Die wirtschaftliche Situation von Familien ist regional unterschiedlich – genauso wie die Situation der Unternehmen, die Arbeitsmarktlage, die Wohnbedingungen und die Lebenshaltungskosten. Die einzelnen Gemeinden können mit dem Wissen um diese Besonderheiten und innerhalb ihrer Kompetenzen und finanziellen Möglichkeiten zu einer finanziellen Unterstützung von Familien beitragen. Darauf angewiesen sind insbesondere viele kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Familien mit geringem Einkommen. Ein kommunales Instrument zur Bündelung finanzieller Entlastungen für Familien ist seit einigen Jahren in vielen Gemeinden der Familienpass, der Ermäßigungen bietet genauso wie der Landesfamilienpass auf Landesebene. Dabei geht es vor allem darum, diesen Familien eine Teilhabe an Freizeitangeboten zu ermöglichen, oder bei den Kosten für die Kinderbetreuung zu unterstützen. Die Angebote der Kommunen variieren stark und je nachdem, wie attraktiv die Vergünstigungen sind, werden die Karten auch beantragt.

100 neue Familienpässe

In fast allen Gemeinden ist der Erhalt eines Familienpasses an die Einkommensgrenze des örtlichen Wohngeldgesetzes gebunden. In der Stadt Bietigheim-Bissingen muss das Nettoeinkommen einer dreiköpfigen Familie unter 1635 Euro liegen, damit sie Wohngeld beantragen kann und auch einen Familienpass bekommt, wenn sie möchte. Bei Einzelpersonen liegt die Grenze bei 986 Euro.

Bei mehr als drei Kindern in einer Familie liegt die Grenze für einen Familienpass bei zehn Prozent über der Einkommensgrenze des Wohngeldgesetzes, ansonsten zählt in Bietigheim-Bissingen, aber auch in Sachsenheim, Bönnigheim und Ludwigsburg, die Einkommensgrenze für Wohngeld.

Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt Bietigheim-Bissingen, sagt, dass 624 Familien mit 762 Kindern im Jahr 2019 einen Familienpass haben. 100 Familien haben ihn im Januar neu beantragt. Auch wenn, wie sie sagt, die Vergünstigungen „enorm“ sind, „längst nicht alle Familien, die einen Familienpass bekommen könnten, beantragen ihn“. In Sachsenheim gibt es den Familienpass seit 2002, seither wurden, so Pressesprecherin Nicole Raichle, 1324 Pässe herausgegeben, für 2019 waren es 95. Mit Familienpass zahlen die Familien in Sachsenheim und Bietigheim-Bissingen nur die Hälfte der Kindergartengebühren. Während Sachsenheim auch die Kernzeitbetreuung um 50 Prozent ermäßigt, sind es in Bietigheim zehn Prozent Ermäßigung. In Sachsenheim müssen Familienpass-Kinder in den Schulmensen 0,70 Euro weniger bezahlen. Für die Saisonkarte für den Badepark Ellental gibt es 20 Prozent Ermäßigung. Sachsenheimer Familienpass-Inhaber zahlen für das Hallenbad nur 40 Prozent beim Kauf einer Zehnerkarte.

Sachsenheim-Zuschlag

Bietigheim-Bissinger Kinder mit Familienpass bekommen eine 50-Prozent-Ermäßigung bei der Musikschule, der Kunstschule Labyrinth und auf Kulturveranstaltungen auch ihre Eltern. Der sogenannte Sachsenheim-Zuschlag der Stadt für Musikschüler in der Musikschule Bietigheim-Bissingen beträgt 15 Prozent. Anette Hochmuth weiß, dass die Stadt 1000 Euro Gebühren für die diesjährige Stadtranderholung zuschoss. Familienpass-Besitzer mussten nur 50 Prozent der Teilnahmegebühr bezahlen.

131 Kinder in Bietigheim-Bissinger Kindergärten bezahlen aufgrund des Familienpasses nur die Hälfte der Gebühren, 100 Familienpass-Reduzierungen gibt es in der Musikschule, 227 ermäßigte Freibad-Dauerkarten wurden ausgegeben. „Welche Kosten der Stadt durch den Familienpass entstehen, kann man nicht sagen, da diese den jeweiligen Bereichen zugeschlagen werden“, so Hochmuth. „Wir rechnen das jedenfalls nicht hoch“, sagt sie. Die Stadt Ludwigsburg bietet „sozial Benachteiligten“, so Sprecherin Karin Brühl, seit 2011 die Ludwigsburg Card. Zusammen mit der Card bekommen die 3000 Familienpassinhaber pro Jahr auch ein 50-seitiges Gutscheinheft. Die Gutscheine sind für einen Eintritt in das Blühende Barock, für eine Schlossführung oder die Bäder sowie Freikarten für Kinoveranstaltungen im Scala, Konzerte in der Friedenskirche, die Schlossfestspiele, des Vereins KulturWelt, des Forums oder des Jazzclubs. Die Jugendmusikschule, die Tanz- und Theaterwerkstatt sowie die Kunstschule Labyrinth gewähren Ermäßigungen für ihre Unterrichtsangebote. Ermäßigte Kursgebühren gibt es auch für Angebote der evangelischen Familienbildung, der Volkshochschule oder der Katholischen Erwachsenenbildung. In den Kleiderläden sozialer Einrichtungen kann mit einem Gutschein eingekauft werden. Auch für Mittagstische und Nachbarschaftshilfe gibt es Gutscheine. Die Karte bekommt in Ludwigsburg, wer Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld, Grundsicherung, Hilfe zum Lebensunterhalt oder Hilfe zur Pflege erhält, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz,  Leistungen nach dem Wohngeldgesetz, Kinderzuschlag oder Hilfe zur Erziehung bei betreutem Jugendwohnen erhält. Auch Familien und Alleinerziehende mit einem oder mehreren Kindern, die ein geringes Einkommen haben, sind berechtigt.

Landesfamilienpass

Mit dem Landesfamilienpass und der dazu gehörigen Gutscheinkarte können Familien, die ihren ständigen Wohnsitz in Baden-Württemberg haben, insgesamt 20 mal im Jahr unentgeltlich oder zu einem ermäßigten Eintritt die staatlichen Schlösser, Gärten und Museen besuchen, wie das Schloss Heidelberg, die Staatsgalerie Stuttgart, das Archäologische Landesmuseum Konstanz, das Technoseum in Mannheim, das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.
Den Landesfamilienpass und die dazugehörige Gutscheinkarte erhält man auf Antrag beim jeweiligen Bürgermeisteramt sowie weitere Infos zur Berechtigung. bz