Michael Kerker ist Stadtplaner, Architekt und inzwischen Spezialist für seniorengerechtes Bauen. Zahlreiche Seniorenheime hat er in der Region mit seinem Team vom Büro KMB in Ludwigsburg entworfen und realisiert. Zusammen mit der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart bewegen sich die Planer im obersten Bereich der Barrierefreiheit. Rampen, Aufzüge, breite Türen und eine ebenerdige Dusche sind seit Jahren Standard in solchen Einrichtungen.

Nun wird in den Gebäuden zusätzlich IT-Technik verbaut: Da helfen Sensoren, Bewegungsmelder, Computerprogramme und Internet alten Menschen in ihrer vertrauten Umgebung, ihre Selbstständigkeit zu wahren und Hilfe nur dann zu holen, wenn sie in Not sind. „Verlässt jemand sein Bett, geht beispielsweise in der Toilette das Licht an. Die Sensoren registrieren Routine. Das System ist selbst lernend und merkt sich den Tagesablauf des Bewohners“, beschreibt Kerker die unauffällige Überwachungstechnik. Diese unterstütze den Heimträger auch dabei, dem Pflegekräftemangel entgegen zu wirken. Werden die Sensoren nicht zu den gewohnten Zeiten aktiviert, lösen sie einen Alarm aus, und Hilfe kommt.

Barrierefreiheit beginnt für den Planer aber bereits beim Standort der Einrichtung oder der eigenen Wohnung. Liegt der Gebäudeeingang an einem Hang, weit von der nächsten Haltestelle oder Einkaufsmöglichkeiten entfernt, tragen auch breite Flure im Haus und bequem zu erreichende Aufzüge wenig zu einer guten Lebensqualität bei.

„Alte Menschen haben das Bedürfnis, am Leben teilzunehmen“, sagt Kerker. In Ingersheim hat er ein Heim an der viel befahrenen Bietigheimer Straße gebaut. „Nach hinten hat man einen schönen Blick ins Neckartal“, schwärmt er. Doch die Bewohner hielten sich am liebsten im Eingangsbereich auf, vor dem die 40-Tonner vorbeidonnern. Für ihn ist es der Beweis, dass sie sich dort aufhalten wollen, „wo sich was bewegt“. Die ruhig gelegene Rückseite sei dagegen meistens leer. Damit sich Menschen im Alter wohlfühlen, so seine Erkenntnis, sei also der Standort ausschlaggebend.

Das gilt auch für die Menschen, die möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben wollen. Der Einbau von Hightech zur Überwachung ist dort genauso möglich. Aber in Gebäuden aus den 1950er-, 1960er- oder 1970er-Jahren – wie sie im Bietigheim-Bissinger Stadtteil Buch stehen, in dem heute Menschen über 60 leben, die das Pflegeheim meiden möchten – ist Barrierefreiheit oft schwer oder gar nicht herstellbar. Oftmals fehle einfach der Platz, um die Türen breiter zu machen oder das Badezimmer mit dem Rollstuhl befahrbar zu machen. „Barrierefrei zu ertüchtigen“, sagt dazu der Planer. Aber auch später gebaute Häuser sind häufig nicht für Menschen im höheren Alter ausgelegt, weiß der Architekt. Dazu zählt für ihn die Maisonettewohnung: Ins Dachgeschoss zu gelangen, sei schwierig, auch mit einem Treppenlift. Die oberen Räume seien schwierig seniorengerecht umzugestalten. Neubauten mit Satteldächern würden aus dieser Erkenntnis heraus seltener geplant, meistens erhalten sie ein Flachdach.

Breite Gänge und Türen

In Neubauten fordert der Gesetzgeber auf mindestens einem Geschoss barrierefreie Wohnungen. Junge Menschen interessierten sich für solche Immobilien jedoch nur selten, weil breite Gänge und Türen den Wohnraum einschränkten, hat er die Erfahrung gemacht. „Wer denkt mit 30 schon ans Alter?“ Doch für den Planer ist das zu kurz gedacht. Bei einer alternden Gesellschaft trägt nach seiner Überzeugung die Barrierefreiheit immer stärker zum Werterhalt einer Immobilie bei. Wenn nicht mehr Barrierefreiheit geschaffen werde, drohe in den Städten mit der Zeit eine Gettoisierung: Auf der einen Seite Wohnraum nach dem herkömmlichen Standard für junge, bewegliche Menschen, auf der anderen die altersgerecht gestalteten Immobilien für Menschen, die nicht mehr Treppen steigen können.