Am Samstag, 4. Januar, endet nach 24 Jahren die Amtszeit von Landrat Dr. Rainer Haas. Im BZ-Interview blickt der Jurist zurück. Zum Gesprächstermin empfängt ein gelassener Haas in seinem Büro, das in den vergangenen 24 Jahren so etwas wie sein zweites Zuhause war. Durchschnittlich zwölf Stunden habe sein Arbeitstag in der Regel betragen. Er sei beruhigt, dass die Nachfolge (Dietmar Allgaier, Anm. d. Red.) so gut geklärt sei. Und in der Tat wirkt Haas zufrieden mit seiner Entscheidung, sich zurückzuziehen. Seinen Job hat er mit Herzblut ausgeübt und kann sich auch rückblickend keinen besseren Arbeitsplatz für sich selbst vorstellen.

Herr Haas, Ihre Amtszeit endet morgen, dann wollen Sie erst einmal in den Ski-Urlaub gehen. Haben Sie schon eine Strategie für den neuen Lebensabschnitt, und wie schaffen Sie Abstand?

Dr. Rainer Haas: Ich habe mir vorgenommen, mal einige Wochen „Zeitungsfasten“ zu betreiben. Ob das dann auch so kommt, wird man sehen. Aber es wird nicht so sein, dass ich hier  zur Tür hinausgehe und mich der Landkreis nicht mehr interessiert.

Ihrem Nachfolger Dietmar Allgaier steht bald sein erster Arbeitstag als Landrat bevor. Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag in dem Amt erinnern?

Ja, klar! Auf meinem Schreibtisch gab es einen relativ kleinen Aktenstapel, und ganz oben drauf lag ein Antrag der Freien Wähler, mich mit dem Thema Müll zu befassen. Ich war noch keine drei Monate im Amt, da musste ich den AVL-Geschäftsführer entlassen und ihm Hausverbot erteilen. Da war was los! Viel Zeit zum Eingewöhnen gab es also nicht.

War es rückblickend gut, dass Sie gleich so gefordert waren?

Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt, und es war keine angenehme Zeit. Andererseits war es gut, dass diese heiße Angelegenheit gleich auf den Tisch kam. Trotz widriger Umstände konnte ich damals gleich positiv etwas bewegen.

24 Jahre im Amt sind heutzutage eher selten und es scheint, dass sich gerade auf kommunaler Ebene immer wieder Neulinge gegen langjährige Amtsinhaber durchsetzen.

Das lässt sich nicht so verallgemeinern. Man muss immer genau hinschauen, warum jemand abgewählt wurde. Meist gibt es handfeste Gründe. Es gibt aber sicherlich auch in der Gesellschaft einen Wandel. Partikularinteressen werden immer stärker in den Vordergrund gestellt. Dazu tragen wir alle bei, sei es in der Bundes-, Landes- oder Kommunalpolitik. Immer häufiger werden Leute bestärkt, ihre Partikularinteressen wahrzunehmen. Auch die Presse kann ich bei diesem Thema nicht ausnehmen. Selbst jemand, der noch so abwegige Einzelinteressen vertritt, bekommt dort viel Raum. Parallel kommt hinzu, dass den Bürgern der Eindruck vermittelt wird, dass der Staat ein Supermarkt ist, aus dem man sich nach Belieben bedienen darf, ohne bezahlen zu müssen. Dem Bürger wird eingeredet, uneingeschränkte Rechte und keinerlei Pflichten zu haben. Dabei bedingen sich Rechte und Pflichten in einem Rechtsstaat wie dem unseren gegenseitig.

Was war die größte Herausforderung ihrer Amtszeit? Gleich der AVL-Skandal zu Beginn?

Am Anfang sicherlich, aber auch die Gestaltung der AVL für die Zukunft – und natürlich die Neubauten bei den beruflichen Schulen, die Krankenhäuser und das Thema Mobilität. Neu hinzugekommen ist das Thema Digitalisierung. Selbst das Thema Klimaschutz hatten wir schon lang vor der aktuellen Dynamik auf der Agenda.

Sind Sie zufrieden mit den Erfolgen auf dem Gebiet des Klimaschutzes?

Global und national betrachtet: nein. Wir haben zwar viel geredet, aber die Ergebnisse sind überschaubar. Deshalb sehe ich die Gesellschaft an einem Scheideweg, bei dem es um nichts weniger als die Zukunft unserer Jugend geht. Wir müssen raus aus den fossilen und rein in die regenerativen Energien. Die technischen Möglichkeiten und das Know-how haben wir. Die Automobilhersteller haben Vieles verschlafen, und die Politik hat sie dabei unterstützt.

Hätten Sie die Tesla-Ansiedlung gerne im Landkreis gehabt?

Das hätte ich mir gut vorstellen können. Doch andererseits gibt es bei uns aufgrund der bestehenden Siedlungsdichte immer weniger Flächen, und in Deutschland wächst eine Unwucht bei der Wirtschaftskraft der verschiedenen Regionen. Daher ist es auch gut, dass ein solches Schwergewicht in eine schwächere Region kommt.

Hatte Sie nie ein anderes Amt in der Landes- oder Bundespolitik gereizt?

Es hat mich nie gereizt, und ein politisches Amt wäre für mich als Parteilosen ohnehin schwer möglich gewesen. Im Übrigen hatte ich auf der europäischen Ebene über viele Jahre für kommunale Spitzenverbände mehrere Ämter inne.

Ein neuer Job kommt also nicht in Frage?

Bestimmt werde ich nicht zur einen Tür raus und zur anderen hineingehen. Ich habe jetzt über 40 Jahre lang ohne Unterbrechung gearbeitet, ohne krankheits- oder anderweitig bedingte Pausen. Vor dem Hintergrund gönne ich mir jetzt erst mal eine Auszeit und werde dann sehen, was kommt. Langweilig wird es mir sicher nicht. Ich werde mich im Bereich der deutsch-italienischen und der deutsch-französischen Beziehungen weiter engagieren.

Gibt es etwas, das Sie im Rückblick bereuen?

Da fällt mir nichts ein.

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz