Bietigheim-Bissingen / Uwe Roth  Uhr

Den Kliniken fehlt ausreichender Nachwuchs an Chirurgen. „Es herrscht in der Chirurgie ein großer Mangel an Personal“, stellt Professor Dr. Dieter Birk fest. Der Ärztliche Direktor am Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen ist nah an der Ausbildung von Medizinern dran. In der Regionalen Kliniken Holding (RKH) sind die Standorte Ludwigsburg, Bietigheim, Bruchsal und Bretten akademische Lehrkrankenhäuser der Universität Heidelberg. Dort hält der auf den Bauchraum (Viszeral) spezialisierte Chirurg selbst Vorlesungen. Für die RKH ist das vorteilhaft, weil es das Problem bei der Personalsuche zumindest eingrenzt: Über die Kontakte zu den Studienten weiß der Professor, was sie von einer praktischen Ausbildung erwarten.

Ob die RKH Kliniken das richtige Angebot liefern, ist in den sozialen Medien abzulesen. „Wir bekommen dort ganz gute Noten“, beobachtet Birk. Ein Grund sei, dass die Bewerber für eine Facharztausbildung zum Chirurgen die Überschaubarkeit des Bietigheimer Krankenhauses schätzten. Ein Massenbetrieb schrecke eher ab. „Ich glaube, die kommen ganz gerne zu uns“, schlussfolgert er. Im Praktischen Jahr, das sind die letzten beiden Semester des Medizinstudiums, arbeiten die angehenden Mediziner vier Monate in der Chirurgie. Bei der Arbeit am OP-Tisch gelingt es ihm nach seinen Worten, nicht wenige Praktikanten davon zu überzeugen, die Laufbahn zum Operateur einzuschlagen.

Acht Assistenzärzte sind in seiner Obhut. Doch es könnten durchaus mehr sein. Auf dem Onlineportal praktischerarzt.de wirbt das Krankenhaus für ein Praktisches Jahr in Bietigheim „im besten Sinne des Wortes“ und mit einer Aufwandsentschädigung von 680 Euro, einschließlich Unterkunft und kostengünstigem Essen in der Cafeteria.

Die Lücken in der Personaldecke begründet der Ärztliche Direktor vor allem mit Arbeitszeiten, die im Vergleich zu früher strikt eingehalten werden müssen. „70 bis 80 Stunden in der Woche waren in meinen Anfangsjahren völlig normal“, erinnert er sich. Nun gelte in der Chirurgie eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden. „Das wird kontrolliert.“ Wegen solcher Vorgaben sei der Bedarf an Personal im Operationssaal inzwischen dreimal höher als noch in den 1990er-Jahren.

Das Praktische Jahr besteht aus drei Teilen: Neben der Chirurgie ist die Innere Medizin ein Pflichtpraktikum. Das dritte Fachgebiet ist dagegen frei wählbar. Die Liste der Facharzt-Richtungen, mit der die Chirurgie konkurriert, ist lang. Laut einer Studie, die Birk zitiert, sollten sich 15 bis 20 Prozent der jungen Ärzte für die Chirurgie entscheiden, um den Bedarf zu decken. Tatsächlich seien es aber vier Prozent. Eine von mehreren Ursachen sieht der Mediziner darin, dass sein Berufsstand zu wenig Überzeugungsarbeit leiste und die Studenten für den Beruf begeistere. „Da müssen wir uns selbst an die Nase fassen“, sagt er. Auch Chefchirurgen müssen Teamplayer sein. „Mit einem Befehlston kommen die jungen Leute gar nicht klar.“

Dennoch: „Der Job ist nicht jedermanns Sache“, stellt Birk klar. Die Chirurgie sei ein spannendes Fach, gleichzeitig anstrengend und verantwortungsvoll. „Man hat Erfolge, muss aber auch mit Niederlagen umgehen können.“ Zudem verlange die Ausbildung zum Facharzt Jungmedizinern einiges Durchhaltevermögen ab. Nach einem sechsjährigen Studium der Medizin schließt sich eine fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt der Chirurgie an, die mit einer Prüfung endet. Geduld und Disziplin gehören bei der OP-Arbeit neben medizinischer Kenntnisse und einer ruhigen Hand zur Qualifikation.

„Im ersten Jahr darf ein Assistenzarzt nur kleinere Eingriffe an der Oberfläche vornehmen“, sagt Birk. Wie beispielsweise die Entfernung von Haut- und Weichteiltumoren oder einen Nabelbruch beziehungsweise eine Blindarmoperation. Über die Jahre arbeiten sich angehende Chirurgen, darunter auch immer mehr Frauen, von der Oberfläche in die Tiefen des menschlichen Körpers vor. „Aber immer unter Aufsicht eines Facharztes“, versichert Birk. Auch wenn es manchmal schwerfalle, Lücken im Dienstplan zu schließen, die nachkommenden Chirurgen seien keine Schnellgewächse. An oberster Stelle stehe immer noch die Sicherheit der Patienten.

Vor allem ländliche Gebiete stark betroffen

Die Chirurgen in Deutschland warnen vor Nachwuchsmangel. Gerade auf dem Land fehle es längst nicht mehr nur an Hausärzten, sondern auch an Chirurgen, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Matthias Anthuber. Viele Krankenhäuser in weniger dicht besiedelten Regionen hätten kaum noch eine Chance, Nachwuchs zu rekrutieren. „Wir brauchen aber auch eine gute Grundversorgung in weniger dicht besiedelten Gebie­ten, und diese ist in Gefahr“, mahnt er. Schon jetzt gebe es in Notaufnahmen längere Wartezeiten für Patienten. Oft könnten Stellen in Kliniken auf dem Land nur noch durch Ärzte aus dem Ausland besetzt werden, so Anthuber. „Wir müssen dankbar sein, dass wir diese Kollegen haben.“ bz