Vaihingen/Sachsenheim Interview mit Markus Rösler über Wölfe im Stromberg

Vaihingen/Sachsenheim / CAROLINE HOLOWIECKI 20.11.2015
Der Wolf ist zurück in Baden-Württemberg - das erste Tier wurde tot an der A5 gefunden. Der Vaihinger Markus Rösler, der sich seit 20 Jahren mit Wölfen beschäftigt, über die Frage, ob und wann Isegrim in den Stromberg wandert.

Die Menschen lieben ihren Hund, aber fürchten den Wolf. Warum?

MARKUS RÖSLER: Der Hund ist natürlich ein Partner, der schon gezähmt ist. Das ist das Eine. Das Zweite ist: Es gibt speziell zum Wolf eine Menge Märchen, wo in einer Zeit, in der die Menschen sehr wenig hatten, zum Beispiel im Dreißigjährigen Krieg, in Zeiten, in denen die Menschen existenziell auf ein oder zwei Schafe angewiesen waren, dem Wolf ein Image angedichtet wurde, das mindestens in Teilen nicht stimmt.

Heute geraten Menschen durch ein, zwei gerissene Schafe nicht in Existenznöte. Konnte sich der Wolf rehabilitieren?

RÖSLER: Das tut er ja im Augenblick. In Teilen. In den letzten 20 Jahren, seit es deutlich geworden ist, dass a.) der Wolf sich verbreitet, seit b.) der Naturschutz, der Nationalpark, der Wildnisgedanke auch durch die zunehmende Anzahl von Naturschutzgebieten eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung gewonnen haben, ist es auch eher gelungen, Akzeptanz und Verständnis für die tatsächlich Ökologie des Wolfes in der Bevölkerung zu verankern. Nicht ohne Grund gibt es vom Nabu seit über zehn Jahren eine große Kampagne, "Willkommen Wolf", wo versucht wird, dass die Menschen über den Ahn unserer Haushunde mehr erfahren.

Gibt es überhaupt dokumentierte Attacken auf Menschen?

RÖSLER: Wir haben im Augenblick in Deutschland knapp 300 Wölfe, seit 15 Jahren gibt es wieder Wölfe. Und in dieser Zeit gibt es kein einziges Beispiel. Es gibt eine weltweite Studie, die besagt, dass in den letzten 50 Jahren in ganz Europa neun Fälle bekannt geworden sind, in denen Wölfe tatsächlich Menschen angegriffen haben. Fünf davon hatten Tollwut, in so einem Fall muss man den Wolf natürlich abschießen. Und vier davon waren, weil die Wölfe davor angefüttert wurden. So ist es leider dieses Jahr in Niedersachsen auf dem Truppenübungsplatz auch erfolgt, weswegen diese Wölfe ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag gelegt hatten.

Wo leben Wölfe in Deutschland?

RÖSLER: Wir haben zwei Populationen, die nach Deutschland drängen. Die eine ist die sogenannte polnisch-deutsche Flachland-Population. Alle 37 Rudel, die wir haben, bewegen sich in offenen Landschaften, von Sachsen über Brandenburg und Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen, von dort nach Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Sehr gerne sind sie auf Truppenübungsplätzen, Plätzen, auf denen wenig Bebauung, wenig Zerschneidung und wenig Lärm ist. Der Wolf ist keinesfalls ein reines Waldtier.

Jüngst ist der tote Wolf an der A 5 gefunden worden. Wie kam er unbemerkt nach Baden-Württemberg?

RÖSLER: Mich hat es gar nicht überrascht, dass der Wolf in Baden-Württemberg nachgewiesen wurde. Ich habe schon seit Jahren gesagt, dass ich davon ausgehe, dass der eine oder andere Wolf durchgelaufen ist. Und wie das kommt? Der Wolf ist kein Tier, das zuerst mal auffällt. Der ist vorsichtig und meidet im Grundsatz den Menschen. Er ist jedoch auch neugierig, es kann durchaus mal sein, dass er in ein Dorf reinläuft. Wir hatten vor Jahren einen Wolf, der kam aus der zweiten Population, aus der französisch-italienisch-alpinen Population, das wurde genetisch nachgewiesen. Er lief quer durch Süddeutschland oder Frankreich und Rheinland-Pfalz und ist im Westerwald entdeckt worden. Er legte 500 Kilometer durch Deutschland zurück, keiner hat ihn gesehen. Der lief viel weiter als der Lahrer Wolf.

Ist dann der Wolf vielleicht schon längst wieder im Stromberg?

RÖSLER: Das würde mich überraschen. Völlig unmöglich ist es nicht. Es gibt eine wissenschaftliche These eines Kollegen aus Brandenburg, die besagt, dass große Tiere - das gilt auch für Elche - offensichtlich dorthin zurückwandern, wo sie als Letztes ausgerottet wurden, wo sie sich bis zum Schluss am besten gehalten haben. Insofern halte ich es nicht für unmöglich, dass wir in zehn bis 20 Jahren vielleicht auch wieder Wölfe im Stromberg haben.

Werden Anstrengungen unternommen, um den Wolf anzusiedeln?

RÖSLER: Nein, überhaupt nicht. Das wird manchmal irgendwo behauptet, es würde um eine Ansiedelung von Wölfen gehen. Das ist völliger Quark. Das gibt es nirgends in Europa. Der Wolf kommt von alleine. Deswegen machen wir vom Land aus auch ein Herdenschutzprojekt zusammen mit dem Landesschafzuchtverband und dem Nabu. Dafür gibt es 200 000 Euro vom Land für Projekte, wie Schafherden möglichst effektiv gegen Wölfe geschützt werden können.

Info
Zur Ausstellung im Sachsenheimer Stadtmuseum, "Die Zähmung des Wolfes", wird der Nabu-Botschafter und Grünen-Landtagsabgeordnete Dr. Markus Rösler einen Vortrag zu "Wann kommt der Wolf wieder in den Stromberg?" halten. Angekündigt werden Infos über Forschungsergebnisse und Schutzprojekte. Termin: 24. November, 19.30 Uhr, Kulturhaus. Der Eintritt ist frei.

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