Geheimnisse, Gerüchte, Spekulationen ranken sich um das Darknet, die dunkle Seite des Internets. Jeder weiß von ihr, keiner will sie benutzen. Im Darknet passieren kriminelle Machenschaften, so die landläufige Einschätzung. „Der Gebrauch des Darknets ist nicht verboten“, sagt Stefan May, Medienjournalist aus Berlin, der immer wieder im Landkreis Vorträge über seine Erkenntnisse über das Darknet hält, so vor Kurzem bei der Schiller-VHS in Ludwigsburg. Er hat auch ein Buch darüber geschrieben, „Darknet – Waffen, Drogen, Whistleblower – wie die digitale Unterwelt funktioniert“. Seither gilt er bundesweit als Experte für diese dunkle Internet-Welt.

Er selbst bezeichnet das Darknet als anonyme Gegenwelt zu Google, Apple, Facebook und Co. „Man sollte nicht alles verteufeln, was mit dem Darknet zu tun hat“, sagt er. Für ihn ist das dunkle Netz zuerst einmal ein Werkzeug, die digitalen Übergriffe auf persönliche Daten zu schützen. „Natürlich hat jeder, wenn er das Wort Darknet hört, zuerst einmal Pornoseiten, Waffenschiebereien, Drogenhandel oder andere kriminelle Machenschaften im Kopf“, sagt der 38-Jährige, aber zuerst einmal sei es eingeführt worden, um die persönlichen Datenmonopole zu schützen, und nicht, wie er sagt, „den großen Konzernen ausgeliefert zu sein“.

„Das Darknet ist das Internet, wie man es sich eigentlich wünschen würde. Ein Netz ohne Zensur und Überwachung, mit all seinen Vor- und Nachteilen“, sagt Stefan May. Wichtig sei, öffentlich darüber aufzuklären, wie man im Darknet unterwegs sein sollte. „Kriminelle User machen den Ruf des Darknets schlecht, wobei es doch eigentlich gut ist, ohne dass den Nutzern ihre Daten geklaut werden, das Internet nutzen zu können“, sagt der Journalist. Vor allem sei es wichtig, dass es Whistleblower, Journalisten und Regimekritiker durch das Darknet gelänge, Daten weiterzusenden, ohne dass sie aufgespürt werden könnten. „Viele große Medien haben im Darknet Postfächer, um zu gewährleisten, dass ihre Informanten nicht nachverfolgt werden können“, sagt May. Mit zunehmender Überwachung des Internets durch ein paar große Konzerne steige die Nutzung des Darknet, weiß Stefan May. Mehrere Monate hat er für sein Buch im Darknet recherchiert, hat mit Experten und Ermittlern gesprochen und sich im Darknet umgesehen, was es alles gibt.

Nur 50 000 Adressen

„Mythos und Wirklichkeit klaffen sehr weit auseinander“, sagt er. Zum Beispiel meinten die meisten, das Darknet sei riesengroß, es existieren laut May aber nur 50 000 Adressen. „Zum Vergleich: Die Endung ‚.de’ kommt auf 16 Millionen Adressen“, sagt er. Es handle sich also um ein Mini-Netzwerk. May unterscheidet zwischen kommerziellem, gutem und bösem Darknet. Er hat auch recherchiert, dass Hacker, die im Darknet vor allem die positive Seite der Anonymisierung sehen, zum Teil mit Polizeibehörden zusammenarbeiten, um zum Beispiel kinderpornografische Seiten zu entlarven, die das Darknet in Misskredit ziehen. „Es gelang beispielsweise, einige Seiten auch lahmzulegen“, sagt May. Bei seinen Recherchen habe er mit Beamten des Bundeskriminalamtes gesprochen, die „das Darknet als einen unter vielen möglichen Kommunikationskanälen für die Begehung von Straftaten. Ich vermute, dass über geschlossene Gruppen bei Facebook mehr Waffen und Drogen gehandelt werden, als im Darknet.“ Die positive Seite des Darknets ist für May ganz klar die sicheren Plattformen für Whistleblower oder Regimekritiker. „Es könnte irgendwann möglich sein, die Kommunikation so verstecken zu können, dass Regime sie nicht finden können und Regimekritiker sich vernetzen können“, zudem sei es möglich „wenn man in einer Firma oder anderswo Zeuge einer Schweinerei wird, Dokumente hochzuladen, unerkannt zu bleiben und die Sache trotzdem öffentlich zu machen“, sagt er. Seine Recherche im Darknet ergab für May folgendes Resultat: „Im Sinne einer Utopie stelle ich mir die Frage, ob das Darknet nicht das werden könnte, was das Internet einmal sein sollte: Ein herrschaftsfreier Raum, Vielfalt ohne Zensur und ohne Angst.“

Das Darknet


Im Darknet erstellen die Teilnehmer ihre Verbindungen manuell. Dieses Konzept bietet ein höheres Maß an Sicherheit, da einem Angreifer der Zugriff nicht ohne weiteres möglich ist. Die Anwendung reicht von normalem Datenaustausch zwischen Privatpersonen über Tauschbörsen-Netzwerke bis hin zur Vernetzung von Regimekritikern.

Leider bietet das Darknet auch kriminellen Machenschaften bessere Möglichkeiten, wobei auch die Polizei und Datenschützer laut Stefan May das Darknet verstärkt im Blick haben. „Es wurden schon einige Erfolge dadurch erzielt, dass die Polizei undercover im Darknet unterwegs war“, sagt May. Eine britische Studie des Thinktanks International Institute for Strategic Studies stufte 2016 57 Prozent von 5205 untersuchten aktiven Seiten im Darknet als illegal ein. Verschlüsselte Netzwerke würden aber genauso von Journalisten, von Menschenrechtsorganisationen, von Whistleblowern oder von Menschen, die sich aus anderen Gründen schützen müssen, verwendet.

Um ins Darknet zu gelangen, muss der Nutzer den Browser Tor herunterladen, der anonymes Surfen ermöglicht. Die Nutzung des Servers und des Darknet ist nicht illegal. Der Telegram Messenger,  den immer mehr Menschen anstatt WhatsApp benutzen, gehört aufgrund seiner Merkmale mit Verschlüsselung zum Darknet. sz