Kreis Ludwigsburg Frühstücksgespräche: Feuerwehrmann mit Leib und Seele

Der Kreisbrandmeister in Zivil: Zum BZ-Gespräch hat Andy Dorroch in seinem Haus in Kirchheim ein opulentes Frühstück aufgetischt.
Der Kreisbrandmeister in Zivil: Zum BZ-Gespräch hat Andy Dorroch in seinem Haus in Kirchheim ein opulentes Frühstück aufgetischt. © Foto: Helmut Pangerl
Kreis Ludwigsburg / DOMINIQUE LEIBBRAND 21.08.2014
Manche Berufe erlernt man, zu anderen ist man geboren: Auf den Kreisbrandmeister Andy Dorroch trifft sicher Zweiteres zu. Ein persönliches Gespräch am Frühstückstisch über Werte, Freundschaft und Verlust.

Um 10 Uhr heulen am Mittwochmorgen im Landkreis die Sirenen. Auch in Kirchheim hört man sie deutlich. Der Kreisbrandmeister Andy Dorroch ist zufrieden. Er greift zum Handy, tippt eine schnelle Whats-App-Nachricht ans Team der neuen Integrierten Leitstelle in Ludwigsburg - es ist der erste Probealarm, der von dort aus organisiert worden ist. Eigentlich hat der 39-Jährige gerade Urlaub, im Dienst ist er dennoch so gut wie immer. Auch jetzt hat er den Piepser im Blick, später am Tag steht noch eine Besprechung an.

Vorher ist aber erst mal frühstücken angesagt. An freien Tagen wie diesem fällt das bei der Familie Dorroch üppiger als sonst aus. Es gibt Brötchen vom Bio-Bäcker, Rührei, Lachs und selbstgemachte Marmelade. Baby Martin quäkt auf einer Decke vergnüglich vor sich hin, Jakob, fast vier, springt aufgeregt durchs stilvoll eingerichtete Wohnzimmer. Stolz präsentiert der Bub mit den blauen Augen sein Schaukelpferd, während Mama Stephanie die Kaffeemaschine anwirft.

Gerade ist das Quartett von einem Urlaubstrip zurückgekehrt, eine Woche Bauernhof. Sohn Jakob wollte unbedingt mal eine Kuh melken. Andy Dorroch drängt auf Auszeiten wie diese. Dann sei er tatsächlich weg, nicht erreichbar, sagt er. Ein zweiter Urlaub ist bereits geplant. Er ist passionierter Bergsteiger, mit Freunden geht er regelmäßig klettern. Diesmal ist das Ziel die Schweiz, die Jungfrau ruft. "Das brauche ich", sagt Dorroch.

Denn wenn er im Dienst ist, will der 39-Jährige 100 Prozent geben. Er ist der Chef von 40 Wehren, Abend- und Wochenendtermine sind obligatorisch, gleichzeitig ist der Kreisbrandmeister auch immer noch bei Einsätzen dabei - rund 40 sind es im Jahr. Und: Dorroch ist in seiner Funktion für Visionen zuständig. So hat er den Aufbau der Integrierten Leitstelle als Fachaufsicht begleitet, er will weiter an der Öffnung seiner Truppe auch für Kinder, Migranten und Frauen arbeiten, und es soll ein kreisweiter Bedarfsplan erstellt werden. Dorroch will die Feuerwehr überkommunal denken, erklärt er. Synergieeffekte sollen besser genutzt werden.

Ein Problem erkennen und es lösen - das ist es, was Andy Dorroch an dem Feuerwehrjob reizt. Nach der Schul- und Studienzeit hatte er zwar zunächst als Bauingenieur gearbeitet, entschied sich dann aber, die wesentlich schlechter bezahlte Laufbahn als Brandbekämpfer einzuschlagen. Die Liebe dazu hatte er bereits früh entdeckt. In der Heimat Spaichingen im Kreis Tuttlingen gehörte er, der mit drei älteren Geschwistern aufwuchs, zu den Gründungsmitgliedern der Jugendfeuerwehr. Ein Freund habe ihn dazu gebracht. Mit 16 trat er den Aktiven bei, bis er den Führerschein hatte, wurde er von seiner Mutter zu den Einsätzen gefahren. In dieser Zeit fand er Freunde fürs Leben, Vorbilder und Orientierung.

Werte wie Kameradschaft, Nächstenliebe, der Dienst für die Allgemeinheit - sie sind für Dorroch daher nicht nur Plattitüden. Er ist ein nachdenklicher Typ, spricht über Neid und soziale Kälte. Er selbst, so hat man den Eindruck, will dem etwas entgegensetzen. Als Samariter wolle er nicht verstanden werden, doch jemandem helfen zu können, sei ein tolles Gefühl, sagt Dorroch.

Zu seinem Job gehört trotzdem, auch zu akzeptieren, wenn man mal nicht helfen kann, weiß der Kreisbrandmeister. Mit dem Tod komme er nicht gut zurecht, gibt er zu. Es mag auch an seiner persönlichen Geschichte liegen. Zwischen den beiden Söhnen war Ehefrau Stephanie schwanger mit einem Mädchen - das Kind starb in der 37. Woche im Mutterleib. Seitdem hadert der gläubige Katholik bisweilen mit Gott.

Ein Ventil für angestaute Emotionen hat Andy Dorroch im Handwerk gefunden. Er schweißt, bearbeitet Stein und Holz. In seinem Wohnzimmer stehen Regale und Stühle aus altem Industriematerial, an der Wand hängt ein Kreuz aus Birnbaumholz - ein Hochzeitsgeschenk für seine Frau -, und vor der Haustür erinnert eine Skulptur an die gestorbene Tochter. Dorroch hat sie "Aufschrei" genannt, frei nach Edvard Munch.

Das Leben im Hier und Jetzt vergisst der bekennende Eishockeyfan darüber aber nicht. Er sei dankbar für seine Familie. Für die gesunden Kinder. Dass die beiden Jungs dem Papa mal nacheifern, ist abzusehen. Zumindest hat der kleine Jakob schon eine Feuerwehrmontur samt Helm und Löschschlauch im Schrank, die er nun stolz vorführt. Doch Dorroch beschwichtigt. Er wolle den Kindern nichts vorschreiben. "Ich fördere das nicht aktiv", betont er.

Mit gefülltem Magen steigt der Familienvater später in sein rotes Kreisbrandmeister-Auto und fährt zu seinem Termin. Dass er das Feuerwehr-Gen in sich trägt, darüber besteht längst kein Zweifel mehr. Er selbst bestätigt: "Ich habe die Berufswahl nie bereut."

Zur Person vom 21. August 2014

Der Kreisbrandmeister Andy Dorroch wurde 1975 geboren und wuchs in Spaichingen auf. Er studierte an der FH in Stuttgart Bauingenieurwesen, arbeitete zunächst auch in seinem erlernten Beruf, sattelte 2004 aber auf Feuerwehrmann um. Von 2006 bis 2012 war er auf der Hauptfeuerwehrwache in Bad Cannstatt beschäftigt. Mit Ehefrau Stephanie (38) hat er die Söhne Jakob und Martin.

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