Das Gebäude liegt direkt am Neckar. Ein Schild zeigt den Weg zum Eingang, die Tür steht bereits offen. Der Empfangsraum ist hell, leuchtend, warm und einladend. Zwei Sofas bieten Sitzmöglichkeiten, mehrere große Regale sind gefüllt mit verschieden farbigen Behältnissen. Sie bestehen aus Alabaster, aus Holz, aus Kupfer, Ton und Messing. Einige sind so groß wie Vasen, einige so klein, dass man sie um den Hals tragen kann. So unterschiedlich sie sind, eines haben sie gemeinsam: Die Behältnisse sind Tierurnen.

Das Tierkrematorium Tieba in Aldingen ist das einzige seiner Art im Umkreis von Stuttgart. „Wir stellen unsere Urnen gleich hier vorne aus“, erklärt Daniela Seiz. Sie ist Geschäftsführerin, momentan in Elternzeit. Gründer und ebenfalls Geschäftsleiter des Krematoriums ist ihr Vater, Walter Rupff. „Unseren Empfangsraum haben wir bewusst so gestaltet“, erklärt der Tierbestatter. „Bei uns sollen Menschen, die um ihr Tier trauern, ein wenig Ruhe finden. Der Tod gehört zum Leben dazu. Die Atmosphäre soll den Prozess der Trauer vereinfachen.“

Die vielen Möglichkeiten, die Asche des Tieres mit nach Hause zu nehmen, seien bei Tierhaltern sehr begehrt. „Menschen möchten gerne eine zusätzliche Erinnerung an ihr Haustier“, so Rupff. „Manche entscheiden sich für die klassische Urne, manche möchten die Asche gerne in einem schönen Amulett am Hals tragen.“ Walter Rupff nimmt einen weißen Bilderrahmen aus Holz in die Hand, dessen Rückseite einen Hohlraum besitzt. „Manche Trauernden möchten keine große Urne Zuhause stehen haben. Sie müssten es Besuchern erklären und das reißt Wunden auf. Das hier sieht aus wie ein normaler Bilderrahmen. Kaum jemand weiß, dass auf der Rückseite die Asche des Tieres enthalten ist.“

Kunden aus allen Altersgruppen seien vertreten. Viele Familien verabschieden sich im sogenannten Abschiedsraum nochmal von ihrem treuen Begleiter. Nachdem das Tier im Hygieneraum angenommen wurde, bringen Rupff und seine Mitarbeiter es auf einem Wagen in den separaten Raum. „Hier nehmen sich die Besitzer noch einmal Zeit zu trauern“, erklärt Rupff. „Sie zünden Kerzen an, verabschieden sich. Die Zeremonien sind jetzt noch nicht so umfangreich wie man sie bei menschlichen Trauerfeiern kennt, aber ich denke, das kommt noch.“ Vor allem für Kinder, die ihr Haustier im Krematorium verabschieden, könnten so eine erste positive Erfahrung mit dem Tod sammeln. Die Angst könne hier bereits genommen werden und eine Aufklärung sei möglich.

Seit 1998 Tierbestatter

Was Rupff 1998 als Tierbestattung in Winnenden gründete, entwickelte sich 2006 zu einem Tierkrematorium in Aldingen. „Vor 20 Jahren waren wir damit noch Exoten“, erklärt Walter Rupff. „Im Laufe der Zeit hat sich der Stellenwert des Haustieres jedoch sehr verändert. Die Tiere sind Familienmitglieder. Genau diesen Respekt muss man ihnen und den Trauernden auch entgegenbringen.“ Tierärzte berieten Leute inzwischen eingehend, doch früher wussten viele Halter nicht, was mit dem geliebten Haustier nach dessen Tod passieren würde. Der BSE-Skandal habe mitunter dazu geführt, dass eine traurige Tatsache in Umlauf kam: Die Tiere landen in einer Tierkörperverwertungsanlage, zusammen mit Schlachtabfällen und überfahrenen Tieren. Das stieß bei vielen auf ein ungutes Gefühl.

