Serie Fünf Menschen eine Leidenschaft

Kreis Ludwigsburg / Rena Weiss 16.04.2018

Es ist ein sonniger Tag, als sich die BZ mit Kim S. zum Gespräch trifft. Dennoch hat sie eine lange schwarze Jeans, ein schwarzes Top und ein Jeanshemd an. Ihr blonder kurzer Bob und die langen pinken Fingernägel wecken schnell Vorurteile. Doch nicht damit zieht Kim S. die Blicke auf sich. Durch die Löcher in der Jeans blitzen Tätowierungen und auch am Dekolleté ziert sie die Körperkunst. Damit nicht genug. Kim S. hat sich auch im Gesicht tätowieren lassen und weiß, damit eckt sie bei manchen an.

Seit ihrem 13. Lebensjahr hat Kim S. mit dem Gedanken gespielt, irgendwann voll tätowiert zu sein. „Ich war damals in einer Autowerkstatt und habe ein Bild einer Frau gesehen, die von oben bis unten tätowiert war“, sagt sie, „ich hab das gesehen und wusste: Das will ich auch.“ Von dem Zeitpunkt an, sammelte der Teenager Ideen, was später unter die Haut sollte. Heute mit 29 Jahren hat sie ihr Ziel erreicht und hat nur noch wenige tintenfreie Körperstellen. Für die Leiterin zweier Tattoostudios sind die Tätowierungen eine Möglichkeit, ihre Geschichte nach außen zu tragen. „Ich möchte mit meinen Tattoos für mich etwas festhalten“, sagt Kim S., die mittlerweile in Nürtingen lebt. Manche dieser Erinnerungen möchte sie nach eigener Aussage gleich nach dem Aufstehen beim Blick in den Spiegel sehen. Deswegen trägt sie auch im Gesicht die schwarze Körperkunst.

Trotz der frühen Entscheidung, ihren Körper komplett zu verzieren, hat die ehemalige Bietigheimerin mit ihrem ersten Tattoo ganz klassisch bis zur Volljährigkeit gewartet. Dieses hat sie sich zu Ehren ihrer Mutter stechen lassen. Mittlerweile ist der ganze rechte Arm ein Denkmal, an die Frau, die sie, wie Kim S. selbst sagt, stark geprägt hat und dies immer noch tut. „Mir ist es wichtig, dass meine Mama und meine ganze Familie stolz auf mich sind“, sagt die 29-Jährige.

Deswegen habe sie, „wie sich Mamas das eben wünschen“, auch erst einen „normalen Werdegang“ angestrebt. Doch schnell übertrug sich ihre Leidenschaft für die Tinte auch aufs Berufsleben und heute leitet die 29-Jährige zwei Tattoostudios in Nürtingen.

Ihr sei wichtig, die Kunden ehrlich zu beraten. Sie halte nichts davon, Trends zu folgen, nur um tätowiert zu sein. Auch habe sie kein Problem damit, solche Kunden wegzuschicken. „Es geht mir nicht ums Geld, sondern um jeden einzelnen Menschen“, sagt Kim S. „Die Menschen kommen in meine Läden und vertrauen uns ihren Körper an. Ein Tattoo haben sie schließlich ihr ganzes Leben lang“.

Sie selbst bereue ihre Entscheidung, voll tätowiert zu sein nicht. Im Gegenteil, für ein Projekt hatte Kim S. ihre Tattoos komplett mit Schminke überdeckt. Im Spiegelbild erschien eine für sie fremde Frau. Es sei sehr wichtig, sich ein Tattoo gut zu überlegen. Nicht überall seien Tattoos akzeptiert und manche Menschen reagieren sogar mit Beleidigungen, spricht Kim S. aus eigener Erfahrung.

Dessen sind sich auch Stefanie und Nadine Klein bewusst. Die Schwestern haben zusammen rund 40 Tattoos. Viele davon symbolisieren ihre besondere Verbindung zueinander und ihre Liebe zu Disney-Filmen. „Als Kinder hatten wir alle Disney-Filme auf Videokassette“, sagt Stefanie Klein. Für die Schwestern, die in Steinheim groß geworden sind, war es die logische Konsequenz, ihre Liebe zu Disney und zu Tattoos zu verbinden – in Form eines Arms voller Zeichentrickfiguren. „Ich habe aufgehört zu zählen“, sagt Nadine Klein. Mit 26 Jahren ist sie ein Jahr älter und hat ein Jahr Vorsprung. Denn mit dem ersten Tattoo haben beide gewartet, bis sie volljährig waren. „Wir wollten die Entscheidung selbst treffen und nicht unseren Eltern überlassen“, sagen die Schwestern.

Stefanie und Nadine Klein könnte man als tattoosüchtig bezeichnen. Beide waren, wie Kim S., bereits als Teenager fasziniert von der Körperkunst. Obwohl sie bei jedem Tattoo unter den Schmerzen leiden, planen sie bereits Minuten danach das nächste. „Ich habe noch so viele Ideen und Projekte“, sagt Nadine Klein.

Beiden ist es wichtig, dass ihre Tattoos eine Bedeutung haben. Das mache es auch einfacher, sich gegenüber anderen zu behaupten. Denn nicht selten hören sie die Frage nach dem Warum.

Der Beginn einer Sammelung

Auch Melanie und ihr Mann Segio Mannino aus Bietigheim-Bissingen tragen ihre Lebensgeschichte auf der Haut. Sie stehen jedoch noch ganz am Anfang ihrer Sammelleidenschaft. Melanie Mannino hat zwei Tattoos. Eines davon ist der Namen ihres Sohnes. Das nächste Tattoo soll für ihre Tochter stehen. Ihr Mann ist einen Schritt weiter: Seine Handgelenke zieren die Initialen seiner Kinder und am Arm trägt er ein Drachentattoo, das er sich mit 18 stechen ließ.

„Vor neun Jahren kam mein Sohn mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt. Das war für mich der Anlass für mein Tattoo“, sagt Melanie Mannino. Dennoch, sollten ihre Kinder einmal eine Tätowierung wollen, sollte es wohl überlegt sein. Zwar sei die schwarze Tinte unter der Haut anerkannter, als noch vor ein paar Jahren, doch gerade beruflich könne sie die Möglichkeiten einschränken.

Für alle fünf Tattoo-Fans ist die Freude an der verzierten Haut größer, als die Vorurteile anderer.