Kreis Ludwigsburg Flugzeugabsturz: Ludwigburger Seelsorger im Einsatz in Frankreich

Kreis Ludwigsburg / MARTIN TRÖSTER 26.03.2015
Noch in der Nacht zum Mittwoch machte sich ein fünfköpfiges Team aus der Region auf den Weg zur Unglücksstelle des Flugzeugabsturzes in Frankreich. Die Seelsorger waren laut DRK as erste deutsche Kriseninterventionsteam vor Ort.

Kurz vor 23 Uhr kam der Anruf aus Berlin. Das Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bat den Münchinger Dietmar Hein in der Nacht zum Mittwoch um Hilfe. Zwölf Stunden zuvor, gegen 11 Uhr am Vormittag, war der Germanwings-Flug 4U9525 in den französischen Alpen zerschellt. Das Generalsekretariat koordiniert die internationalen Hilfsaktionen des DRK und suchte nun Seelsorger für die Hinterbliebenen, die im Laufe des Mittwochs an der Absturzstelle erwartet wurden.

Die Berliner baten den Münchinger als ersten um Hilfe, weil bei ihm im Katastrophenfall als "Fachberater für psychosoziale Notfallversorgung des DRK in Baden-Württemberg" die Fäden zusammenlaufen. Hein sagt: "Es ging darum, schnell ein Team zusammenzustellen. Man hat bei uns Baden-Württembergern angefangen, weil wir in diesem Bereich sehr stark aufgestellt sind." Ein weiterer Grund sei die Nähe des deutschen Bundeslandes zu Frankreich gewesen. "Eine Anfrage in Mecklenburg-Vorpommern wäre wegen der großen Distanz zum Unglücksort ja eher kontraproduktiv."

Zuerst hat Hein als Vizechef der Notfallseelsorge im Landkreis den Ludwigsburger Kreisverband nach Helfern abgegrast. "Als Leitungskraft kenne ich meine Pappenheimer. Ich kann beurteilen, wer für diesen Einsatz geeignet ist." Die Ehrenamtlichen hätten noch um eins in der Nacht ihre Chefs aus dem Bett geklingelt und um Urlaub bis zum Rest der Woche gebeten. Dieses Engagement, sagt Hein, ist unter Notfallseelsorgern normal. Er selbst arbeitet hautpberuflich "bei einer Firma im Energieversorgungsbereich in Baden-Württemberg".

Keine fünf Stunden nach dem Anruf aus Berlin, um 3.30 Uhr, war ein fünfköpfiges Team schon auf dem Weg nach Frankreich - in einem DRK-Einsatzfahrzeug, das der Ortsverein Bietigheim den Helfern für den Einsatz überlassen hatte. "Wir waren somit die ersten Deutschen, die rausgegangen sind", sagt Hein.

Folglich waren die Ludwigsburger auch das erste deutsche Kriseninterventions-Team an der Absturzstelle und bis gestern Abend das einzige Seelsorger-Team aus dem Südwesten. Um 14 Uhr meldete der fünfköpfige Trupp an den Münchinger Koordinator Hein die Ankunft am Einsatzort bei Digne-les-Bains.

Vier der fünf Helfer haben eine zweijährige Notfallseelsorger-Ausbildung hinter sich. Einer ist ausschließlich als Fahrer dabei und im DRK in Ludwigsburg engagiert. Drei der Seelsorger stammen aus dem Kreis Ludwigsburg, die Teamleiterin aus dem Enzkreis. Sie arbeitet laut Hein im "psychotherapeutischen, sozialpädagogischen Bereich". Eine berufliche Nähe zur Notfallseelsorge habe bei der Auswahl des Teams aber keine Rolle gespielt. Erfahrung allerdings schon: "Sie müssen wissen, wie man sich am Einsatzort bewegt. Neue Kollegen schicke ich zu so einem Einsatz nicht runter", sagt Hein. "Vorkenntnisse im Bereich der Großschadensereignisse" seien wichtig gewesen - drei der fünf Helfer waren laut Hein bereits 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden im Einsatz. Auch wichtig: Das Team sollte gemischtgeschlechtlich aufgestellt sein.