„Einige Haustierbesitzer entscheiden sich auch, das verstorbene Tier auf dem eigenen Grundstück zu beerdigen“, weiß Rupff. „Dies ist nur möglich, sofern es sich nicht in einem Wasserschutzgebiet befindet. Aus hygienischen Gründen.“ Die Tiere, die Walter Rupff und Daniela Seiz annehmen, sind ausschließlich Heimtiere. „Zu uns werden hauptsächlich Hunde und Katzen, aber auch Kanarienvögel, Mäuse, Frettchen, Meerschweinchen, Hasen gebracht“, so Rupff. Für Exoten und bedrohte Tierarten seien weitere Genehmigungen notwendig.

Montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr arbeiten Rupff, Seiz und deren Mitarbeiter bei Tieba. Über 400 Tiere werden monatlich eingeäschert, auf Wunsch einzeln oder mit anderen Tieren gemeinsam. Bei jeder Einäscherung wird dem Tierkörper ein nummerierter Stein aus Schamott, aus feuerfestem Zement, beigelegt, der anschließend auch seinen Platz in der Urne findet. „So weiß der Besitzer immer: das ist mein Tier. So geht nichts schief. Alles wird in ein Buch eingetragen“, erläutert Rupff.

Zu den Tätigkeiten von Tieba gehöre auch, die verstorbenen Tiere in Tierkliniken oder bei den Besitzern zuhause abzuholen. Zu diesen Vorgängen nach dem Tod eines Tieres machten sich jedoch nur wenige Haustierbesitzer Gedanken, was im ersten Moment häufig zu Überforderung führt. Genau hier komme aber das Einfühlvermögen aller Mitarbeiter ins Spiel. „Für viele, gerade ältere Menschen, ist das Haustier ein Sozialpartner. Stirbt dieser Partner plötzlich, sind viele mit Angst konfrontiert, sind überfordert“, so Rupff. Auch nachts sollen wohl schon Anrufe bei ihm eingegangen sein.

Die Idee, ein Tierkrematorium zu gründen hatte Walter Rupff, nachdem er jahrelang als Tierpräparator gearbeitet hatte. „Mein Kollege und ich haben gemerkt, dass ein Grundbedürfnis besteht: So viele Menschen wollten ihre Tiere noch bei sich haben, doch als Tierpräparator war es kaum möglich, auf die Trauernden selbst einzugehen. Ich habe dann hier ein Krematorium eröffnet, mein Kollege in Nordrhein-Westfalen.“

In seinem Tierkrematorium sei es ihm nun auch möglich, sich persönlich um die Trauernden zu kümmern. „Mir bedeutet dieser Beruf sehr viel. Ich möchte Menschen helfen, ihre Emotionen zu verarbeiten.“ Dazu seien Empathie und Verständnis essenziell, was nur möglich ist, wenn die Erfahrung als Tierbesitzer vorhanden ist. „Ich habe selbst Tiere. Ich kenne die starke Bindung. Manche Menschen, die zu uns kommen, wurden von sehr harten Schicksalsschlägen getroffen. Ich möchte mir einfach für jeden genug Zeit nehmen. Hier ist nichts durchgetaktet.“ Während Walter Rupff spricht, bekommt er Gänsehaut an den Armen. „Aber egal, wie lange ich diesen Beruf mache: wenn eines meiner eigenen Haustiere stirbt, ist es immer noch genauso schlimm für mich.“

Seine Tochter Daniela Seiz hat den Beruf ihres Vaters schon von Kindheit an begleitet und ist mit Haustieren aufgewachsen. „Während meines Studiums für Wirtschaftswissenschaften habe ich auch in Teilzeit hier gearbeitet“, erklärt sie. Schnell wurde ihr klar, dass sie das auch beruflich machen möchte. Sie habe vor allem auch früh gelernt, mit dem Tod umzugehen. „Man kann vorm Tod nicht davon laufen. Es nimmt einem die Beklemmung, die Angst, wenn man ihn annimmt, und es macht das Leben lebenswerter. Viele Schicksale machen klar, wie gut es einem eigentlich geht.“

Die Menschen, die zu Tieba kämen, müssten mit Verständnis und Empathie behandelt und ernstgenommen werden. Die Zusammenarbeit zwischen Vater Walter und Tochter Daniela ist eng, beide gehen in ihrem Beruf auf. Was beide so sehr miteinander verbindet: der Respekt und die Liebe, die sie für Tiere empfinden. „Sie urteilen nicht. Sie sind ein seelischer Ausgleich für uns. Lauter kleine Mini-Psychiater“, sagt Rupff. Seine Tochter lächelt ihm zu.