Dem Handwerk geht es gut, auch in der Region. Die Auftragsbücher sind voll. Darunter leiden aber mitunter die Kunden, denn die Wartezeiten auf einen Handwerkerbesuch steigen seit Jahren an. Waren es 2018 bundesweit im Schnitt noch 8,4 Wochen, die zwischen Auftragsvergabe und Ausführung vergingen, teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks aktuell mit, dass sich die durchschnittliche Wartezeit auf fast 10 Wochen verlängert habe.

Besonders in Ballungsräumen wie der Region Stuttgart sind die Wartezeiten lang. Das bestätigt auch der Ludwigsburger Kreishandwerkermeister Albrecht Lang aus Benningen. „Wir Handwerker freuen uns über volle Auftragsbücher. Das liegt an der guten Wirtschaftslage und daran, dass es kaum Zinsen für Erspartes gibt. Da lassen sich die Menschen lieber ein neues Vordach machen, als das Geld auf der Bank liegen zu lassen“, meint Lang. Die steigenden Wartezeiten haben aber gleichzeitig auch etwas mit dem Nachwuchsproblem im Handwerk zu tun. „Die Handwerker würden gerne noch mehr Leute einstellen um mehr Aufträge ausführen zu können, aber der Gesellenarbeitsmarkt ist leergefegt“, sagt Lang.

Ähnlich sieht es auf dem Leerstellenmarkt aus. Das Handwerk in der Region findet einfach keine Auszubildenden. Dafür gibt es laut Lang mehrere Erklärungen. Zunächst einmal habe man in der Region mit der starken Industrie einen für viele attraktiveren Arbeitgeber. „Ich war mal bei einem Berufsinfoabend an einer Schule. Dabei war auch ein Vertreter von Porsche. In meinem Vortrag waren zwölf Jugendliche, bei Porsche war das Klassenzimmer zu klein so viele haben sich für eine Ausbildung dort interessiert“, erinnert sich Lang. Damit habe man in der Region aber eigentlich schon immer zu kämpfen. Ob vielleicht durch den drohenden Knick bei der Autoindustrie im Zuge der E-Mobilität das Handwerk mehr Zulauf finden wird? „Immer wenn es bei der Industrie etwas bergab ging, waren Stellen im Handwerk beliebter. In der Regel verlieren wir aber eher Fachkräfte an die Industrie als umgekehrt“, ordnet Lang ein.

Die lange Wartezeiten heute, führt Lang auch auf Fehler in der Bildungspolitik zurück. Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung habe dem Handwerk geschadet. Viele Eltern wollten für ihre Kinder eben doch die höhere Schulbildung erreichen, so dass der Nachwuchs im Handwerk, der vor allem aus Hauptschülern bestanden habe, nun fehle. Auch dass es praktisch keine Hauptschulen mehr gebe habe das Handwerk getroffen. Hinzu kommt aus Sicht des Kreishandwerkmeisters das schlechte Image einiger Berufe. Metzger etwa wolle heute kaum mehr jemand werden. „Die jungen Menschen leben heute in einer vollkommen anderen Welt“, sagt Lang. Damit meint er nicht, dass die Träumerei von unerreichbaren Jobs Konjunktur habe, sondern spielt vor allem auf die Digitalisierung an. „Früher war es eher normal in seiner Freizeit etwas Handwerkliches zu tun, heute sind die Jugendlichen ständig mit ihrem Smartphone zugange. Ein 15-Jähriger weiß heute nichts mehr mit einem Hobel anzufangen“, meint Lang.

Deshalb glaubt Lang auch nicht an eine Verbesserung. Es werde immer länger dauern, bis der Handwerker kommt, weil es immer weniger davon gebe. Sein Tipp: „Behalten Sie ihren Hanwerker“, rät er Kunden. Wer immer denselben Handwerker aus dem Ort zu Rate zieht, hat eher Chancen, dass er zur Not schnell zur Stelle ist, glaubt Lang.

Mehr Betriebe, aber weniger Azubis im Handwerk


Elf Wochen lang sind Handwerker in der Region Stuttgart derzeit durchschnittlich mit (zukünftigen) Aufträgen ausgelastet, teilt die Handwerkskammer Region Stuttgart. Der Wert sei so hoch wie im vergangenen Jahr, erklärt Sprecherin Julia Häcker.

Die Zahl der Handwerksbetriebe in der Region Stuttgart ist im vergangenen Jahr leicht gestiegen (2017: 29 023 Betriebe, 2018: 29 335 Betriebe).

Die Zahl der Beschäftigten ist ebenfalls gestiegen (2017: 182 400 Beschäftigte, 2018: 184 200 Beschäftigte).

Lediglich die Zahl der Auszubildenden ist laut Häcker im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen (2017: 10 972 Ausbildungsverhältnisse, 2018: 10 574 Ausbildungsverhältnisse). bz