Lamin Camara hat es geschafft: Nach zwei Jahren hat der 27-Jährige aus Gambia seine Ausbildung beim Autohaus Weller als Fachkraft für Lagerlogistik abgeschlossen. Vom Autohaus hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten, die Ausländerbehörde erteilt dem jungen Mann zudem eine Arbeitserlaubnis für die kommenden beiden Jahre – vorerst. Schon seit 2017 lautet sein Aufenthaltsstatus „geduldet“. Dass er jetzt trotzdem bleiben kann, macht auch ein neues Gesetz möglich. Die Integration von Flüchtlingen ist zäh, aber das Beispiel zeigt: Es kann gelingen.

„Von den Geflüchteten, die aktuell von Integrationsmanagern betreut werden, haben 19 Prozent eine Arbeitsstelle. 6 Prozent befinden sich zudem in Ausbildung“, teilt das Landratsamt Ludwigsburg auf BZ-Nachfrage mit. Das Jobcenter des Landratsamts hat 2017 insgesamt 590 Personen mit Fluchthintergrund und 2018 dann 914 in den Arbeitsmarkt integriert, berichtet Sprecher Andreas Fritz weiter.

In Zukunft könnten die Zahlen steigen – wegen des sogenannten „Spurwechsels“ im Einwanderungsgesetz der Bundesregierung. Demnach können auch nicht anerkannten Flüchtlinge in Deutschland bleiben – wenn sie bereits eine gewisse Zeit arbeiten (siehe Infobox).

Dass Camara dadurch eine Bleibeperspektive hat, freut auch Manfred Graf vom Freundeskreis Asyl in Bietigheim-Bissingen. Der Pensionär kümmert sich um die Vermittlung von Flüchtlingen an Arbeitgeber. „Wir haben natürlich nicht alle Flüchtlinge auf dem Radar, die arbeiten wollen. Derzeit betreuen wir rund 100 Menschen in Bietigheim-Bissingen. Von denen haben mindestens 30 eine Arbeit, 10 davon sind in der Ausbildung“, ist er zufrieden. Graf spricht dabei von Menschen, deren Aufenthalt aktuell gestattet (Asylverfahren nicht abgeschlossen) oder geduldet (Antrag abgelehnt) ist. Anerkannte Flüchtlinge könnten sich ganz regulär beim Jobcenter melden.

Aber auch die brauchen Hilfe – und vor allem Unternehmen, die bereit sind, sie zu beschäftigen oder auszubilden. In Sachsenheim liegt der Fokus aktuell auf der Vermittlung anerkannter Asylbewerber. Inwiefern sich das durch den „Spurwechsel“ ändert, kann Sozialarbeiterin Judith Schulz noch nicht sagen. Stadt, Ehrenamtliche und Sozialarbeiter des Kreisdiakonieverbands arbeiten in Sachsenheim Hand in Hand. Zudem wird mit Geldern der evangelischen Kirchengemeinde eine Studentin beschäftigt. „30 Personen werden von uns arbeitsmarkttechnisch betreut“, sagt Schulz. Bei insgesamt 350 Flüchtlingen in Sachsenheim sei das „nur ein kleiner Teil“.

Wichtiges Bindeglied in Sachsenheim ist der AK Asyl, in dem Hans Günter Janßen bei diesem Thema federführend ist. „Der AK hat die Kontakte zu den lokalen Firmen“, stellt Schulz klar, „ohne die Ehrenamtlichen geht es nicht.“ So klappte es jüngst auch bei einem jungen Afghanen, der noch während seines Deutschkurses in ein Unternehmen schnuppern durfte. Kaum war er fertig, hatte er schon seine Festanstellung in der Tasche.

Alle Institutionen hoffen auf noch mehr Unterstützung und Bereitschaft der Unternehmen. „Wir können da nur Mut machen“, sagt Sozialarbeiterin Schulz, „es gibt sicher Schwierigkeiten, aber am Ende hat man oft einen motivierten Mitarbeiter.“ Manfred Graf betont: Es gebe bereits eine ganze Reihe von Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen oder ausbilden, es könnten aber ebenfalls noch mehr sein. „Ich bin dankbar für die Aufgeschlossenheit der Firmen und der Ausländerbehörde in Bietigheim“, lobt er.

Schwierigste Hürde bei der Vermittlung ist nach wie vor die Sprache. Das musste auch Lamin Camara erleben. Er hatte zunächst eine Ausbildung zum Mechatroniker begonnen. „Da war aber die Sprachbarriere zu hoch“, erklärt Jürgen Weller. Deshalb wurde umgesattelt. „Jetzt hat er seine Ausbildung wirklich ordentlich abgeschlossen“, so der Geschäftsführer des Autohauses, „er ist ein wichtiger Mitarbeiter, hat schon ganze Aufgabenbereiche übernommen.“ Das nächste Ziel des jungen Gambiers: „Ich will meine Tochter wieder sehen.“ Das hat er zuletzt vor fünf Jahren, seit er kurz nach ihrer Geburt seine Heimat von heute auf morgen habe verlassen müssen.

Info Wer Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie Praktika anzubieten hat, kann sich melden. Bei Manfred Graf in Bietigheim, Telefon (07142) 5 35 48, E-Mail a.m.graf@t-online.de. Oder bei Silke Deuschel, Stadtverwaltung Sachsenheim, Telefon (07147) 2 81 88, E-Mail ­s.deuschel@sachsenheim.de

Der Spurwechsel kurz erklärt


Ab 1. Januar 2020 deutschlandweit in Kraft, in Baden-Württemberg bereits seit diesem August praktiziert: der „Spurwechsel“, ein Teil des neuen Einwanderungsgesetzes der Bundesregierung. Demnach können auch nicht anerkannte Flüchtlinge unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausbildungs- oder Beschäftigungsduldung erhalten. Silvia Maier-Lidle vom Kreisdiakonieverband Ludwigsburg erklärt: Die Menschen müssen mindestens zwölf Monate geduldet und 18 Monate in ein und demselben Beschäftigungsverhältnis sein – Minimum 35 Stunden pro Woche.

„Der ‚Spurwechsel’ ist eine gute Sache, hat aber immer noch hohe Hürden für Menschen“, fasst die Expertin zusammen. Da einige Länder, wie beispielsweise Somalia, keine Passdokumente ausstellen, scheitere das Gesetz in der Praxis häufig. „Aber das sind immerhin kleine Fluchten, die es für die Menschen noch gibt und die sie motivieren, sich Arbeit zu suchen.“ Die Beschäftigungsduldung habe man zu einem großen Anteil Unternehmen aus Baden-Württemberg zu verdanken, vor allem mittelständischen, erklärt Maier-Lidle 80 Unternehmen seien gemeinsam im Innenministerium von Minister Thomas Strobl vorstellig geworden und hätten auf eine Lösung gedrängt. „Sie hätten sich sogar noch gewünscht, dass die lange Vorzeiten von Beschäftigung und Duldung wegfallen“, betont sie. msc