Der Schlüssel für die CDU liegt in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit“, ruft Rainer Wieland am Freitag beim CDU-Parteitag in der Vaihinger Stadthalle rund 200 Mitgliedern zu. „Wir müssen Volkspartei bleiben und wieder zur Erfolgspartei werden.“ Wenige Tage vor dem Bundesparteitag in Leipzig hagelte es nach den deutlichen Worten von Baden-Württembergs Fraktionschef Wolfgang Reinhart auch aus dem Kreis Kritik.

Wieland ist hoch zufrieden, dass die Mitglieder sich mit mehr als 90 Prozent der Stimmen gegen eine Urwahl aussprechen. Wieland wird als Kreischef bestätigt, neuer Stellvertreter ist der Landtagsabgeordnete Fabian Gramling (90,6 Prozent Zustimmung) aus Bietigheim-Bissingen. Die Ergebnisse der Wahlen in den vergangenen Monaten haben geschmerzt: „Sie tun weh. Das waren Alarmzeichen“, sagt Wieland. Die CDU befinde sich in einer schwierigen Lage, sei keine coole Marke mehr, bilanziert er. Sie habe sich ein Stück weit von der Bevölkerung entfernt. Die Aufbruchstimmung für Europa habe man leider nicht umgesetzt, klagt der Europapolitiker. Bei der CDU sei Europa in einer Schieflage, „vielleicht nicht hier im Kreis, aber im Land und im Bund“.

Weggeduckt habe man sich in vielen Fragen, zum Beispiel bei der Klimadiskussion. Man führe lieber Personaldiskussionen, anstatt sich um inhaltliche Fragen zu kümmern. Er persönlich werde niemand mehr unterstützen, der das Wort Mitgliederbefragung in den Mund nehme. Das treibe die Partei nur noch weiter auseinander. So sieht es auch die große Mehrheit des Kreisverbands: Er lehnt die Urwahl eines Kanzlerkandidaten ab.

„Neue Wege“ will Wieland stattdessen einschlagen. Wege, die von unten kommen müssten: „Wir müssen aus der Box herauskommen.“ Das Format „Unparteitag“ (siehe Infobox) sieht er als ein Mittel an, das ausgebaut werden muss. Und vor allem gehe es auch darum die digitale Präsenz zu stärken: „Da sind wir schlecht aufgestellt“, legt er erneut den Finger in die Wunde: Beim Rezo-Video vor der Europawahl („Die Zerstörung der CDU“) habe man schlicht keine Antworten gehabt.

Das unterstreicht Mario Voigt, Landtagsabgeordneter aus Thüringen in seinem Beitrag: „Wir müssen besser werden“, sagt der Experte beim Thema politische Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung. Als Strategieberater nahm Voigt unter anderem an der Bundestagswahlkampagne von Angela Merkel im Jahr 2005 teil. Seit 2017 lehrt und forscht er als Professor für Digitale Transformation und Politik an der Quadriga Hochschule Berlin.

Von Mensch zu Mensch

Persönliches von Mensch zu Mensch sei heute enorm wichtig. Da habe zum Beispiel Steffen Bilger auf Twitter 4580 Follower. Der Bürger müsse direkt erreicht werden. Dafür seien Twitter, Facebook und Instagram die wichtigsten Kanäle, die E-Mail-Adresse sei zur Postadresse geworden. Man spreche heute mit Bildern und in Echtzeit-Kommunikation. Betroffene müssten zu Beteiligten gemacht werden, von passiven Zuschauern zu aktiven Mitmachern. Und es gelte die Populisten im Auge zu behalten. Alle Parteien zusammen seien auf dem Feld der digitalen Kommunikation nicht so gut aufgestellt wie die AfD. Sie stelle die traditionelle Presse einfach als Lügenpresse hin und habe damit Erfolg. Die CDU müsse ehrlich an den Puls der Leute ran, authentisch sein. Voigt beschreibt sich selbst als „gnadenlosen Optimisten“ und sieht inzwischen Licht am Horizont.

Wieland forderte indes weiter: Neue Formen der Gremienarbeit seien notwendig. Und man müsse etwas gegen die ungesunde Altersverteilung der Mitglieder tun. Ein Ansatz ist für Wieland hier das Modell Doppelmitgliedschaft mit der Jungen Union: „Sie greift und soll ausgebaut werden.“

Prominente Mitglieder geehrt

Vier Stunden tagt der Kreisverband. Rainer Wieland (62), Kreisvorsitzender seit 1993, ist einziger Kandidat um den Vorsitz. Er erhält 141 Ja-Stimmen  (bei 158 abgegebenen Stimmzetteln). Neuer Stellvertreter ist neben Elke Kreiser Fabian Gramling, der für Michael Schreiber nachrückt. Es wird geehrt und gedankt: Konrad Epple und Manfred List gehören seit 40 Jahren der Partei an, Dieter Geiger seit 50 Jahren.

Der CDU-Kreisverband in Zahlen


2004 Mitglieder hatte der CDU-Kreisverband Ludwigsburg zum Jahresende 2018. Ende September 2019 notierte man 2044. Vor zehn Jahren waren es 2298 Mitglieder. Der Frauenanteil liegt bei 26,4 Prozent. Den größten Ortsverband stellt Ludwigsburg (282), gefolgt von Bietigheim-Bissingen (164). Das Durchschnittsalter beträgt 58,7 Jahre (Bund 60,4).

Der 1. Unparteitag des CDU-Kreisverbands Ludwigsburg im April schlug Wellen über den Kreis hinaus. Er soll ein Instrument zu mehr Basispolitik werden, bei dem hierarchielos, kreativ und vielfältig diskutiert werden kann.  bz