Ein unterernährtes Neugeborenes, eine Grundschülerin mit blauen Flecken an den Armen, ein Teenager, der daheim Schläge kassiert - in solchen und ähnlichen Fällen ist das Ludwigsburger Jugendamt gefragt. Es holt die Kinder und Jugendlichen im Ernstfall aus den Familien. Und das mittlerweile immer öfter.

Die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen ist im vergangenen Jahr nicht nur bundes-, sondern auch landkreisweit gestiegen. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 hatte das Jugendamt noch 147 Kinder und Jugendliche zumindest vorübergehend außerhalb des Elternhauses untergebracht. Danach wurden es jedes Jahr mehr, 2012 lag die Zahl dann bei 210. Und der Trend zeigt weiter nach oben: Zwischen Juli 2012 und Juli 2013 habe man eine weitere Steigerung von 15 Prozent registriert, sagt Anja Beckmann, die stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Jugendhilfe und Soziale Dienste im Jugendamt.

Die Zunahme hat verschiedene Gründe, erklärt Anja Beckmann. Es gebe mehr Eltern in brüchiger werdenden Familienkonstellationen, die mit der Erziehung überfordert seien - in 48 Prozent der Fälle sei das der Anlass für eine Inobhutnahme. Und: Die Gesellschaft sei in Sachen Kinderschutz sensibilisierter denn je, betont Beckmann.

Den Verdachtsmomenten, die beim Jugendamt aufschlagen, müssen die Mitarbeiter - knapp 60 sind zuständig - jedes Mal nachgehen und einordnen, ob eine rote Linie überschritten wurde. 107 000 Fälle, in denen die Jugendämter einschätzen mussten, ob eine Gefährdung des Kindeswohles vorliegt, kamen so im Jahr 2012 bundesweit zusammen. Anja Beckmann: "Es kommt eigentlich täglich vor, dass ein Kollege rausfährt, um eine Gefahreneinschätzung vorzunehmen." Je nachdem, welche Situation er vorfindet, muss in Absprache mit den Kollegen akut gehandelt werden. Nicht immer steht am Ende jedoch die Trennung von Kind und Eltern: 40 200 Mal zogen die Staatsbediensteten bundesweit die Reißleine und ordneten eine Inobhutnahme an.

Sie ist für Jugendämter wie jenes in Ludwigsburg also nur das letzte Mittel, wie Anja Beckmann betont. Vielmehr versuche man, im Vorfeld mit den Familien Lösungen zu finden. Ein breites Netzwerk aus Schulen, Ärzten, Krankenhäusern und Polizei soll dabei helfen. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise häufig die Schule schwänzt, der Klassenlehrer die Eltern nie erreicht, wird das ans Jugendamt weitergegeben. Häufig meldeten sich auch überforderte Eltern selbst, suchten Hilfe. Anja Beckmann: "Das finden wir positiv." Ziel sei schließlich, die Familien nicht auseinanderzureißen. Um dem entgegenzusteuern, bietet das Jugendamt ein Bündel an Hilfen und Leistungen. Immer wieder gelinge es damit, Eltern andere Erziehungsmethoden nahezubringen.

Lässt sich der Konflikt aber nicht lösen, bitten die Kinder und Jugendlichen auch oft selbst darum, Unterschlupf zu bekommen, weiß Anja Beckmann. Für sie stehen in einer Ludwigsburger Einrichtung, die zum Schutz der Minderjährigen geheim bleiben soll, acht Plätze für eine kurzfristige Unterbringung zu Verfügung. Kinder unter zehn Jahren würden indes in der Regel von Bereitschafts-Pflegefamilien aufgenommen. 23 solcher Familien gibts derzeit im Kreis, sie betreuten im vergangenen Jahr 44 Kinder.

Der Weg danach kann unterschiedlich verlaufen. Manche Heranwachsende werden in Wohngruppen von Jugendhilfeträgern untergebracht, andere kommen längerfristig in einer Pflegefamilie unter, wieder andere können bei der Tante oder Oma wohnen. Mehr als die Hälfte (58 Prozent) geht wieder nach Hause, wie Anja Beckmann berichtet. Generell liegt die Dauer einer Inobhutnahme zwischen einem Tag und viereinhalb Monaten. Beckmann: "Wir versuchen, die Aufenthalte so kurz wie möglich zu halten." Es sei gesetzlich nicht erlaubt, den Eltern die Kinder längere Zeit vorzuenthalten. Eine schnell Lösung müsse her - ist die nicht möglich, muss das Gericht entscheiden.

Krasse Todesfälle, wie man sie aus den Medien kennt, hat Anja Beckmann im Kreis zwar noch nicht erlebt, was nicht bedeutet, dass man nicht schlimme Dinge zu sehen bekomme. "Wir sind häufig mit Gewalt konfrontiert", sagt die Fachfrau. Neben der Überforderung der Eltern spielten Misshandlung und Vernachlässigung bei den Inobhutnahmen eine große Rolle. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen geben das als Ursache für die Krise daheim an.

Die Auslöser dafür sind wiederum vielfältig: Drogen, psychische Erkrankungen, ein fehlendes Netzwerk, Schulden, Trennung oder Scheidung - eine Gemengelage, die häufig in sozial schwachen Familien vorkommt, sie seien jedoch nicht ausschließlich im Fokus, sagt Beckmann. "Das geht durch alle Gesellschaftsschichten."