Kreis Ludwigsburg Gute Betreuung als Kraftakt

Die Betreuung in Baden-Württemberg ist laut Bertelsmann-Studie zwar gut, doch die Kommunen haben tagtäglich mit den Betreuungen in den Kitas und Kindergärten zu kämpfen.
Mathias Schmid 12.09.2018

Die Bertelsmann-Stiftung hat es jüngst vermeldet: Was den Betreuungsschlüssel in Kitas und Kindergärten angeht, ist Baden-Württemberg deutschlandweit top. Das gilt auch für den Landkreis Ludwigburg. Doch was sagt das aus? Und wie lange können die guten Zahlen angesichts des leergefegten Markts noch gehalten werden? Die BZ hat nachgefragt.

7,1 Kinder pro Betreuer bei den über Dreijährigen und 3,1 Kinder pro Betreuer bei den unter Dreijährigen. Damit liegt Baden-Württemberg nicht nur bundesweit an der Spitze, sondern erfüllt auch ziemlich genau die Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung. Selbes gilt für den Kreis Ludwigsburg mit 6,9 beziehungsweise 3,1 Kindern pro Betreuer. Entscheidend für die Kommunen sind die Anforderungen aus der Kindertagesstättenverordnung des Kultusministeriums (siehe auch Infobox). Die müssen eingehalten werden – und werden es auch in aller Regel. Allerdings teilweise mit viel Mühen. Vereinzelt auch mit Aushilfskräften, die keine klassische Erzieher-Ausbildung haben, wie es gegenüber der BZ hinter vorgehaltener Hand heißt.

Ausbildung als Abhilfe

Da hilft nur „ausbilden, ausbilden, ausbilden“, lenkt Bietigheim-Bissingens Sprecherin Anette Hochmuth den Fokus auf die wichtigste Maßnahme der Stadt gegen den Personalengpässen im Kindergartenbereich. Derzeit gibt es 30 Azubis, 20 davon haben im September ihren Dienst angetreten. Denn schon jetzt schafft es die Kommune kaum noch, offene Stellen zu besetzen. Wir haben immer 10 bis 15 Stellen ausgeschrieben“, erklärt Hochmuth. Diese seien teilweise „über Monate nicht besetzt“.

Aktuell ist beispielsweise wegen Personalmangels im Kinderhaus Malefiz die Öffnungszeit von 18 auf 17 Uhr herabgesetzt. Und der Elternbeirat des danebenliegenden Kinderhauses Mikado meldete jüngst ebenfalls: „Der Kleinkindbereich ist weiterhin mit einer 100-Prozent-Stelle unterbesetzt und falls keine Einstellung erfolgen kann ab 1. Dezember mit 200 Prozent.“ Momentan seien „keine geeigneten Bewerber vorhanden“.

Stadtsprecherin Hochmuth erklärt: Gerade bei solchen Kinderhäusern, die länger geöffnet haben, sei es verhältnismäßig schwierig, offene Stellen nachzubesetzen. „Bis abends arbeiten wollen viele nicht. Und wenn sie es sich aussuchen können, gehen die Erzieherinnen und Erzieher da hin, wo es ihnen besser gefällt.“ Sprich: lieber in eine Einrichtung, die früher schließt.

Sachsenheim hat ähnlich zu kämpfen, steht momentan aber ein wenig besser da. „Wir haben aktuell zwei Ausschreibungsverfahren laufen, die wir hoffentlich positiv abschließen. Dann wären wir aktuell versorgt“, meint Sven Kaiser, in der Verwaltung zuständig für die Kinderbetreuung. Aber er weiß auch: „Das ist so ein kurzlebiges Geschäft, das kann nächste Woche schon wieder ganz anders aussehen.“ Noch sei die Stadt „in der glücklichen Lage, dass sich auf die Ausschreibungen eine Handvoll Bewerber meldet“. Zudem sei die Fluktuation an Erziehern in Sachsenheim „nicht besonders hoch“.

Gute Arbeitsbedingungen

Neben Ausbildung setze die Flächenstadt beispielsweise auch auf möglichst gute Arbeitsbedingungen für die Angestellten: „Sowohl was die Personalausstattung als auch Fortbildungen anbelangt, sind wir recht großzügig, letzteres fordern wir sogar. Zudem haben wir für neue Kräfte eine recht lange Vorbereitungszeit vorgesehen“, erklärt Kaiser.

