Für viele Menschen  ist erst dann richtig Weihnachten, wenn sie Johann Sebastian Bachs bekanntestes und meistgespieltes Werk, sein Weihnachtsoratorium, gehört haben – und zwar möglichst live.

Und in der Tat steht keine andere Musik so selbstverständlich für das wichtigste Fest der Christenheit, wie jene sechs Kantaten, die der größte Kirchenmusiker aller Zeiten für den weihnachtlichen Festkreis geschrieben hat.

Die Geschichte atmet Bach

Die Geschichte von der Geburt Jesu handelt von Freude und Hoffnung, und dementsprechend atmet Bachs Musik Licht, Glanz und Wärme. Feierliche, wirkungsvolle Eingangs- und Schlusschöre, dramatische Chorturbae, die Vertonung der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte in den Rezitativen, eingefügte Weihnachtschoräle und Arien der vier Gesangssolisten prägen das Szenario.

Wenngleich das „WO“, wie Musiker das Werk liebevoll nennen, das volkstümlichste Werk des großen Sachsen geworden ist, täusche man sich nicht ob seiner technischen Schwierigkeiten. Polyphon geführte Chorsätze mit virtuosen Koloraturen, anspruchsvollste Soloarien und ein stark binnendifferenzierter Orchestersatz stellen die Aufführenden vor immense Herausforderungen.

Die Kirchenmusik des Besigheimer Bezirkskantorats steht in diesem Jahr ganz und gar im Zeichen des großen Bach-Werkes. Klugerweise hat sich Kirchenmusikdirektor Tobias Horn schon in der Vorplanung für eine zweigeteilte Gesamtaufführung entschieden. Diese findet  am Samstag nach Weihnachten, 28. Dezember. ab 19 Uhr statt

Eine zweite gute Entscheidung war es, die etwa vierzigköpfige Besigheimer Kantorei mit der Jugendkantorei (Leitung Heike Bilger), in der etwa zwanzig Kinder und Jugendliche ab der 5. Klasse und junge Erwachsene singen, zu kombinieren.

Beim Konzert am Samstagabend mit den ersten drei WO-Kantaten konnte man sich ein Bild von der hervorragenden kirchenmusikalischen Jugendarbeit in Besigheim verschaffen, denn die stimmgebildeten jungen Sängerinnen und Sänger verhalfen dem Gesamtchorklang zu strahlendem Glanz und großer klanglicher Eindringlichkeit. Als Gesangsolisten hatte der Besigheimer Kantor Miriam Burkhardt, Sopran, Anne Greiling, Alt, Florian Cramer, Tenor, und Thomas Scharr, Bass, verpflichtet. Auch dies erwies sich als Glücksgriff, denn die vier gleichrangigen Profis hatten ihrerseits einen wichtigen Anteil an dem vom Publikum begeistert aufgenommenen Konzertabend.

Den schwierigsten Part hatte Florian Cramer als Evangelist zu bewältigen. Eine eindrucksvolle, kräftige Stimme, die gelegentlich etwas angestrengt wirkte. Auch bei der Auswahl des letzten Bausteins der Aufführung, dem Orchester, bewies Tobias Horn ein gutes Gespür.

Die Sinfonia 02, in der sich ausgewählte Instrumentalisten und Mitglieder großer Stuttgarter Orchester mit ihrem Konzertmeister Mathias Neundorf vereinen, bewältigte ihre Aufgabe ebenso bravourös wie das Stuttgarter Trompetenensemble Christian Nägele.

Voll beglückender Pracht bei den großen Arien und Chören (Jauchzet frohlocket, Großer Herr, Ehre sei Gott, Wir singen dir, Herrscher des Himmels) und zurückhaltend bei intimeren Stellen (Hirtenmusik, Schlafe, mein Liebster, Schließe, mein Herze – mit der berührenden Solovioline Mathias Neundorfs) erlebten die Zuhörer einen Glücksmoment um den anderen.

Erlösende Paukenschläge

Von der angespannten Stille und den erlösenden Paukenschlägen zu Beginn bis hin zum triumphalen D-Dur-Schlussakkord am Ende der 3. Kantate hielt sich die Spannung, sowohl unter den knapp einhundert Akteuren als auch bei den zahlreichen Zuhörern. Alle gingen schließlich als Beschenkte nach Hause – Publikum und Musiker. Das Publikum honorierte diese tolle Gemeinschaftsleistung mit sehr lange anhaltendem und herzlichem Applaus.