Kreis Ludwigsburg Eine mörderisch gute Region: Lokal-Krimis sind beliebt

Viele Krimis spielen in der Region und im Kreis, wie die Bücher von Mark Stichler und Oliver von Schaewen.
Viele Krimis spielen in der Region und im Kreis, wie die Bücher von Mark Stichler und Oliver von Schaewen. © Foto: Martin Kalb
Kreis Ludwigsburg / JULIA SCHWEIZER 14.11.2015
Die Vorweihnachtszeit ist immer auch die Zeit der Bücher - ein Zeichen dafür sind etwa die Stuttgarter Buchwochen. Doch auch der Kreis Ludwigsburg hat literarisch einiges zu bieten, zeigt unser Samstagsschwerpunkt - etwa Mörderisches.

Die Leiche liegt mitten im Keller des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Und zwischen zwei Buchdeckeln. Der Roman "Schillerhöhe" des Autors Oliver von Schaewen gehört zu einem Genre, das sich bei Lesern großer Beliebtheit erfreut: Regionalkrimis.

3,2 Millionen Deutsche über zehn Jahre haben 2012 ein solches Werk gekauft, hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt, neuere Zahlen gibt es nicht. Die GfK hat sich auch mit den Eigenschaften befasst: Die Käufer - überdurchschnittlich viele Frauen ab 40 - seien Wiederholungstäter und kauften im Jahresschnitt 2,4 Titel. Und: "Wer Regionalkrimis liest, ist in der Regel gebildet, verdient gut und lebt im urbanen Raum."

Wohl auch deshalb spielen die meisten dieser Geschichten in Ballungszentren. Stuttgart hat gleich mehrere Kommissare, einige Bücher spielen im Schönbuch, und im Kreis Ludwigsburg waren neben von Schaewen auch schon Mark Stichler, Albrecht Schau oder Jürgen Seibold mörderisch unterwegs; letzterer etwa in Besigheim, wo eine seiner Titelfiguren, der Bestatter Gottfried Froelich, ein Institut betreibt. Der befasst sich im jüngsten Werk ("Brutal vergeigt") mit einem Mord beim Straßenmusikfestival.

Ähnlich stark vertreten sind nur noch die Eifel - hier verortete der als Pionier geltende Jacques Berndorf seine Krimis - und die Urlaubsregionen Allgäu und Nordsee, sagt Jürgen Seibold. Er hat auf seiner Website eine, wenn auch nicht vollständige, Übersicht. Dass die Region ein Schwerpunkt ist, könnte mehrere Gründe haben, etwa "spannende Gegensätze zwischen Land und Stadt, schöne Natur sowie eine recht hohe Bevölkerungsdichte und eine brummende Wirtschaft".

Letztere war ein Stück weit auch dafür verantwortlich, dass Mark Stichler seinen ersten Regionalkrimi schrieb. Ein Verleger hatte ihn gefragt, ob er seinen Krimi, an dem er arbeitete, nicht in der Region spielen lassen könne - und so kam es zu seinem ersten, Dr. Ohio, einem Psychiater aus Tübingen. Danach folgte der erste Fall für den Hauptkommissar Rocco Marino, der sich mit der Leiche befassen muss, die im Ludwigsburger Märchengarten an Rapunzels Zopf baumelt. Und im zweiten, "Gasgeschäfte", geht es um einen Trinker und selbsternannten freien Journalisten, der tot aus dem Neckar gezogen wird. Stichler sieht auch das Ruhrgebiet und Hamburg gut abgedeckt - und wirtschaftliches Kalkül der Verlage darin, die in Ballungsräumen mehr zahlendes Publikum sehen.

Deshalb könne man wohl auch nicht allzu weit raus gehen, sagt Stichler, der einen weiteren Krimi plant, der dann nördlich von Ludwigsburg spielen könnte. Dort spielt auch die Geschichte von Richard Keen, "Tod in Bietigheim-Bissingen". Sie ist in Kooperation mit der Buchhandlung Osiander entstanden, die den Lokalkolorit in das Buch gebracht hat. Das Projekt sei für mehrere Städte umgesetzt worden, heißt es.

Das zeigt die Bedeutung des Umfelds für viele Leser. Deshalb boome das Genre auch, sagt der Professor Albrecht Schau. Der Organisator der Ludwigsburger Kriminächte, selbst Autor eines Regionalkrimis, ist sonst auf literarische Mördergeschichten fokussiert. Er findet, dass die Qualität des Genres "manchmal zu wünschen übrig lässt". Dem Lokalkolorit werde stattdessen mehr Bedeutung zugemessen.

Da passt, was Jürgen Seibold sagt: "Wenn Autoren nur noch örtliche Gegebenheiten als Gerüst einer Story nehmen, ohne auf die Story selbst ausreichend Mühe zu verwenden; wenn Verlage eine Chance sehen, mit schnell gestrickten Krimis zusätzlichen Umsatz zu machen; wenn über dem Spiel mit karikierten Lokalgrößen die sorgfältige Konstruktion von lebendigen, aber fiktiven Figuren zu kurz kommt - dann kann das natürlich fürchterlich schiefgehen." Deshalb wollten einige Autoren auch nicht den Stempel Regionalkrimis bekommen.

"Ich würde es als breites Experimentierfeld sehen", sagt dagegen Oliver von Schaewen diplomatisch. Er sieht seine Romane eher als Hommagen an Dramen oder Balladen von Friedrich Schiller, widmete sich in "Räuberblut" aber auch dem Verdrängen von Erinnerung. Der Journalist recherchiert viel, für "Glockenstille" etwa, ob man mit einem bestimmten Sturmgewehr einen Hubschrauber so irritieren kann, dass dieser ins Trudeln kommt. Der Spaß dürfe dennoch nicht zu kurz kommen.

In "Schillerhöhe" verwende er eine Bombe, die auf den Gen-Code des Opfers anspringt. "Da habe ich das Genre im wahrsten Sinne des Wortes gesprengt", sagt er mit einem Augenzwinkern.

Dass Regionalkrimis auch explosive Wirkung haben können, hat Matthias Ulrich 2006 erlebt. "Feuerreiter" spielt zwar in einem fiktiven Ort, die Anlehnung an Pattonville ist aber deutlich. Das veranlasste den örtlichen Bürgerverein, zum Boykott aufzurufen. Der Fall beschäftigte auch die Politik, weil der OB das Buch als Gastgeschenk gewählt hatte, und machte Schlagzeilen - über die Region hinaus.

Info Literatur ist natürlich mehr als nur Krimis. Lesen Sie daher ganz unterschiedliche Geschichten auf den Seiten 11, 14, 15, 19 und 26.

Stuttgarter Buchwochen

Die Buchwochen laufen noch bis zum 6. Dezember im Haus der Wirtschaft in Stuttgart in der Willi-Bleicher-Straße. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20 Uhr.

Veranstaltungen gibt es unter anderem zum Gastland Großbritannien. Auch Mark Stichler und Jürgen Seibold lesen aus ihren Büchern. Das Programm steht unter

SWP

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