In Bönnigheim wird außerdem mit der Besoldungsstufe jongliert, erklärt Reiner Müller, zuständig für Kindergartenangelegenheiten: „Grundsätzlich gilt das Tarifrecht.“ Aber man könne neue Kräfte beispielsweise gleich nach einer höheren Stufe bezahlen. „Wenn die Forderung nicht ganz unverschämt ist, gibt man in der Regel nach“, meint er.

Derzeit seien im Bönnigheimer Stadtgebiet mindestens drei Stellen offen, „wo wir das hinjonglieren müssen“, meint Müller, „das ist ganz schwierig. Wir schalten fast jeden Samstag Anzeigen in der Zeitung.“ Krankheitsbedingt habe zwischendurch auch eine Gruppe in Hofen schließen müssen. „Wir haben drei Springer, mit denen wir versuchen, Lücken zu schließen“, ergänzt er.

Ausfälle und Wechsel

Ein allgemeines Problem sei in den Kommunen auch: Ein Großteil des Personals seien junge Frauen, die bei Schwangerschaft oft von heute auf morgen wegen Berufsverbots ausfallen. Zudem zöge die junge Generation auch noch verhältnismäßig oft um. Und da es nahezu überall freie Stellen gibt, wechseln die Kräfte dann auch häufig die Kita – auch wenn der neue Wohnort nur wenige Kilometer entfernt liegt. Wo die baden-württembergischen Kitas und Kindergärten laut Bertelsmann-Studie übrigens nicht so gut abschneiden ist bei der Leitungszeit: Landesweit in 12,4 Prozent der Einrichtungen, kreisweit sogar in 14 Prozent gibt es noch immer keine extra Zeit für die Verwaltung. „Diese Arbeit wird dann entweder gemacht, während man eigentlich mit den Kindern spielen sollte oder in der Freizeit am Wochenende“, sagt Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung bei Bertelsmann.

Die Betreuungs-Verordnung des Kultusministeriums

Richtlinie für die Betreuung in Kitas und Kindergärten ist die Kindertagesstättenverordnung (KiTaVO). Sie gibt vor, welche Mindestanzahl an Erziehern in einer bestimmten Betreuungsform notwendig ist. Dies ist bisweilen kompliziert und hängt von Faktoren, wie dem Alter der Kinder oder den Urlaubstagen der Angestellten, ab.

Florian Gleibs, ein Sprecher des Kultusministeriums, gibt Beispiele: So dürfen im U3-Bereich zwei Vollzeitfachkräfte maximal 10 Kinder betreuen – in der Hauptbetreuungszeit. Im Ü3-Bereich sind für 20 Kinder in einer Ganztagsgruppe (7 Stunden)  mindestens 2,3 Vollzeitfachkräfte notwendig. Auf bis zu 28 Kinder in einer Halbtagsgruppe braucht es dagegen nur 1,8 Vollzeitfachkräfte. Gleibs erklärt: „In Ganztagsgruppen sind oft Kinder verschiedener Jahrgänge in einer Gruppe. Dazu kommen noch Aufgaben wie das gemeinsame Mittagessen oder das Umziehen der Kinder zum Mittagsschlaf.“

Grob lässt sich sagen: Die Kommunen berechnen ihren Betreuungsbedarf anhand dieser Mindestanforderungen – plus der einen oder anderen zusätzlichen Stelle. Dazu kommen Auszubildende sowie (fest angestellte) Springer und andere flexibel einsetzbare Kräfte. Die Kommunen können sich Auszubildende oder extra berechnete Leitungszeit für die Kindergartenleitung auf den Betreuungsschlüssel anrechnen lassen. Allerdings betonen sie, dass sie dies in der Regel versuchen, zu vermeiden.

Können die Mindestanforderungen kurzzeitig nicht eingehalten werden, muss die Kommune das beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) melden, erklärt Sven Kaiser von der Stadt Sachsenheim: „Man kann beispielsweise Gruppen zusammenlegen, sodass trotzdem die Aufsichtspflicht gewährleistet ist, oder Öffnungszeiten verkürzen. An oberster Stelle steht, dass die Einrichtung in Betrieb ist und die Kinder sicher betreut werden.“

In die Erhebungen der Bertelsmann-Stiftung fließen Auszubildende oder Langzeitpraktikanten ein. Die Empfehlung der Stiftung für die Kinderbetreuung sei das Ergebnis wissenschaftlicher Studien. „Sind die Werte schlechter, kann sich das auf die Entwicklung des Kindes auswirken“, betont Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung. Weitere Infos zur Bertelsmann-Studie gibt es online. msc

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