkreis. Die Müllbehälter seien zudem meist nicht öffentlich zugänglich und aus Haftungsgründen sei das Abfallcontainern auch rechtswidrig. cd

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