Gericht Junger Raser muss eine Woche in die Zelle

Pleidelsheim / Heike Rommel 09.08.2018

Eine Woche Jugendarrest, 100 Stunden gemeinnützige Arbeit, zwei Jahre Sperre für die Fahrerlaubnis: Das ist das Ergebnis eines Strafprozesses gegen einen 19-jährigen Raser vor dem Ludwigsburger Jugendgericht. Der Pleidelsheimer hat sich einen 520 PS starken Sportwagen gemietet, und damit auf der A 81 bei Ditzingen einen Unfall gebaut, bei dem nach Auffassung des Gerichts zehn Menschen hätten sterben können.

Das, was der 19-Jährige bei Eröffnung der Verhandlung erst einmal tun musste, war, Richter Ulf Hiestermann seinen Führerschein auszuhändigen. Das Dokument hatte der junge Mann gerade mal ein Jahr. Spaß am Fahren, an der Geschwindigkeit, Selbstüberschätzung, Imponiergehabe – das alles möchten Gründe dafür gewesen sein, dass sich der Angeklagte am 17. März dieses Jahres in Nürtingen für mehr als die Hälfte seines Monatseinkommens einen Sportwagen gemietet hat. Auf dem Beifahrersitz saß sein Kumpel, der gerade den Führerschein macht.

Viel zu schnell unterwegs

Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 Stundenkilometer im Engelbergtunnel und drei Brücken mit jeweils 120er-Schildern: Das alles wollte der Sportwagenmieter nicht gesehen haben, als er mit geschätzten 180 bis 200 Sachen mit einer Autofahrerin kollidierte, die gerade Überholen wollte. Zum Bremsen hatte es ihm nicht mehr gereicht. Die Autofahrerin kam von der Fahrbahn ab und prallte mit ihrem Fahrzeug auf einen dritten Wagen. Kurz darauf ließ es noch einmal einen Schlag und der Sportwagen des Angeklagten prallte ebenfalls gegen das dritte Auto. Zwei Personen kamen mit leichten Verletzungen davon. Eine Mitfahrerin allerdings brach sich einen Halswirbel und eine Beifahrerin erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Dem Angeklagten und seinem Beifahrer passierte so gut wie nichts.

Was der Angeklagte zu dieser fahrlässigen Körperverletzung in vier Fällen anführte, war, er sei damit „eben ein bisschen schneller gefahren als erlaubt“. Laut Fahreignungsregister war es nicht das erste Mal. Der Richter fand vier Einträge, konkret eine Vorfahrverletzung und drei Geschwindigkeitsüberschreitungen.

„Es herrschte reger Verkehr“, sagten alle Zeugen des Unfalls auf der A 81. Die Frau, welche überholen wollte und nach Aussage eines der Zeugen schon fast auf der linken Spur war, ging nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft davon aus, dass alle hinter ihr die Geschwindigkeitsbegrenzung von 120 Stundenkilometern einhalten. Als Zeugin sagte diese mit Verweis auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht nicht aus, weil sie sich selber noch vor Gericht verantworten muss. Ihre schwer verletzte Beifahrerin machte ebenfalls keine Aussage. Wer erschien, waren jede Menge Leute, an denen der Angeklagte mit seinem Sportwagen schon vorher „vorbeigeschossen“ war, wie sie sagten.

Vorhersehbares Unglück

Ein Ehepaar, welches ebenfalls hinter dem Sportwagen fuhr, dachte sich „jetzt kracht’s gleich“. Aus dieser Aussage schloss die Staatsanwältin, dass der schwere Unfall vorhersehbar war. Der Angeklagte hätte seine Fähigkeiten völlig überschätzt, sich rücksichtslos verhalten und sei sich der Gefährlichkeit seiner Handlung nicht bewusst gewesen. Die Staatsanwältin forderte drei Monate Jugendstrafe auf Bewährung und ein Jahr Sperre für die Fahrerlaubnis.

Der Richter entschied anders: Er steckt den 19-jährigen Raser eine Woche lang „zum Nachdenken“ in die Jugendarrestzelle. Danach darf sich der junge Mann mit leidenschaftlichem Hang zum Sportwagenfahren in 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit überlegen, wie unsozial und verantwortungslos er sich im Straßenverkehr anderen Menschen gegenüber verhalten hat.

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