Von Weitem hört man auf dem Verkehrsübungsplatz der Friedrich-Hölderlin-Schule in Asperg schon ein paar Juchzer, wenn nicht gar Angstschreie. Die beiden Flüchtlingsfrauen Cee Ojo aus Nigeria, die in Sersheim lebt, und Tina Nasisri aus Afghanistan, die in Eglosheim wohnt, sitzen zum ersten Mal auf einem Fahrrad. Sie haben Angst, zu fallen, sind unsicher, aber mutig, denn, so Cee Ojo, „ich will das lernen, dann bin ich unabhängiger“. Sie hat schon ein Fahrrad, eine Sersheimerin, die ihr im Alltag hilft und mittlerweile, so erzählt die Nigerianerin, eine Freundin wurde, hat ihr eines geschenkt, als Motivation. Bei Cee Ojo merkt man den Willen, Fahrradfahren zu lernen. „Sie schafft das und kann schon alleine fahren, wenn auch wackelig“, sagt der Asperger Polizist Norbert Krickl, der das Fahrradtraining macht.

Das Projekt, Flüchtlingsfrauen das Fahrradfahren beizubringen, ist ein neuer Teil des Projektes „Rad und Tat“ des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg. Die Premiere fand am Mittwoch in Asperg statt. Hannah Weidt ist die Projektkoordinatorin. Seit 2015 gibt es das Projekt. „Der Grundgedanke war, durch das Radfahren den Geflüchteten Mobilität, Verkehrsschulung, Teilhabe an der Gesellschaft, Unabhängigkeit zu geben“, sagt Weidt. 800 Spendenräder wurden seither verteilt. In Asperg entstand in Kooperation mit dem Arbeitskreis Asyl eine Fahrradwerkstatt. Zuerst war diese im Asperger Flüchtlingswohnheim untergebracht, mittlerweile ist sie in einem Ladengeschäft im Ortskern von Asperg. Die Fahrradfahrer kommen aus allen Gemeinden des Landkreises, um hier ein Fahrrad zu bekommen und das Training zu absolvieren.

Die Fahrräder werden nur dann gegen einen Unkostenbeitrag von 10 bis 40 Euro an Geflüchtete – und mittlerweile auch an Personen mit Tafelausweis, Familienpass oder Hartz-IV-Empfänger ausgegeben – wenn sich die neuen Fahrradbesitzer einem Verkehrstraining unterziehen. „In ihren Herkunftsländer ist das Fahrrad ein Lastenträger, hierauf werden große Pakete oder mehrere Menschen transportiert. Die Flüchtlinge müssen erst lernen, dass es bei uns Regeln gibt und einiges verboten ist, was in ihrer Heimat ging“, sagt Norbert Krickl, der für die Polizei beim Projekt dabei ist.

In der Mehrzahl wollen Männer ein Fahrrad, sagt Hannah Weidt, und diese könnten meist schon Fahrradfahren, Frauen nicht. „Das brachte uns auf die Idee, mal zu sehen, ob auch ihre Frauen Fahrradfahren wollen“, sagt sie. Dabei mussten die Diakonie-Mitarbeiter feststellen, dass die meisten der Frauen noch nie auf einem Rad gesessen sind. Deshalb kam die Idee auf, einen Fahrrad-Anfänger-Kurs für geflüchtete Frauen aus dem Landkreis anzubieten. „Wir haben einige Anfragen, die Betreuer und die Diakonie vor Ort geben das Angebot weiter und helfen den Frauen, nach Asperg zu kommen“, so Weidt. In Sachsenheim, Bietigheim-Bissingen oder Ludwigsburg gebe es sehr interessierte Frauen, sagt sie. Deshalb wird es wohl weitere Angebote nur für Frauen geben, die sich mehr trauen, wenn keine Männer dabei sind, wie Weidt weiß.

So wie die Afghanin Tina Nasisri, die sich während des Trainings sehr schwer tut, sie schreit, hat Angst. Es fällt ihr schwer, das Gleichgewicht zu halten. Aber: „Ich habe zwei Kinder und der Kindergarten ist einen Fußweg von über einer halben Stunde weg, das ginge besser mit einem Fahrrad mit Anhänger“, sagt sie. Detlef Bäßler, ein Polizist im Ruhestand, und Mitglied beim AK Asyl in Asperg, der die Werkstatt für das  Projekt „Rad und Tat“ betreut, hat die rettende Idee: „Wir schrauben die Pedale weg, dann ist es ein Laufrad, so kann sie Sicherheit erlangen“, sagt er. „Es ist halt so, als ob man einem Kind Fahrradfahren beibringen würde“, sagt er.

Cee Ojo hat schon einen Anhänger fürs Fahrrad, sie muss nur noch richtig Fahrradfahren lernen und will danach auch das Verkehrssicherheitstraining der Diakonie mitmachen. „Wenn ich Fahrradfahren kann, kann ich vieles alleine machen, einkaufen, zum Deutschunterricht, zu Arztterminen“, sagt sie. bisher brauchte sie immer Hilfe, auch wenn sie ihre beiden Kinder irgendwo hinbringen muss.

Es sei erstaunlich, wie viel Mut und Willen die Frauen mitbrächten, sagt Hannah Weidt, um sich zum ersten Mal aufs Fahrrad zu setzen. „Das zeigt, dass das Fahrrad für sie eine Chance ist, mehr am Leben in Deutschland teil zu nehmen“, sagt sie.

Projekt „Rad und Tat“ der Diakonie


Die Vergabe der gespendeten Räder durch den Kreisdiakonieverband ist an ein Verkehrssicherheitstraining, das Ehrenamtliche in Kooperation mit der Polizei in Asperg durchführen, gebunden. Beim Erwerb eines Fahrrads werden nur die Materialkosten berechnet, so dass das Rad inklusive Helm und Schloss zwischen 10 und 40 Euro kostet. In der Werkstatt in der Königstraße 23 in Asperg kann das Rad auch repariert werden. Das Angebot „Rad und Tat“ des Kreisdiakonieverbands wird von Stiftungsmitteln und Spenden finanziert.

Öffnungszeiten der Werkstatt sind dienstags, mittwochs und donnerstags, 11 bis 15 Uhr, und freitags, 12 bis 15 Uhr. sz

Info Alle Informationen zu „Rad & Tat“ gibt es unter der Telefonnummer (0176) 119 542 26 oder per Mail an ­rad&tat@kreisdiakonieverband-lb.de