Jörg Tritthardt ging in Bietigheim zur Schule. Zunächst im Aurain und dann im Fischerpfad auf das Technische Gymnasium. "Damals hätte ich im Traum nie daran gedacht, einmal an solchen Projekten beteiligt zu sein", erzählt Tritthardt im Gespräch mit der Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung. Nach der Schule folgte das Studium des Bauingenieurwesens in Stuttgart und die Spezialisierung auf den Leichtbau in Radolfzell am Bodensee. Dort befindet sich das "Büro für Leichtbau" von Tritthardt und seinem Ingenieurskollegen Dirk Richter. Das Stadion in Sotschi benötigte für die Feierlichkeiten ein geschlossenes Dach für den Mittelteil. Dieser überdeckt das Tragwerk der Fahranlage für die Show der Superlative zu den vier Hauptereignissen.

Die beiden wollten erst nicht über diesen Auftrag reden, der für Laien doch etwas Besonderes ist. Jörg Tritthardt winkt ab: "Vom Stellenwert her anspruchsvoller sind sicher unsere Schirmkonstruktionen im Dubliner Stadtteil Temple Bar, wo wir einen hohen gestalterischen Aufwand betrieben haben." Die vielen Referenzprojekte des Büros zeigen filigrane Blickfänge, alles extrem leichte Tragwerke in erstaunlicher Formenvielfalt, darunter auch wandelbare Bauten.

"Alles was wir und Kollegen unserer Branche in diesem Metier machen, sind Einzelanwendungen. Der einzige Vorsprung, den man sich verschaffen kann, ist durch Kreativität neue Lösungen zu entwickeln", machte Tritthardt deutlich. Tritthardt und Richter reizt der Leichtbau, weil dieser "unser Wissen, Können und unsere Erfahrung auf der einen und unsere Fantasie sowie Intuition" auf der anderen Seite gleichermaßen anspricht. "Wir haben gute Chancen in Projekten, bei denen auch Fachleute nicht weiterkommen", so Tritthardt. Etwas, was er in der Zusammenarbeit mit Christo bei der Reichstags-Verhüllung gelernt habe: "Es ist wichtig, sich den eigenen Horizont im Denken zu erweitern, dann schafft man auch eine kreative Lösung."

Gemessen an den textilen Dach- und Fassadenkonstruktionen, die das Team etwa 2011 für das riesige Salzwasser-Aquarium im Marina Life Park in Singapur, 2008 für die Traglufthalle einer Radrennbahn in Aguascalientes, Mexiko, gemeistert hat, ist das Stadion in Sotschi für die beiden Experten eher ein normales Projekt. Zu den Projekten mit lokalem Bezug gehörte auch die textile Bühnenüberdachung für die Pur-Tournee von 1998. "In Sotschi war die Herausforderung, für die temporäre Stadioneindeckung zwischen den Haupttribünendächern für eine Fläche von zwei Fußballfeldern ein Tragwerk mit wenig Gewicht zu entwerfen, das eine kurze Produktionszeit hat und sicher stellt, dass es unter dortigen Rahmenbedingungen problemlos montiert und wieder demontiert werden kann", erklärte der aus Freudental stammende Ingenieur. 500 Tonnen Stahl mussten für diese Luftkissenkonstruktion innerhalb von sechs Monaten verarbeitet werden - bis zur Montage von 40 000 Quadratmeter Membrane aus PVC-beschichtetem Polyester-Gewebe. "Es war wichtig, dass vor Ort alles ineinander griff, um den Zeitplan einzuhalten. Erschwerend kamen die Randbedingungen bei der Ausführung vor Ort hinzu", so Dirk Richter. Auch wenn alles geklappt hat, sehen die beiden Ingenieure das Olympia-Projekt kritisch: "Der Landschaftsverbrauch für die vielen neuen Gebäude und Anlagen ist wahnsinnig. Viele Bewohner wurden einfach umquartiert. Keiner weiß, ob und wie sie in irgendeiner Form vom Staat entschädigt werden. Das fördert nicht unbedingt das Image der Olympischen Spiele."