Andreas Bühler, Inhaber der Apotheke „Im Kaufland“ in Bietigheim-Bissingen, kennt das Problem: „Wir haben jeden Tag mit Lieferengpässen zu tun“. In seinen Apotheken im Kaufland, am Unteren Tor und in Neckarwestheim sind zirka 80 000 Medikamente vorrätig. „Jede Apotheke hält einen Lagervorrat und trägt dabei das wirtschaftliche Risiko“, erklärt Andreas Bühler.

„Aber wir haben einen Versorgungsauftrag unseren Kunden gegenüber und dem muss man nachkommen.“ Vorwiegend die Vorratshaltung gleiche entstehende Lieferprobleme aus. Ist zum Beispiel ein Schmerzmittel wie Ibuprofen 600 nicht in einer 100-er Packung lieferbar, kann auf die Alternative von zwei Mal 50-er Packungen ausgewichen werden. Hier fangen allerdings auch schon die Probleme an. „Die Krankenkassen lassen das oft nicht zu“, so Andreas Bühler.

Das ist im System begründet, nachdem inzwischen alle gesetzlichen Krankenkassen Rabattverträge für ihre Versicherten abschließen. Dabei erhalten jeweils nur einzelne Hersteller den Zuschlag, um bestimmte Arzneimittel an die Versicherten einer Kasse zu liefern. Fällt ein Rabattvertragspartner wegen Produktionsproblemen aus, kann die Konkurrenz meist nicht kurzfristig einspringen. Dann sind Lösungen gefragt, weiß Andreas Bühler. „Hier in Bietigheim funktioniert es sehr gut unter den Apotheken.“

Wenn etwas tatsächlich nicht im Lager vorhanden ist, rufe man sich untereinander an. „Für uns steht der Patient im Mittelpunkt, er muss gut versorgt sein.“ Wenn Medikamente wegen Verunreinigungen oder anderer Fehler zurückgezogen oder gesperrt werden, heißt das nicht, dass der Patient nicht mehr medizinisch versorgt werden könne. „Niemand kommt zu Schaden“, bekräftigt Andreas Bühler. In Rücksprache mit dem Arzt gibt es Ausweichmöglichkeiten als Alternative. „Wenn ein Patient sein Medikament absetzen würde, wäre der Schaden vielfach höher, als wenn er ein Ausweichmedikament nimmt.“

Laut einer Stellungnahme der Landesapothekenkammer Baden-Württemberg häufen sich die Lieferengpässe von Arzneimitteln zunehmend. Es fehlen unter anderem Onkologika, Impfstoffe, Antibiotika und Medikamente für den kardiovaskulären Bereich. Apotheken sind auf die Lieferungen des Großhandels und somit der Hersteller angewiesen. Gerade bei Medikamenten, die nur von einem oder wenigen Herstellern produziert werden, kann es zu Lieferengpässen kommen.

Die Landesapothekenkammer nennt vielfältige Gründe: Ändern sich zum Beispiel Therapie-Empfehlungen für Ärzte oder werden Risiken bei Arzneimitteln bekannt, entsteht plötzlich ein erhöhter Bedarf für andere, bisher wenig benötigte Arzneimittel, der nicht gedeckt werden kann. Häufig gibt es für bestimmte Wirkstoffe nur noch einen oder sehr wenige Hersteller.

Wirkstoffe aus China

Immer mehr Wirkstoffe werden außerdem aus Kostengründen in Indien, China oder anderen Ländern in Fernost produziert. Bei Generika, also Arzneimitteln, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist, herrscht ein massiver Preiskampf.

Hinzu kommt das System der Rabattverträge der Krankenkassen mit einzelnen Händlern. Eine Umstellung auf ein Konkurrenzprodukt mit identischem Wirkstoff wäre unproblematisch, wenn die Krankenkassen hier nicht auf ihren Rabattverträgen beharren und den Apotheker damit Probleme bereiten würden. Diese Reglementierung mache eine Lösungsfindung sehr schwierig, stellt Andreas Bühler fest. Um die Behandlung des Patienten sicherzustellen, ist deshalb die enge Zusammenarbeit von Apotheker, Arzt und Patient sehr wichtig. Denn, so seine Überzeugung: „Die Gesundheit ist das höchste Gut, danach sollte auch gehandelt werden.“

Was sagt die Apothekerkammer?


Die Anzahl der Rabattarzneimittel, die aufgrund eines Lieferengpasses ausgetauscht werden mussten, haben sich bei den gesetzlich krankenversicherten Patienten von 5 Millionen Packungen im Jahr 2016 auf 9,3 Millionen Stück im Jahr 2018 fast verdoppelt. Betroffen ist jedes 50. Rabattarzneimittel.

Im Jahr 2018 haben die Top-10-Wirkstoffe mit 4,7 Millionen Arzneimitteln fast die Hälfte der 9,3 Millionen Lieferengpässe ausgemacht. Hochdosiertes, rezeptpflichtiges Ibuprofen belegt mit 1,6 Millionen Packungen den ersten Platz.62,2 Prozent der Apotheken geben an, dass sie mehr als 10 Prozent ihrer Arbeitszeit dafür aufwenden, um bei Lieferengpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Versorgungslösungen zu suchen. nowa