Lange haben sie gewartet - manchen dauerte es zu lange, bis endlich mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal begonnen wurde. Nun scheint zumindest der Startschuss gefallen zu sein für das wissenschaftliche Teilprojekt, für das es kaum Vorbilder gibt. Am Samstag stellte die Landshuter Erziehungswissenschaftlerin Professor Mechthild Wolff, die sowohl von der Brüdergemeinde als auch von der Interessengemeinschaft (IG) Heimopfer im Januar mit der Leitung der Aufarbeitung beauftragt wurde, den Betroffenen das Forschungsvorhaben vor.

Überschrieben ist es mit "Historische Aufarbeitung der Heimerziehung der Evangelischen Brüdergemeinde in den 50er Jahren bis in die 90er Jahre". Dabei geht es vor allem darum, wo und in welcher Form sich Betroffene bei der Hochschule melden können, wie ihre Geschichten wissenschaftlich begleitet festgehalten werden und wie die Analyse der Akten - viele von ihnen hat die Diakonie der Brüdergemeinde schon vor rund einem Jahr an das Landeskirchliche Archiv übergeben - ablaufen soll. Inhaltlich sei das sehr gut gewesen, sagte Detlev Zander hinterher, der im Frühsommer 2014 mit seinen Erlebnissen aus seiner Zeit im Kinderheim in den 60er und 70er Jahren an die Öffentlichkeit ging. Er freue sich, dass es nun endlich losgehe mit der Aufarbeitung, und auch, dass zwei Anwältinnen dabei seien, die schon Erfahrung aus der Aufarbeitung bei der Nordkirche hätten. "Ich halte das Konzept der vier Professorinnen, die am Samstag als Team vorgestellt wurden, für gut und schlüssig", lobte auch Wolfgang Schulz, der als Betroffener ebenfalls eingeladen war. "Ich denke, dass man so gut arbeiten kann."

Doch das gilt nicht für einen weiteren Bereich, der Teil der Aufarbeitung ist. Seit Monaten schwelt Streit unter den Betroffenen und Unterstützern, der seit den Querelen um einen Stand beim Kirchentag vor allem in den sozialen Netzwerken offen und zuletzt immer erbitterter ausgetragen wird. Dahinter steckt zum einen vermutlich der generelle Unmut darüber, dass der Aufarbeitungsprozess in den Augen vieler nicht so schnell vorankommt wie gewünscht. Zudem gibt es viele, die fürchten, dass die Brüdergemeinde das Vorhaben in die Länge zieht und sich ein Stück weit aus der Verantwortung zieht - auch die Frage der Entschädigung ist immer wieder ein großer Streitpunkt.

Die Brüdergemeinde sagt, sie könne keine Gelder zahlen, weil das bei ähnlichen Fällen ebenso nicht passiert sei, es einen bundesweiten Fonds für Heimopfer gebe und sie vor allem ihren gemeinnützigen Status verlöre. Laut Zander soll die ursprünglich geplante Zusammenarbeit mit einer Stiftung sich zerschlagen haben, weil die von der Brüdergemeinde angefragte nicht in das Konzept passe. "Beim Teilprojekt Anerkennung von Leid und Hilfe sind wir leider wieder bei Null."

Und das ist nicht die einzige Baustelle, denn die Querelen zwischen einzelnen Personen drohen den Prozess zu überlagern. So wird vor allem Detlev Zander scharf kritisiert. Er handle intransparent und undemokratisch und gebe Infos aus der Steuerungsgruppe nicht weiter. Das Gremium soll den Aufarbeitungsprozess koordinieren und besteht aus Wolff und je drei Vertretern auf Betroffenen- sowie Brüdergemeindeseite. Am Samstag nach der Präsentation sollte bei einem Opfertreffen aufgrund des krankheitsbedingten Ausscheidens eines Betroffenen ein Mitglied für die Steuerungsgruppe nachgewählt werden.

Doch dazu kam es nicht, die weiteren Angaben über die Folgen weichen ab. Laut Zander wolle Spreng doch weitermachen, weil sich sonst niemand gefunden habe. Und Schulz, der mal für den Posten im Gespräch war, sagte, er wolle nicht in das Gremium, solange Zander und Martina Poferl - ihnen wurde jüngst auch vorgeworfen, mittlerweile zu sehr auf Seiten der Brüdergemeinde zu stehen - nicht ernsthaft auf seine Kritik reagieren würden. Er war bislang stellvertretendes Mitglied der Steuerungsgruppe, und gibt an, nicht ausreichend informiert worden zu sein.

Sowohl Schulz als auch Zander bedauerten, dass der Streit die Inhalte überlagere. Bei einem nächsten Opfertreffen müsse dann das Verhältnis untereinander erneut diskutiert und geklärt werden.