Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber  Uhr

Schulden sind noch immer ein Tabu-Thema, über das nicht gerne offen gesprochen wird. Im vergangenen Jahr nutzten jedoch deutschlandweit 571 467 Personen Schuldnerberatungen. 34 606 davon, das macht 6,1 Prozent aus, waren unter 25 Jahren und hatten im Schnitt 8489 Euro Schulden, ist der Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamts (siehe Infobox) zu entnehmen. Der Auslöser der misslichen finanziellen Lage war bei knapp zwei Drittel der Jugendlichen das Mobiltelefon und die damit verbundenen Kosten. Zwei von drei Jugendlichen, die sich bei einer Beratungsstelle Hilfe gesucht haben, haben im Schnitt im Bereich Telekommunikation Schulden in Höhe von 1573 Euro angehäuft.

Um das zu vermeiden, müsse jungen Menschen in Sachen Finanzen unter die Arme gegriffen werden, sagt Ahmet Inci. Inci ist im achten Jahr Schuldnerberater, seit 2015 ist er im Landratsamt Ludwigsburg Teil des Schuldenpräventions-Teams. „Wir erklären den Jugendlichen unter anderem den Umgang mit Einnahmen und Ausgaben“, sagt der Schulden-Experte. Neben der Beratungsstelle des Landratsamts werden auch vom Kreisdiakonieverband Ludwigsburg und der Sozialberatung Ludwigsburg Schuldnerberatungen angeboten.

Damit diese jedoch gar nicht erst nötig werden, bietet das Landratsamt die Schuldenprävention für Heranwachsende an. Unterrichtsbesuche an weiterführenden Schulen sind möglich oder Infoveranstaltungen für Eltern und Lehrer. „Es gibt auch Drei-Tages-Projekte an Schulen“, erklärt Inci, und berichtet von einem erst kürzlich stattgefundenen Besuch der Realschule Tamm. An diesen drei Tagen gab es statt Mathe-, Deutsch- und Englischunterricht von 9 bis 12 Uhr Unterricht im Umgang mit Geld. „Am ersten Tag waren die Schüler in einer Bank und wurden im Umgang mit dem eigenen Geld sensibilisiert“, sagt Inci. Konto, Kredite, EC-Karten und Online-Banking waren Themen, die angesprochen wurden.

Am zweiten Tag stand ein Besuch im Landratsamt an, dort wurde über Onlinegeschäfte und Handys gesprochen. „Es ist kein Vorurteil, dass sich die Kids für ihr Handy verschulden“, sagt Inci. Es müsse dann doch das teure Modell sein, auch wenn es nicht in das Budget eines Schülers oder Auszubildenden passe. Am dritten Tag des Projekts gehe er als Berater in die Klasse, dann werde beispielsweise über die erste eigene Wohnung geredet. „Ich gebe den Schülern Raum sich miteinander auszutauschen. Sie können mir auch Fragen stellen“, beschreibt er seine Klassenbesuche. Klassische Fragen seien beispielsweise, wie hoch die Miete sein dürfe und was die Folgen einer Kündigung sind.

Die Inhalte passe der Fachmann ans Alter der Schüler an, möglich sei die Projektteilnahme ab der siebten Klasse. „Das Projekt ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich weiß aus beruflicher Erfahrung, wie schwer es ist, aus Schulden herauszukommen. Davor will ich die Jugendlichen bewahren“, antwortet der Schuldnerberater auf die Frage, wie er zu dieser Aufgabe gekommen ist.

Info Das Projekt des Landkreises Ludwigsburg, mit finanzieller Unterstützung durch die Kreissparkasse Ludwigsburg, die Volksbank Ludwigsburg und die VR-Bank Asperg-Markgröningen, richtet sich als kostenloses Angebot an alle Schulen des Landkreises. Kontakt per Mail an: schuldnerberatung@landkreis-ludwigsburg.de.

So wird die Überschuldungsstatistik ermittelt

In Deutschland gibt es rund 1450 Schuldnerberatungsstellen, die unter der Trägerschaft der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände oder der Kommunen stehen oder Mitglied in einem der Verbände sind. 2018 haben 559 Beratungsstellen ihre Werte in die Überschuldungsstatistik einfließen lassen und die Angaben von knapp 136 000 Personen bereitgestellt.

Die aus der Statistik erworbenen Erkenntnisse können genutzt werden, um Lösungsvorschläge zu entwickeln, Überschuldungssituationen zu verhindern und Wege aus schwierigen finanziellen Situationen zu finden. bz

Schuldnerberatung jetzt auch online

Der Verein Sozialberatung Ludwigsburg (Ruhrstraße 10/1, Ludwigsburg) hat festgestellt, dass die Schuldnerberatung von Betroffenen im Kreis zwar genutzt wird, die Zugangshürden, nicht zuletzt Scham, jedoch hoch seien und das Angebot dadurch erst spät in Anspruch genommen werde. Durch das neue Projekt „Schuldnerberatung online“ sei nun eine Option geschaffen worden, sich anonym Hilfe zu suchen. „Erste Fragen können geklärt werden und ein gewisses Vertrauen aufgebaut werden, sodass der Gang in die Beratungsstelle, der häufig wichtiger Bestandteil der Beratungen ist, erleichtert wird“, so der Verein in einer Mitteilung. hevo

www.sozialberatung-ludwigsburg.de