Anfang 2020 wird der Meisterbrief wieder Pflicht und das Bundeskabinett will die Meisterpflicht sogar EU-konform einführen.

Auch in Bietigheim-Bissingen wird damit nach der Novellierung im Jahr 2004 für zwölf von 130 bundesdeutschen Handwerkerberufen wieder der Brief gefordert, insbesondere in solchen Bereichen, in denen Gefahr für Gesundheit oder Leben Dritter besteht. Selbstständige ohne Meistertitel sehen das weniger gelassen als die Handwerksmeister.

Die Meister haben nach Informationen des Raumausstatter- und Parkettlegermeisters, Rainer Häusler, vor 2004, als die rot-grüne Regierung wegen der hohen Arbeitslosigkeit die Zahl meisterpflichtigen Handwerksberufe reduzierte, alles Mögliche versucht, um den Wegfall der Meisterpflicht zu verhindern.

Auch seine beiden Gewerke haben damals die Meisterpflicht als Zulassungsvoraussetzung verloren. Als ehemaliger Obermeister der Raumausstatterinnung Ludwigsburg geht Häusler allerdings davon aus, dass meisterlose Betriebe, die in den letzten 15 Jahren gegründet wurden, mit der Wiederkehr der Meisterpflicht Bestandsschutz genießen.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) erinnert daran, dass damals Handwerksbetriebe ohne Meister wie Pilze aus dem Boden schossen. Präsident Hans Peter Wollseifer spricht von „Fehlentwicklungen“ sowie „geringem Gewährleistungs- und Verbraucherschutz“ als Folge.

Rainer Häuslers Erfahrung nach waren zumindest in seiner Branche viele Firmengründer ungelernt, quasi ohne Fachwissen und Erfahrung. Ein Geselle an der Spitze des Betriebes sei der Idealfall gewesen. Es seien kaum Mitarbeiter eingestellt worden und ausbilden dürfen hätten diese Betriebe ja sowieso nicht. „Unser duales Bildungssystem hat sich bewährt und andere Länder wären froh, sie hätten ein solches“, stellt der Bietigheimer Raumausstatter- und Parkettlegermeister mit Filiale in Sachsenheim fest.

Deshalb sieht er die „Rückvermeisterung“ positiv und in ihr die Chance auf mehr Ausbildungsbetriebe. Das Handwerk, welches bei der Berufsberatung etwas stiefmütterlich behandelt werde, brauche dringend junge Menschen. Ausnahmen bei der Rückkehr zum Meisterbrief, so Häcker, gebe es nach der Altgesellenregelung für berufserfahrene Gesellen, die bereits sechs Jahre Berufserfahrung mitbrächten und vier Jahre eine leitende Position inne gehabt hätten.

Die verbleibenden zulassungsfreien Gewerke müssten dieselben Möglichkeiten zur Weiterentwicklung haben wie Handwerke mit Meisterpflicht, teilt die Handwerkskammer Stuttgart mit. Dazu gehöre die Förderung von Aus- und Weiterbildung sowie die Option einer künftigen Einstufung als zulassungspflichtiges Handwerk.

Die Handwerkskammer und der Zentralverband sehen die Meisterpflicht darüber hinaus als Garantin für Verbraucherschutz, weil eine unsachgemäße Handwerksarbeit Gefahr für Leben und Gesundheit bedeuten könne. Insbesondere im Baubereich komme es auf Sicherheit und Verbraucherschutz an, betont der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe, Felix Pakleppa. Beides sei bei den meisterfreien Gewerken nicht mehr gewährleistet gewesen.

Kritiker:  Nachteile für die
Verbraucher

Die Gegner und Kritiker der Rückvermeisterung hingegen sehen Nachteile für den Verbraucher. Der Bundesverband unabhängiger Handwerker (BUH), die Monopolkommission und die FDP beispielsweise bemängeln, dass die Arbeit in der Praxis oft nicht von Meistern, sondern von Gesellen und Lehrlingen ausgeführt werde. Ein Meisterbrief, so der Verband, schütze den Verbraucher nicht vor Pfuscharbeiten.

Der Konsument müsse wählen können, ob er Meisterlohn bezahlen möchte oder nicht. Die einmalige Meisterprüfung garantiere nicht, dass der Bäcker oder Heizungsbauer auf dem neuesten Stand ist. Bei den Gebäudereinigern beispielsweise habe sich die Abschaffung der Meisterpflicht positiv ausgewirkt.

Diese Berufe brauchen wieder den Meisterbrief


Fliesen-, Platten und Mosaikleger, Betonstein- und Terazzohersteller, Estrichleger, Behälter- und Apparatebauer, Parkettleger, Rollladen- und Sonnenschutztechniker, Drechsler- und Holzspielzeugmacher, Böttcher, Glasveredler, Schilder- und Lichtreklamehersteller, Raumausstatter, Orgel- und Harmoniumbauer – sie alle brauchen nach Auskunft von Julia Häcker bei der Handwerkskammer Stuttgart ab nächstem Jahr wieder einen Meisterbrief.