Lärm ist nicht gleich Lärm

JÖRG PALITZSCH 05.07.2014

Eine ereignisreiche Woche liegt hinter uns - und es geschehen unglaubliche Ding.

Während ganz Deutschland mit unseren Jungs in Brasilien mitfiebert, werden in Bietigheim-Bissingen die Tore auf Bolzplätzen abgebaut. Dies ist ein Widerspruch in sich, weil ein Bolzplatz ohne Tore wie ein Kuchen ohne Sahne ist. Der Hinweis der Stadt, man könne als Pfostenpunkte doch Jacken hinlegen, ist unverständlich, weil es zeigt, dass man nicht verstanden hat, welche Faszination der Fußball auf Kinder und Jugendliche hat. Freilich müssen junge Freizeitkicker lärmmäßig Rücksicht nehmen, aber die Anwohner eines Bolzplatzes wissen auch, was vor ihrer Haustür steht, so ist es auch bei Spielplätzen. Dabei gilt - und dies ist typisch deutsch -, wenn sich einer nur laut genug beschwert, müssen alle anderen kuschen.

Auch ein Widerspruch, wenn sich in Freiberg Discjockeys an einem Seminar beteiligen, um sich für Lärm zu sensibilisieren. Musik ist per se kein Lärm. Und: "Sie hört Musik nur, wenn sie laut ist", sang einst schon Herbert Grönemeyer. Fazit: Als DJ dafür zu sorgen, dass Musik leise gespielt wird, ist wie alkoholfreies Weizenbier zu trinken - Betrug am eigenen Körper.

Vollkommen richtig ist dagegen der Beschluss in Ludwigsburg, gegen den Straßenlärm vorzugehen. Tempo-30-Zonen senken die Lärmbelastung spürbar, und auch der Einbau von "lärmoptimierten Asphalt" kann ein Beitrag dazu sein, Lärm einzudämmen. Wobei sich auch hier die Katze in den Schwanz beißt. Alle schimpfen über Verkehrslärm und Staus - mit Vorliebe im eigenen Auto.

Bleiben wir beim Blick in die nächste Woche beim Thema Lärm.

In Markgröningen wird am Mittwoch bei der Landern-Grundschule anstelle eines Bolzplatzes ein Kleinspielfeld gebaut. "Nach der Fertigstellung kann der Ball endlich rollen", heißt es in der Einladung zur Einweihung. Na also, es geht doch.

Ob es beim Konzert von Martha Argerich und Lilya Zilberstein im Forum in Ludwigsburg am kommenden Dienstag laut wird, ist eher unwahrscheinlich, aber wissen kann man es nicht. So eilt der Pianistin Martha Argerich ein Ruf wie Donnerhall voraus. Die "Katze auf dem heißen Klavier", die "Löwin am Klavier", "ein Hauch von Juliette Greco" heißt es über sie. Ihre Fans bewundern ihre Glut, Enthusiasmus und ungezügelte Kraft, wenn ihre Finger über die Klaviatur tanzen, " eine Wilde, eine Verrückte, nicht leicht zu behandeln und immer ein Risikofaktor", befand einst Friedrich Gulda, der selbst ein begnadeter Musiker war. Gulda starb übrigens am 27. Januar 2000, dem Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart, der es in seinen Opern auch laut krachen ließ - musikalisch und inhaltlich.

Eine gewisse Lautstärke muss dann auch das "Cécile Verny Quartet", eine Jazz-Band aus Freiburg, beim Open Air auf dem Bietigheimer Marktplatz am Donnerstag vorlegen. Afrikanische Wurzeln, französische Gesangstradition und Jazzgesang sind die Zutaten für eine rhythmisch anregende Mischung aus Chanson, Scat-Gesang, Blues und Swing, die auf Französisch und Englisch vorgetragen werden. Jetzt aber mal die Hand auf das musikalische Herz - dieser Sound geht nur etwas lauter, auch wenn die Anwohner schimpfen.