Sersheims Bürgermeister Jürgen Scholz ist ein Freund des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Doch seit Monaten ist er in Rage. Der Grund: Der neue Metropolexpress zwischen Stuttgart und Pforzheim funktioniere nach wie vor nicht wie gewünscht. Deshalb pocht er mehr denn je auf die S-Bahn-Verlängerung über Bietigheim bis Vaihingen.

Aussagen von politischer Seite mit eigentlich guter Absicht reichen aktuell für einen Scholz-Brandbrief aus: eine Masterarbeit eines Absolventen an der Uni Stuttgart zur effizienteren Nutzung des S-Bahn-Netzes – gefördert durch den Stuttgarter Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel (Grüne) – und Reformwünsche des grünen Landtagsabgeordneten im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen, Daniel Renkonen. Letzterer fordert unter anderem die Reduzierung der 22 Verkehrsverbünde im Land. „Warum gibt es ständig neue Überlegungen zu Streckenaktivierungen, obwohl das Potenzial vorhandener Strecken noch nicht einmal optimal ausgenutzt wird“, ist eine Frage von Scholz in dem offenen Brief an die fünf Landtagsabgeordneten im Kreis.
Er bezieht sich auf die Untersuchung für den Regionalverkehrsplan zur S-Bahn-Verlängerung nach Vaihingen von 2013, die dem Vorhaben mit 4,3 ein hervorragendes Kosten-Nutzen-Verhältnis bescheinigte. 9200 Menschen mehr könnten demnach – bei verhältnismäßig geringen Investitionen – täglich auf die Schiene gebracht werden. Doch in dem Gutachten wurden auch Probleme aufgezeigt, die sich vor allem auf den Vaihinger Bahnhof beziehen. Dieser ist vor allem für durchgehende Züge geeignet. Ein dort wendender Zug würde mehrere Probleme mit sich bringen.
Aktuell hat ohnehin der vom Land eingeführte Metropolexpress Vorrang. An dem lässt Scholz kaum ein gutes Wort. Wegen vieler Probleme (die BZ berichtete) würden immer weniger Sersheimer die Bahn nehmen. „Zu sehen ist dies an dem vor dem Fahrplanwechsel immer vollen P+R-Parkplatz, der aber seit Januar 2020 nicht mehr ausgelastet ist.“ Scholz fordert von den Abgeordneten „konkrete Vorschläge“ und einen „realistischen Zeitplan“ für eine Lösung.
Auch Sachsenheims Bürgermeister Holger Albrich betont: „Wir unterstützen das Schreiben natürlich. Sachsenheim wird weiter wachsen. Wir müssen die Verkehrswende beschleunigen und die Leute zum Umsteigen bringen. Das geht nur mit einem attraktiven und zukunftsfähigen Bahnsystem.“

Mühlacker als Lösung

Beim Verband Region Stuttgart, Träger der S-Bahn, ist man indes einen kleinen Schritt weiter. Eine erneute Prüfung der Verlängerung der S5 hatte die Fraktion der Grünen in der Regionalversammlung im Oktober gefordert. Jetzt gab es die Antwort der Verwaltung: Offenbar könnte eine Verlängerung über Vaihingen hinaus bis Mühlacker die Lösung sein. Diese war in der Vergangenheit zurückgestellt worden, weil Mühlacker im Enzkreis und damit außerhalb des Zuständigkeitsbereichs des Verbands Region Stuttgart liegt. Doch spätestens seit der beschlossenen S-Bahn-Verlängerung nach Calw ist klar: Auch das geht.

„Insbesondere Mühlacker wäre als Endpunkt besonders geeignet, da das Mittelzentrum mit über 25 000 Einwohnern selbst ein entsprechendes Verkehrsaufkommen als Quelle und Ziel generiert“, hieß es schon 2013. In der Studie steht weiter: „Zudem sind die prognostizierten Investitionskosten in die Infrastruktur für die Variante Mühlacker am geringsten, da hierfür vor allem einfachere Maßnahmen in den Bahnhöfen nötig wären. Außerdem ist am Bahnhof Mühlacker tendenziell Platz für weitere Betriebsflächen, etwa Abstellanlagen, vorhanden.“
Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie von 2013 seien zwar „nur noch bedingt verwendbar“, heißt es in der aktuellen Stellungnahme des Verbands. „Sie können aber Grundlage für eine Vorauswahl einiger Betriebsvarianten sein. Zudem sind die Rahmenbedingungen auf politischer Ebene zu klären. Dazu ist insbesondere eine Abstimmung mit dem Land Baden-Württemberg als Aufgabenträger für den Regional- beziehungsweise Metropolexpressverkehr erforderlich.“ Außerdem seien die betroffenen Kommunen und Landkreise zu beteiligen. Laut der Grünen auf Facebook könnte im Herbst über die Vergabe eines neuen Gutachtens entschieden werden. Dann werden die Fahrplankonzepte zu Stuttgart 21 und Deutschland-Takt erwartet. Von diesen „ist alles abhängig“, erklärt Alexandra Aufmuth, Sprecherin des Verbands Region Stuttgart.

So reagieren die MdL auf die Scholz-Kritik


Daniel Renkonen (Grüne), den der Sersheimer Bürgermeister direkt anspricht, betont: „Wenn Herr Scholz die Presseberichterstattung der vergangenen Monate etwas aufmerksamer verfolgt hätte, dann wüsste er, dass ich persönlich eine S-Bahn-Verlängerung für begrüßenswert halte, weil die S-Bahnen einen besseren Takt fahren und vor allem besser auf die örtlichen Buszubringer abgestimmt werden könnten. (...) So ein Großprojekt lässt sich allerdings nicht im Hauruckverfahren durchsetzen, weil bestehende Bahnverbindungen im Regionalverkehr komplett geändert und die vorhandene Schienen-Infrastruktur massiv ausgebaut werden müssten.“

Markus Rösler (Grüne) schließt sich dem an und ergänzt: Schon seit vielen Jahren setze er sich für eine Verlängerung der S-Bahn ein. Gleichzeitig sei aber auch die schnelle Verlängerung zwischen Vaihingen und Stuttgart wichtig. Er plädiert für die „Doppelstrategie“: die Beibehaltung der bisherigen schnellen Verbindung in einer Viertelstunde von Vaihingen nach Stuttgart. Und die Verlängerung der S-Bahn bis Vaihingen oder Mühl­acker.

Fabian Gramling (CDU) sagt: „Der grüne Verkehrsminister hat sich zum Ziel gesetzt, den Regionalverkehr in Baden-Württemberg (mit dem Metropolexpress, die Red.) zu revolutionieren und dabei eine Bruchlandung erlebt. (...) Bei der Frage bezüglich einer besseren Anbindung der Raumschaft zwischen Bietigheim-Bissingen und Vaihingen fordere ich den Landesverkehrsminister auf, die Entscheidung über die Metropolexpresslinie zwischen Pforzheim und Stuttgart endlich voranzutreiben.“ Denn so lange der Metropolexpress im 30-Minuten-Takt fahre, ergebe die S-Bahn laut Regionalverkehrsplan nur geringe Vorteile. msc