GKN-Bauschutt GKN-Bauschutt in den Landkreis

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim in einer Aufnahme vom April 2014. Beim Rückbau von Block 1 soll Bauschutt auch in den Landkreis kommen.
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim in einer Aufnahme vom April 2014. Beim Rückbau von Block 1 soll Bauschutt auch in den Landkreis kommen. © Foto: Martin Kalb
Kreis Ludwigsburg/Neckarwestheim / UWE MOLLENKOPF 07.08.2015
Ein Teil des Bauschutts, der ab 2017 beim Rückbau des Kernkraftwerks Neckarwestheim entsteht, wird auch auf Deponien im Kreis gelagert. Während Atomkraftgegner vor Reststrahlung warnen, ist das Material laut AVL unbedenklich.

Zehn Mikro-Sievert. Das ist der Grenzwert. Diese Jahresdosis an Strahlung dürfen Abfälle höchstens abgeben, damit sie auf normalen Deponien eingelagert werden können. Ab 2017 wird dies auch auf Deponien im Landkreis Ludwigsburg passieren. Dann kommt nämlich Material aus dem Rückbau des stillgelegten Kernkraftwerks GKN I.

Nach Aussage von Albrecht Tschackert, dem technischen Leiter der Abfallverwertungsgesellschaft (AVL) des Landkreises Ludwigsburg, hat der Kreis gar keine Wahl. Es bestehe eine gesetzlich definierte Pflicht, die Teile der Bauten des Kernkraftwerks Neckarwestheim, die auf der Gemarkung Gemmrigheim liegen, zu entsorgen. Der Bauschutt soll in den beiden Deponien "Burghof" bei Horrheim und "Am Froschgraben" bei Schwieberdingen eingelagert werden. Gerechnet wird mit einer Menge von 3500 Tonnen in etwa zehn Jahren - ein kleiner Teil der Gesamtmenge von 330.000 Tonnen. Den weitaus größten Teil muss der Landkreis Heilbronn entsorgen.

Bei dem Material handelt es sich um sogenannte freigemessene Abfälle, das heißt um Stoffe, die nicht unter die Strahlenschutzverordnung fallen (siehe Info-Kasten). Es stammt von Verwaltungsgebäuden, aber auch von Bauteilen, die den Reaktor umgeben. Das sei weit weg vom Atommüll, sagt Tschackert.

Um dennoch eine größtmögliche Sicherheit zu haben, haben das Landesumweltministerium, die EnBW als Betreiber und alle betroffenen Landkreise unter Federführung des Landkreistags in den letzten Monaten eine "Handlungsanleitung" erarbeitet. Diese wird von Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) als "wichtige vertrauensbildende Maßnahme" begrüßt. Laut AVL kann der Landkreis so eine "lückenlose und transparente Kontrolle aller Anlieferungen" garantieren. Wie Tschackert erläutert, geschieht dies, indem zum einen Gutachter des Umweltministeriums als der zuständigen Atomaufsichtsbehörde die Messungen des Kraftwerksbetreibers zu hundert Prozent überwachen. Darüber hinaus werde für die AVL ein Gutachter Stichproben machen.

Mit Blick auf die Reststrahlung weist man seitens der AVL darauf hin, dass der Grenzwert von zehn Mikro-Sievert pro Jahr eine Strahlendosis sei, die dem internationalen Maßstab für Unbedenklichkeit entspreche und in der Umwelt auf natürliche Weise vorkomme. Die gleiche Dosis bekomme ab, wer sich etwa 28 Stunden auf einer mit Flossenbürger Granit gepflasterten Fußgängerzone, wie etwa in der Stuttgarter Königstraße, aufhalte.

Atomkraftgegner wie Stefan Mende-Lechler, Sprecher der Bürgerinitiative Antiatom Ludwigsburg und stellvertretender Vorsitzender der Bürgerinitiative Mittlerer Neckar, kann das freilich überhaupt nicht beruhigen. "Es gibt keinen ungefährlichen Grenzwert", sagt er mit Verweis auf entsprechende wissenschaftliche Studien. Von jeder Strahlung gehe eine Gefahr aus.

Die Atomkraftgegner fordern daher, dass auch leicht radioaktiver Müll gesondert abgelagert werde. Dieser gehöre nicht auf konventionelle Deponien. Das Prinzip der Freimessung lehne man ab, sagt Stefan Mende-Lechler. Es werde nur aus wirtschaftliche Gründen verfolgt, so sein Vorwurf. Aus Sicht der Bürgerinitiativen sei die Einlagerung des Bauschutts auf Kreis-Deponien "keine gute Lösung".

Albrecht Tschackert sagt hingegen, dass das Material aus Neckarwestheim so unbedenklich sei, dass für die Mitarbeiter der AVL auf den Deponien keine weiteren Sicherheitsmaßnahmen erforderlich seien. Man werde lediglich dafür sorgen, dass es in einem verplombten Container angeliefert werde. Ansonsten sei es im Prinzip das Gleiche wie wenn eine Ladung Granitschutt angeliefert werde, so der technische Leiter.

Bauschutt aus dem Atomkraftwerk: Daten und Fakten

Strahlenschutz Die Strahlenschutzverordnung unterscheidet zwischen drei Kategorien von Abfällen aus dem Rückbau von Kernkraftwerken: Erstens radioaktive Abfälle, die aufgrund ihrer eigenen Strahlung in ein Endlager müssen. Zweitens freigemessene Abfälle, deren eigene Strahlung so gering ist, dass sie auf Deponien abgelagert werden dürfen - so wie in naher Zukunft bei der AVL. Drittens Abfälle ohne eigene Strahlung, die dem Stoffkreislauf (Straßenbau, Metallrecycling) zugeführt werden.

Grenzwert Als Grenzwert für die freigemessenen Abfälle gilt eine Dosis von zehn Mikro-Sievert pro Jahr. Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat in einem Brief an Anwohner von Buchen im Odenwald, wo Material aus dem Atomkraftwerk Obrigheim eingelagert wird, darauf hingewiesen, dass dieser Wert die natürliche Strahlenexposition von etwa 2300 Mikro-Sievert weit unterschreite.

Genehmigung Das Genehmigungsverfahren zum Rückbau von Block eins in Neckarwestheim ist noch nicht abgeschlossen. Wann das Material von dort in den Kreis kommt, steht noch nicht genau fest.

Ein Kommentar von Uwe Mollenkopf: Kontrolle auch aus Eigeninteresse

Aus Sicht des Landkreises Ludwigsburg ist der Umgang mit dem Bauschutt aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim ziemlich klar. Aufgrund des Atomrechts ist er dazu verpflichtet, diesen auf seinen Deponien einzulagern, wenn der geltende Grenzwert eingehalten wird. Dieser liegt weit unter der natürlichen Strahlung. So weit die Fakten. Die Diskussion über Grenzwerte ist eine andere Sache, in die auch Emotionen und Ängste vor den unsichtbaren Strahlen hineinspielen. Doch diese kann nicht auf Kreisebene geführt werden.

Was die Landkreise tun können ist, eine möglichst hohe Kontrolldichte herzustellen, die gewährleistet, dass das angelieferte Material auch tatsächlich nicht stärker belastet ist als erlaubt. Indem erstmals Gutachter der Atombehörde nicht nur Stichproben machen, sondern ständig kontrollieren, ist schon mal viel erreicht worden. Hinzu kommen die Prüfungen der AVL. Dieser dürfte es schon aus Eigeninteresse heraus sehr wichtig sein, dass der Bauschutt tatsächlich unbedenklich ist. Denn schließlich sind ihre Mitarbeiter am nächsten dran.