Brackenheim Einzelkämpfer: Klaus Randoll leitet das kleinste Amtsgericht weit und breit

Brackenheim / DOMINIQUE LEIBBRAND 15.04.2014
Statt mit gefährlichen Rockerbanden schlägt sich der Brackenheimer Richter Klaus Randoll eher mit Lieschen Müller rum. Der 54-Jährige leitet eines der kleinsten Amtsgerichte Baden-Württembergs.

Um Schlag 11 Uhr betritt der Richter Klaus Randoll den Saal. Auf der Anklagebank sitzt eine Frau aus Güglingen, die Ende vergangenen Jahres eine Trunkenheitsfahrt Richtung Cleebronn hingelegt hat. Es wird keine Stunde verhandelt, dann sind die Argumente ausgetauscht und das Urteil gefällt.

Die Uhren ticken ein bisschen schneller im Brackenheimer Amtsgericht. Es ist eines der kleinsten in Baden-Württemberg, und Klaus Randoll ist dessen einziger Richter. Die großen Kapitalverbrechen kommen hier nicht zum Aufruf, man bewege sich eher am unteren Ende der Verbrechensskala, beschreibt es Randoll. Verkehrsdelikte, Beleidigungen, kleinere Drogengeschichten, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Schadensersatzklagen - um solche Dinge geht's hier.

Schon im Studium träumte der gebürtige Badener davon, einmal ein kleines Amtsgericht zu führen, auf das Brackenheimer hatte er zudem lang ein Auge geworfen. Wer die alten Parkettböden, die stuckbeladene Decken und die lindgrünen Türen in dem jahrhundertealten Bau sieht, kann verstehen, weshalb. Vor drei Jahren wurde Randolls Traum dann schließlich war: Er wurde von Marbach in die Heuss-Stadt versetzt. Hier muss Randoll zwar Verwaltungstätigkeiten übernehmen, kann aber auch weiterhin das tun, weshalb er einst in Mannheim Jura studierte: regelmäßig Recht sprechen. Direktoren an größeren Gerichten hätten dafür bei Weitem nicht so viel Zeit wie er, sagt Randoll.

Überhaupt beneidet der Richter Kollegen in größeren Häusern nicht. Wenn er sieht, wie die, etwa am Landgericht Heilbronn, mehrmonatige, zähe Großverfahren leiten müssen, ist der 54-Jährige froh, dass er es im Alltag eher mit Lieschen Müller und nicht mit Rockerbanden zu tun hat. Randoll: "Deren Gehalt ist härter verdient."

Ordentlich zu tun hat der Richter dennoch auch selbst. Mehrere Hundert Verfahren landen jährlich auf seinem Tisch. Während Juristen an größeren Gerichten Spezialgebiete haben, bearbeitet Randoll zivil- und strafrechtliche Sachverhalte gleichermaßen. Zwei Gerichtssäle stehen ihm dafür zur Verfügung.

Das Einzugsgebiet des Gerichts umfasst neben Brackenheim noch vier weitere Gemeinden - Cleebronn, Güglingen, Pfaffenhofen und Zaberfeld - und 30.000 Einwohner. Nicht viel, weshalb es schon mal vorkommen kann, dass Klaus Randoll den Menschen auf der Anklagebank kennt. "Zweimal musste ich ein Verfahren bislang wegen Befangenheit ablehnen."

Die Intimität des kleinen Gerichts schätzt der Mann mit dem grau-schwarzen Bart sonst aber. Wiederholungstäter erkennt er sofort, Entwicklungen könne er begleiten und womöglich frühzeitiger eingreifen. Richterkollegen zu haben, sich mit denen auch auszutauschen, vermisst der Jurist überdies nicht wirklich. Er sieht das Positive: Er könne seine Tage und die Verfahren frei und flexibel planen. In einer Kammer oder einem Senat müsse man sich stets absprechen. Sucht er doch einmal Rat, greift er zum Telefonhörer oder bespricht sich mit seinen Mitarbeitern - sieben Frauen und Männer sind ihm unterstellt. Wird Randoll indes krank oder will Urlaub machen, dann wird er von einem Kollegen aus dem Kreis Ludwigsburg vertreten.

Die Frau aus Güglingen wird an diesem Tag zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten auf Bewährung verurteilt - sie hatte mehrere Verkehrsteilnehmer gefährdet. Sie muss Arbeitsstunden leisten, ihr Führerschein kommt weg, auch eine Alkoholtherapie wird der Wiederholungstäterin zur Auflage gemacht. Klaus Randoll redet ihr ins Gewissen, nicht rückfällig zu werden, dann ist die Sitzung beendet. Nach der Mittagspause wartet der nächste Fall auf den Familienvater. Der hat es zwar täglich mit Gesetzesbrechern zu tun, im Vergleich findet er aber: "Hier ist die Welt noch in Ordnung."

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