DRK-Sprecher Arnim Bauer ergänzt: "Wir haben darauf geachtet, dass sie alle irgendwie Französisch sprechen." Einer, sagt Bauer, hat sogar schon einmal ein Jahr in Frankreich gelebt. Im Kern sollen sich die Seelsorger aber um die deutschsprachigen Hinterbliebenen kümmern. "Aber man kann ja nicht von französischen Polizisten verlangen, dass sie Deutsch können." Bis zum Donnerstag werden mindestens 800 Angehörige der Opfer bei Digne-les-Bains erwartet. Mehr als 70 der 150 Toten stammen aus Deutschland. Beim DRK geht man derzeit davon aus, dass der Einsatz der Seelsorger bis Sonntag dauert. Ginge es länger, müsste Hein sich um ein Nachfolgeteam kümmern. "Die Kollegen stehen mit mir in ständigem Kontakt", sagt er. "Damit wir wissen, falls die was brauchen."

"Derzeit nehmen sie dort die Arbeit auf", sagte DRK-Sprecher Arnim Bauer am Nachmittag. Das Team müsste sich erst einmal einfinden, sagt er. Konkret bedeutet das: Sie müssen sich in die Strukturen des französischen Katastrophenschutzes einfinden, die laut Bauer im Detail anders sind als in Deutschland. Und: "Sie müssen ihre Ansprechpartner kennenlernen." Dann kommen die Angehörigen.

"Leid zu lindern, ist nicht die Hauptaufgabe"

Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg - Zahlen und Fakten

Kirche und DRK Die Notfallseelsorge Ludwigsburg (NSL) wird getragen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den beiden großen christlichen Kirchen. Leiter ist der Oberriexinger Pfarrer Ulrich Gratz, Vizechef ist Dietmar Hein, der das Notfallseelsorger-Team für den Einsatz in Frankreich aufstellte.

Einsätze Für 2014 hat die NSL 164 Einsätze verzeichnet, 37 davon fallen laut NSL-Statistik in die Kategorie "Überbringung einer Todesnachricht, 34 in"Suizid/-Versuch/-Androhung", 24 in die Kategorie "Unfall", 23 in "Plötzlicher Todesfall", 13 in "Allgemeine Lebenskrise".

91 Seelsorger 91 ehrenamtliche Seelsorger zählt die NSL, 58 Männer und 33 Frauen. Etwa die Hälfte arbeitet laut Gratz in einer der beiden Kirchen, zum Beispiel als Pfarrer. "Wir haben auch eine ganze Menge Selbstständige", so Gratz, " beispielsweise Kfz- oder Maurermeister". Engagiert seien auch zahlreiche Frauen, die sich engagieren möchten, wenn die Kinder aus dem Haus sind. "Es engagieren sich einige, die in ihrem Umfeld erlebt haben, wie wichtig es ist, dass Menschen in so einer schlimmen Situation nicht alleine gelassen werden."

Viele Spenden Das Budget der NSL beträgt etwa 30.000 Euro im Jahr. Laut Leiter Ulrich Gratz stammt der Großteil aus Spenden, auch aus dem Opfer der Gottesdienste. An der Finanzierung der NSL sind der Kreis, die Kommunen und die Landeskirche beteiligt. Das DRK überweist jedes Jahr 5000 Euro.

Bereitschaft Der Landkreis ist in zwei Bereiche eingeteilt. In jedem hat ein Freiwilliger eine Woche lang Bereitschaft. Ob ein Seelsorger benötigt wird, entscheidet zum Beispiel der Einsatzleiter am Unfallort. Oder die Angehörigen wünschen einen. "Auch Polizisten nehmen gern einen Seelsorger mit, wenn sie Angehörigen zum Beispiel eine Todesnachricht überbringen müssen", sagt Gratz. Zwar seien Polizisten in dieser Hinsicht sehr gut ausgebildet, allerdings hätten sie oft einen streng getakteten Tagesablauf. "Unsere Notfallseelsorger können länger bei den Angehörigen bleiben", sagt Gratz.

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