Prozess Kranke Frau in den Ruin getrieben

Möglingen/Stuttgart / Bernd Winckler 27.06.2018

Durch Beten „mit Gottes Hilfe“ und durch Handauflegen wollten zwei Frauen aus Möglingen eine hilfesuchende Patientin von einem psychischen Leiden befreien – gegen viel Geld. Dafür mussten sie sich jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht wegen Wuchers verantworten. Die Beschuldigten forderten einen Freispruch, könnten jetzt aber mit Bewährungsstrafen davonkommen.

Bis zu zweieinhalb Jahre Haft hatte das Ludwigsburger Schöffengericht in der ersten Instanz den beiden selbsternannten Geistheilerinnen wegen gewerbsmäßigen Wuchers auferlegt – ohne Bewährung. Wer durch Wucherforderungen einen anderen in wirtschaftliche Not bringt, kann nach dem Gesetz mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden.

Mit ihrer „Behandlung“, verbunden mit Gottes-Ritualen, Handauflegen, Fürsprache mit Toten und Beten, hatten sie laut dem ersten Urteil in über 300 Einzelfällen mehr als 80 000 Euro Honorar gefordert. Tatsächlich jedoch sollen es bis zu 300 000 Euro gewesen sein, die das Opfer in die Möglinger Wohnung der einen Angeklagten brachte, berichtete in dem Prozess der Bruder des Opfers. Damit sei das Opfer systematisch ausgebeutet und die psychische Labilität der Frau regelrecht ausgenutzt worden.

Angeklagte schweigen

Die Angeklagten schwiegen zu den Vorwürfen. Angesichts der Schwere der Tat machten die Richter einen Vorschlag: Falls die beiden bereit wären, ihre Berufung gegen das Ludwigsburger Haft-Urteil zurückzunehmen und weiterhin bereit wären, eine angemessene Schadenswiedergutmachung an das Opfer zu leisten, könne man sich jeweils Freiheitsstrafen im Bereich zwischen einem Jahr und elf Monaten beziehungsweise zwei Jahren vorstellen, die dann zur Bewährung ausgesetzt würden.

Die Staatsanwältin wandte sich energisch gegen eine solche Abmachung, die nach der Strafprozessordnung als „Verständigung“ gehandelt wird. Ihrer Meinung nach sei dieser Deal nicht der Tat und der Schuld angemessen. Schließlich habe man das Opfer sogar soweit gebracht, dass sie für die immens hohen Honorare zwei Grundstücke verkaufte und die Ersparnisse ihrer Mutter angriff. Bis zum nächsten Verhandlungstermin am 2. Juli haben Verteidiger und Anklägerin Zeit, sich Gedanken über den Vorschlag zu machen. Sollten sie ablehnen, geht die Beweisaufnahme weiter.

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