Vor genau einem Jahr, am 25. September 2018, wurde die sogenannte MHG-Studie, die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche, in Fulda bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt und erschütterte das Land (siehe Infokasten). „Das hat tiefe Betroffenheit ausgelöst“, sagt Brigitta Negwer, die Dekanatsreferentin des katholischen Dekanats Ludwigsburg im Gespräch mit der BZ. Auch in der Ludwigsburger Kirchengemeinde habe man sich gefragt: „Was heißt das für uns als Kirche, als Dekanat Ludwigsburg?“ Klar sei gewesen, dass man sich mit den aktuellen Themen befassen müsse – auch mit den unangenehmen.

Mit dem Thema beschäftigt

„Wir haben uns in der Kirchengemeinde mit der Initiative ‚Maria 2.0’ auseinandergesetzt, auch gab es verschiedene Veranstaltungen sowie eine Initiative der Priester, die eine Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben haben“, berichtet Negwer.

Zur Erinnerung: Die Initiative „Maria 2.0“ rief im Mai zu einem einwöchigen Kirchenstreik auf, für die Gleichberechtigung der Frau in der katholischen Kirche, inklusive Zugang zu allen kirchlichen Ämtern, gegen Missbrauch, ob sexuellen oder Machtmissbrauch und Vertuschung durch Amtsträger. Ebenso sprach sich die Initiative für die Aufhebung des Pflichtzölibats aus. Auch im Kreis gab es Aktionen dazu, etwa in der Marbacher Kirche „Zur Heiligen Familie“.

Am 11. Juli haben katholische Priester aus dem Dekanat Ludwigsburg eine Erklärung unterzeichnet, in der sie sich zu einem selbstkritischen Umgang mit Macht verpflichteten. Damals sagten die Priester, die MHG-Studie zum Missbrauchsskandal habe deutlich gemacht, dass Machtstrukturen Verbrechen begünstigt hätten. Nun stünden strukturelle Veränderungen an. „Wir wollen uns selbst in die Pflicht nehmen“, sagt die Ludwigsburger Dekanatsreferentin Negwer. In der Gruppe habe man viele Aspekte, die die Missbrauchsstudie aufgedeckt hat, besprochen und so sei es in diesem Jahr zur Idee einer Veranstaltungsreihe gekommen.

Veranstaltungsreihe initiiert

Das katholische Dekanat Ludwigsburg hat die Federführung übernommen und in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis (keb), der Caritas Region Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, des Schuldekanats und der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung die Reihe „Kirche.Missbrauch.Zukunft?! Wir bleiben dran“ initiiert. Im Kreis finden Veranstaltungen statt (siehe Infobox), die Raum zum Reden bieten, so Negwer.

Betrachtet man die Mitgliederzahlen, besteht viel Redebedarf. Die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie hat die Zahl der Kirchenaustritte 2018 in die Höhe schnellen lassen, ist auf der Homepage der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu lesen. Die Zahl stieg von 13 552 (2017) auf 17 497 (2018) – eine Zunahme von 29 Prozent. Alarmierend findet Matthäus Karrer, Weihbischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, den Rückgang der kirchlichen Trauungen von 3415 (2014) auf 3308 (2018). „Schließlich wird mit der kirchlichen Trauung die Annahme verbunden, dass Interesse an einer kirchlichen Erziehung besteht, falls Kinder aus der Ehe hervorgehen“, so Karrer.

„Kirche.Missbrauch.Zukunft!? Wir bleiben dran“


Mit dem Film „Gelobt sei Gott“ startet die Veranstaltungsreihe „Kirche.Missbrauch.Zukunft!?“ am Mittwoch, 2. Oktober, 19.30 Uhr im Caligari Ludwigsburg. Nach dem Film findet ein Gespräch mit Generalvikar Dr. Clemens Stroppel und Uwe Trentsch, Vertreter von Betroffenengruppen, statt. Der Vortrag „Verschwiegene Wunden“ mit Dr. Wunibald Müller ist am Montag, 14. Oktober, in Marbach, „Sexueller Missbrauch – Wie wirksam waren staatliches und kirchliches Recht?“ mit Daniel Noa und Professor Bernhard Anuth ist am Mittwoch, 6. November, in Schwieberdingen, „Sexualisierte Gewalt – Bleibende Herausforderung nicht nur für die Kirche“ mit Joachim Frank findet am Donnerstag, 12. März, im Kulturzentrum Ludwigsburg statt. bz

Infos zur Missbrauchs­studie (MHG-Studie)


Auf der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda am 25. September 2018 wurde die MHG-Studie vorgestellt, benannt nach den Orten der Universitäten des Forschungskonsortiums: M(annheim)-H(eidelberg)-G(ießen) und trägt den Titel „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden 38 156 Akten der landesweit 27 Diözesen aus den Jahren 1946 bis 2014 durchgesehen. Dabei fanden sich bei 1670 Klerikern der katholischen Kirche Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs (Dies entspricht 4,4 Prozent aller Kleriker im betrachteten Zeitraum) bei insgesamt 3677 Minderjähriger, im Durchschnitt also 2,5 Betroffene pro Beschuldigtem. Diese Zahl stellt eine untere Schätzgröße dar. hevo